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Der alte Rotschopf ist da

Eine der berühmtesten Loks der Welt hat erstmals englischen Boden verlassen. Das Ende ihrer Reise ist in Dresden.

Von Lars Kühl

Jeden Moment müsste sie um die Ecke kommen. In der Morgenfrische ist das Warten eine kühle Angelegenheit. Kurz nach acht biegt Thomas Weber mit seinem bunten Schwerlasttransporter vom Terrassenufer in die Brühlsche Gasse. Der ist zwar 24 Meter lang, aber das Durchkommen ist für Weber noch kein Problem. Hinter der knallig orangefarbenen Zugmaschine folgt der rote Auflieger. Darauf ist, ordentlich verschnürt, ein blaues Paket festgezurrt.

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Unter den Planen ist sie also, die wertvolle Fracht. Erstmals hat sie englischen Boden verlassen. Um sich auf die weite Reise nach Dresden zu machen. Seit Montag steht sie nun bis September im Dresdner Verkehrsmuseum. Als Star der Ausstellung „Deutschland wird mobil – 175 Jahre erste deutsche Ferneisenbahn“, die in einer Woche eröffnet wird: die „Old Coppernob“. – Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Lokomotiven der Welt. 1846 wurde sie von Bury, Curtis & Kennedy Ltd. in Liverpool gebaut. Ihren Spitznamen, zu deutsch „alter Rotschopf“, verdankt die Lok dem Kupferbeschlag des Heizkessels. Bis 1898 fuhr die „Old Coppernob“ für die Furness Railway durch die Grafschaft Lancashire. Danach wurde sie auf der Station Barrow ausgestellt, weil die Lok damals schon populär war. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Exponat bei einem deutschen Luftangriff durch Schrapnell-Geschosse getroffen. Die Einschläge sind heute noch sichtbar. Seit 1975 gehört der „Rotschopf“ dem National Railway Museum in York.

Das Verkehrsmuseum unterhält seit Jahren gute Beziehungen dorthin. Johann Andreas Schubert orientierte sich 1838 beim Bau der „Saxonia“ an einem baugleichen Vorgänger der „Old Coppernob“. Ein Replik dieser ersten funktionstüchtigen Dampflok, die in Deutschland gebaut wurde, ist heute ein Publikumsmagnet im Johanneum am Neumarkt. Es liegt nahe, dass sich das Verkehrsmuseum um den „Rotschopf“ bemühte. Vor zweieinhalb Jahren sei erstmals darüber gesprochen worden, so Sven Bracke, Kurator der Ausstellung. Seit einem Jahr steht es fest, und jetzt ist die Lok da. „Für uns ist sie das entscheidende Exponat“, erklärt Bracke. Bevor die Öffentlichkeit die Coppernob sieht, musste sie zuerst in Position gebracht werden.

Thomas Weber steuert seinen Schwerlaster vorsichtig rückwärts zum Eingangstor in den Stallhof. Vorige Woche war er aus dem erzgebirgischen Schwarzenberg nach Rotterdam aufgebrochen, um von dort mit der Fähre über die Nordsee nach Hull überzusetzen. Am Mittwoch verfrachtete Weber in York die Lok und ihren Tender auf den Lkw. Am Freitag waren sie in Dresden. Am Standort von DB Schenker in der Friedrichstadt wurde die über elf Meter lange Fracht zwischengelagert. Das Transportunternehmen ist auch für das komplizierte Abladen verantwortlich. Mit einer Fernbedienung lenkt Schenker-Mitarbeiter Thomas Butter die drei Hinterachsen des Aufliegers durch das Tor. Im Schneckentempo schiebt sich der Laster vorwärts. Links und rechts bleiben nur wenige Zentimeter. Nach einer Hofrunde steht das Auto samt Lok vorm Hintereingang der Westhalle. Zwei Männer vom Wachschutz passen mit finsterem Blick auf. Die „Old Coppernob“ wird von vielen Händen ausgepackt.

8.45 Uhr hebt die blaue Plane ab. Darunter bleibt die Lok noch unter Folien und Decken versteckt. Zunächst werden Gleise vom Laster in die Halle verlegt. Das ist Millimetersache und dauert. Zehn nach neun zeigt sich endlich der „Rotschopf“, auch die Folie ist jetzt ab. Chris Beet ist zufrieden.

Der englische Restaurator ist extra aus York angereist, um das Aufstellen zu beaufsichtigen. Die Anforderungen an die Sicherheit und die Unterbringung sind groß. „Dass wir die Lok ausleihen dürfen, ist ein echter Vertrauensbeweis“, sagt Kurator Bracke. Schließlich sei die „Old Coppernob“ in der Eisenbahngeschichte „das wichtigste Objekt.“ Die Uhr zeigt mittlerweile 10.40 Uhr: Ganz langsam bewegen sich Lok sowie Anhänger und rollen in die Halle. Die provisorischen Schienen biegen sich bedenklich unten den rund 30 Tonnen. Aber sie halten. Immer wieder müssen die Schenker-Spezialisten nachjustieren. Erst kurz vor drei steht die „Old Coppernob“ neben der „Saxonia“. Zum Schluss hatte sie noch ihre Esse zurückbekommen.