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Der Ausgestoßene

Eine Fehlinformation der Stasi bedeutete das Ende der Karriere von Dynamo-Stürmer Peter Kotte. Heute wird der Ex-Nationalspieler 60.

© kairospress

Von Jürgen Schwarz

Wenige Tage vor seinem 19. Geburtstag bestritt Peter Kotte sein erstes Oberligaspiel für Dynamo Dresden. Die Schwarz-Gelben gewannen gegen den 1. FC Lok Leipzig mit 1:0. Am Spieltag zuvor hatte Kotte noch für Stahl Riesa auf dem Rasen gestanden. Heute feiert der ehemalige Vollblut-Stürmer seinen 60. Geburtstag. Wer ihm gratulieren will, erreicht ihn allerdings nur auf dem Handy. „Ich bin mit meiner Frau Gudrun verreist.“ Wo er Urlaub macht, verrät er nicht, „sonst ist es mit der Ruhe hier vorbei“. Am kommenden Sonnabend will er wieder im Stadion sein. Seit 2007 stellt Dynamo ihm eine VIP-Karte.

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„Die Situation war schon etwas kurios“, blickt der Ex-DDR-Nationalspieler auf das Jahr 1973 zurück. „Dynamo bestritt im Europapokal der Landesmeister die legendären Duelle gegen Bayern München, und wenig später stand ich in diesem namhaften Kader.“ Einen Tag nach dem Rückspiel in Dresden, als Dynamo haarscharf an der Sensation vorbeigeschrammt war (3:4, 3:3), unterschrieb Kotte den Vertrag. „Wir hatten zuvor mit Riesa in Dresden 2:5 verloren. Trotz der Niederlage war ich Trainer Walter Fritzsch wohl positiv aufgefallen. Er suchte einen Angreifer, auch weil Frank Richter und Rainer Sachse lange verletzt ausfielen.“ Es folgten 156 Oberligaspiele und 36 Europapokalpartien, in denen er 57 Tore erzielte. Kotte feierte mit Dynamo drei Meisterschaften und einen Pokaltriumph. Hinzu kamen 21 Länderspiele. Bei seinem Debüt am 21. April 1976 gegen Algerien (5:0) traf er doppelt. Im gleichen Jahr gewann die DDR-Auswahl in Montreal Olympiagold. Kotte war nicht dabei.

„Vor den Sommerspielen waren wir noch im Trainingslager in Skandinavien. Danach musste Trainer Georg Buschner noch zwei Spieler aus dem Aufgebot streichen. Es erwischte mich und Rüdiger Schnuphase.“ Mit der Nationalmannschaft ist auch die schwärzeste Stunde des in Lötzschen bei Großenhain geborenen Kotte verbunden. Am 24. Januar 1981 stand in Berlin-Schönefeld der Abflug der DDR-Nationalmannschaft zu einer 22-tägigen Trainings- und Wettkampfreise nach Argentinien an. Auf dem Weg ins Flughafen-Hotel wurden Kotte sowie seine Mitspieler Gerd Weber und Matthias Müller verhaftet. Das Trio kam in Untersuchungshaft. Die Staatssicherheit war von einer geplanten Republikflucht in Südamerika ausgegangen. „Eine Fehlinformation durch einen Spitzel mit dem Decknamen Klaus Ihle, der in Wirklichkeit Michael Juraske hieß und im Motel Dresden arbeitete“, las Müller später in seiner Stasiakte. „In Wirklichkeit plante nur Gerd Weber die Flucht. Aber angedacht war da wohl ein Länderspiel gegen Italien im April 1981 in Udine.“ Während Weber verurteilt wurde, kamen Kotte und Müller wieder auf freien Fuß. „Das hatten wir wohl Gerd zu verdanken, weil der entsprechend ausgesagt hatte. Dennoch durften wir nur noch in der Bezirksliga oder darunter spielen, weil wir unserer Meldepflicht nicht nachgekommen waren.“

Einige Monate zuvor hatten die drei Dynamos ein Angebot vom 1. FC Köln erhalten. Beim Europapokalspiel in Enschede wurde Weber im Hotel „Memphis“ angesprochen. „100 000 DM-Mark Handgeld und ein Jahresgehalt von 200 000 DM-Mark. Ich wollte aber nicht weg, fühlte mich wohl in Dresden und bei Dynamo. Außerdem stand mein Hochzeitstermin im Standesamt auf der Goethestraße im Sommer 1981 schon fest.“ Viele Jahre später gelangte Kotte allerdings zu einer anderen Erkenntnis: „Was war ich nur für ein Riesenrindvieh. Ich hätte das Kölner Angebot annehmen sollen. Frau und Kind hätte ich schon irgendwie in den Westen nachgeholt.“ Man muss ihm zugute halten, dass er diese Aussagen erst machte, nachdem ihm – wie auch Müller und Weber – die Stasi die Laufbahn zerstört hatte. Peter Kotte wurde aus der Dresdner Oberliga-Mannschaft ausgeschlossen. In der laufenden Meisterschaft hatte er bis dato die meisten Tore für Dynamo erzielt, verschwand aber in der Fachzeitschrift „Die neue Fußballwoche“ ohne Begründung aus der Spitzengruppe der Torjägerliste der DDR-Oberliga. Kotte glaubte damals, „bald wieder spielen zu können, schließlich hatten wir keine Republikflucht geplant“.

Ein Irrtum. „Matthias hat für uns vier Gnadengesuche geschrieben, aber die Parteifunktionäre haben an uns ein Exempel statuiert“, sagt Kotte, der bei Fortschritt Neustadt ein neues sportliches Zuhause fand. „Aber nach dem Aufstieg in die DDR-Liga durfte ich nicht in der Elf bleiben. In einem Mannschaftsfoto wurde mir in der Zeitung der Kopf wegretuschiert.“ Mit 29 musste Peter Kotte seine Laufbahn beenden. Bei einem Punktspiel in Gröditz verletzte er sich schwer. Der Knöchel blieb steif – das Aus. „Ich musste damals mehrmals operiert werden, später kamen noch Keime in die Wunde. Zeitweise drohte mir sogar eine Amputation.“

Verbittert ist Peter Kotte nicht. „Ich habe Arbeit, bin glücklich verheiratet und habe einen Sohn , der ein richtig guter Junge ist“, sagt der 60-Jährige, der seit 2003 als Hallenwart in der DSC-Trainingshalle arbeitet. Noch drei Jahre hat er bis zur Rente. „Ich hoffe, ich packe das. Meine Knochen machen mir zu schaffen.“ Seine heimliche (Fußball-)Liebe gehört immer noch den Bayern. „Meine Frau ist Dortmund-Fan, die hat es derzeit nicht leicht“, sagt er schmunzelnd. Erst kürzlich waren sie gemeinsam in der Allianz-Arena. „Die Partie zwischen Bayern und dem BVB bot sich ja an. Am Ende musste ich sie wieder trösten.“