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Der Architekt der noblen Stadt-Balkons

So ganz versteht Jochen Lagerein die Dresdner nicht. Einerseits, sagt der Architekt, schwärmten viele Einheimische in den höchsten Tönen von der Schönheit der barocken Stadtsilhouette. Könne es sich dann...

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Von Andreas Rentsch

So ganz versteht Jochen Lagerein die Dresdner nicht. Einerseits, sagt der Architekt, schwärmten viele Einheimische in den höchsten Tönen von der Schönheit der barocken Stadtsilhouette. Könne es sich dann aber jemand leisten, in die direkte Nachbarschaft der historischen Altstadt zu ziehen, entscheide er sich doch lieber für Loschwitz, Pillnitz, Blasewitz. Dabei hätte es doch was, vom eigenen Balkon aus den Zwinger, die Semperoper und die Hofkirche zu sehen. Er öffnet die Glastür im fünften Stock. „Schöne Aussicht, oder?“

An der Herzogin Garten heißt die Adresse. Dort lässt die Firma des gebürtigen Wuppertalers gerade vier noble Stadthäuser errichten. Jedes ist sechs Meter breit, fünf Geschosse hoch und entweder ganz oder teilweise zu verkaufen. Wem eine 125 bis 170 Quadratmeter große Maisonette-Wohnung genügt, ist mit etwa 400000 Euro dabei. Der Kauf eines mehrgeschossigen Stadthauses schlägt mit 660000 Euro zu Buche. Dafür ist allerdings eine Dachterrasse mit Blick auf die Dächer der Altstadt inklusive.

Chic wie im Wohnmagazin

Das Innere des Hauses bietet den Chic, wie man ihn aus einschlägigen Wohntraum-Magazinen kennt: Eichenholzparkett, türkischer Kalkstein, Glas und Chrom. Wer mag, kann die Wohnung per Fahrstuhl erkunden. Unpraktisch findet Lagerein das nicht – ganz im Gegenteil. „Ich wohne mit meiner Frau und drei Kindern selbst in einer Wohnung, die über mehrere Etagen reicht.“ So ergäben sich einerseits Treffpunkte für alle, andererseits Rückzugsmöglichkeiten für jeden Einzelnen, findet der 47-Jährige.

In den Stadthäusern am Herzogin Garten ließe sich diese ungewöhnliche Form des Wohnens ausprobieren. Bisher bekunden aber nahezu ausschließlich Zugezogene Interesse. Die lassen sich auch nicht von der Aussicht abschrecken, in ein Stadtviertel zu ziehen, dass noch nicht komplett entwickelt ist. Das ist viel verlangt für Menschen, die sich auch ein sehr repräsentatives Haus am Stadtrand leisten könnten. In das „Corners Place“ getaufte Eckgebäude mit dem tollen Balkon ist jedenfalls vor ein paar Tagen eine fünfköpfige Familie eingezogen.

Noch dominiert in und um die Häuser das Flair des Unfertigen, selbst wenn mittlerweile Gerüste verschwinden und die Handwerker nicht mehr auf Socken über das frisch verlegte Parkett huschen. Im April, spätestens aber Mai sollen alle Einheiten bezugsfertig sein.

An der Tatsache, dass noch viel zu tun bleibt, ändert sich vorerst nichts. Auf der anderen Seite der Straße soll eines Tages noch ein Hotel errichtet werden. Hinter dem Haus entstehen – ebenfalls in der Regie von Lagereins Firma Columbus Bauprojekt – schicke Appartementhäuser. „Ein Penthouse im siebenten Stock ist noch zu haben“, wirbt er und lacht.

Für den jugendlich wirkenden Architekten ist die Entwicklung dieses Teils der Wilsdruffer Vorstadt inzwischen ein Thema, das er mit Herzblut verfolgt. Dass er damit nicht so viel Interesse hervorruft wie die Investoren, die am Neumarkt bauen, scheint ihn wenig zu grämen. Wenn Lagerein seine Häuser für Besichtigungen geöffnet hat, kamen bisher mehr als genug Besucher. „Allerdings hauptsächlich Neugierige, weniger Kaufwillige.“ So sind sie, die Dresdner.