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Der baggernde Holländer

Johan Speksnýder räumt im Auftrag des Schifffahrtsamtes Untiefen aus der Elbe. Zuletzt schaufelte er Kies vor Rathen.

© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Die Passagiere der Fähre „Ratiner“ gucken irritiert, als wir mit Schwimmwesten um die Hälse an Bord steigen. „Jetzt hab’ ich aber Angst“, sagt ein Herr aus Hannover, der heute zur Bastei hinauf will. Ist das Übersetzen so gefährlich? Ralf Korte, der Mann vom Wasser- und Schifffahrtsamt an meiner Seite, besänftigt ihn. Wir wollen ja nicht auf die Bastei, sondern auf das Baggerschiff „Nova Venture“. Das liegt mitten im Fluss. Die Schwimmwesten sind Vorschrift. Der Fährmann macht für uns eine Extratour zu dem riesigen Fahrzeug mit dem langen Greifarm. Ein kleiner Schritt nur, und wir stehen zwischen allen Ufern.

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Johan Speksnýder (47) sitzt in der Bagger-Kanzel der „Nova Venture“ (kleines Foto), während ein Lotse auf der Brücke (l.) den Fluss beobachtet. Fotos: Norbert Millauer (2)
Johan Speksnýder (47) sitzt in der Bagger-Kanzel der „Nova Venture“ (kleines Foto), während ein Lotse auf der Brücke (l.) den Fluss beobachtet. Fotos: Norbert Millauer (2) © Norbert Millauer

Gebaggert wird in der Elbe seit vorigem November. Das Wasser- und Schifffahrtsamt lässt die zu flachen Stellen, sogenannte Mindertiefen, beseitigen. Sie sind von der großen Flut im Juni 2013 übrig geblieben. Damals wurden Steine und Sedimente von den Ufern, aus den Nebenflüssen und vom Elbe-Oberlauf herangespült. Irgendwo hat sich das Material niedergelassen, auch dort, wo es stört. Das Amt peilt die Fahrrinne regelmäßig. Ergebnis: An vierzehn Stellen zwischen Dresden und der Grenze zu Tschechien muss Elbekies raus, sonst könnte einmal die sprichwörtliche Handbreit Wasser unterm Kiel fehlen.

Ralf Korte breitet auf den Knien die Resultate der jüngsten Peilung aus. Hier, am Flusskilometer 22, macht die Elbe eine Biege. Außen, am Bastei-Ufer, fließt das Wasser flott und nimmt Material mit. Kortes Karte ist dort blau oder lila. Das heißt, der Fluss ist tief genug. Am Ufer gegenüber fließt die Elbe eher gemächlich und legt dabei Fracht ab. Die Karte ist grün, an manchen Stellen gelb. Gelb steht für Wassertiefen zwischen 1,40 und 1,50 Metern. Eins fünfzig müssen es an diesem Punkt sein. Mindestens. Deshalb ist Gelb schlecht „Es reicht einfach nicht“, sagt Korte.

Das Fahrzeug, auf dessen Deck wir jetzt sind, ist nicht der Bagger, sondern die „Domarin“, ein Schubverband aus Vilshofen an der Donau. Er liegt längsseits am Baggerschiff. Er ist der Lastenesel, dem der Flussschotter aufgebürdet wird. Der Greifer schwebt heran, mit triefendem Gebiss und einer neuen Ladung Schlick und Steine. Es rauscht und klackert in der Stahlwanne, als sich der Schlund entleert.

Steine stromabwärts versenkt

Etwa 1 500 Kubikmeter überschüssiges Material dürften an dieser Baggerstelle anfallen, sagt Ralf Korte. Und wohin damit? Alles bleibt in der Elbe. Die Domarin fährt ihre Last nur ein paar Kilometer stromabwärts. Dort, zwischen Stadt Wehlen und Pirna, gibt es eine tiefe Scharte im Flussbett. Da drin werden die Steine versenkt.

Wir steigen noch einmal über, diesmal auf die „Nova Venture“. Der Bagger ist auf Schienen ganz nach vorn an den Schiffsbug gerollt. Wir balancieren hin, entlang eines schmalen Vorsprungs zwischen Bordwand und Fluss. Dann geht es über steile Eisenstufen hoch zur Kanzel. Hier, acht Meter über dem Wasser, thront, inmitten von Steuerknüppeln und Bildschirmen, Johan Speksnýder, ein freundlicher, 47-jähriger Holländer. Er ist hier der Sub-Unternehmer und ein Multitalent – Schiffsführer, Baggerfahrer und Geschäftsmann in einer Person.

Johan lässt die stählerne Greifhand an ihrem 28-Meter-Arm schwingen und setzt sie dann platschend in die grünlich braune Flut. Nicht nach Augenmaß, sondern nach Plan. Auf seinem Kotrollmonitor wird das Gelb, jenes Gelb, das Ralf Korte ärgert, mit jedem Griff in den Fluss etwas grüner. Waren Schätze im Aushub? Johan grinst. Nee. Nur ein paar ziemlich große Steine.

„Nova Venture“, das heißt „Neue Unternehmung“, sagt Johan Speksnýder. Diese Unternehmung hier gefällt ihm. Eine schöne Gegend, ein ruhiger Fluss. Alles läuft nach Wunsch. Wenn es nur nicht so weit nach Hause wäre. Achthundert Kilometer sind es von hier bis an die holländische Nordsee. Aber mit dem Auto, versteht sich.