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Der bedächtige Diplomat

Nach der Reformation wirbt Johann Leisentrit für ein Miteinander der Konfessionen – und geht dafür bis zum Kaiser.

© Leihgeber: © Diözesanbibliothek Dresden-Meißen, BM

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Skeptisch schaut der Porträtierte aus dem Gesangbuch. Die Liedersammlung gehört zu den bedeutendsten Werken von Johann Leisentrit (1527-1586). Die über 260 Lieder stammen aus unterschiedlichen Quellen: Neben mittelalterlichen Hymnen finden sich Liedtexte von Jan Hus, Martin Luther und Thomas Müntzer. Doch Leisentrit war mehr als ein Liebhaber geistlicher Musik. In konfessionell unruhigen Zeiten ist der Domdekan Mittler zwischen Katholiken und Protestanten.

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Den Dom St. Petri teilen sich bis heute Katholiken und Protestanten. Das konfessionelle Miteinander geht auch auf den Domdekan Johann Leisentrit zurück.
Den Dom St. Petri teilen sich bis heute Katholiken und Protestanten. Das konfessionelle Miteinander geht auch auf den Domdekan Johann Leisentrit zurück. © Uwe Soeder

Der frische Wind der Reformation kommt in der Oberlausitz drei Jahre nach Luthers Thesenanschlag 1517 an. In Görlitz wird ab 1520 auf neue Weise gepredigt, drei Jahre später wird der erste evangelische Gottesdienst in der Petrikirche gefeiert. Die Domvikare Michael Arnold und Paul Cosel sind es, die sich vom Lutherischen Eifer anstecken lassen. Noch einmal vier Jahre weiter zieht auch der Protestantismus nach Kamenz. 1527 ist auch das Jahr, in dem Johann Leisentrit im mährischen Olmütz (tschechisch Olmouc), in einer Handwerkerfamilie geboren wird. Er ist der zweite von drei Söhnen eines Wagenbauers, viel mehr weiß man über seine ersten Lebensjahre jedoch nicht.

Im gut 300 Kilometer entfernten Bautzen entscheidet der Stadtrat über die Einführung der lutherischen Lehre. Schnell wechselt fast die komplette Stadtbevölkerung, fortan bestimmen harte Kämpfe den Alltag von Protestanten und Katholiken. Das altgläubige Domkapitel St. Petri beharrt jedoch auf seine Rechte als Eigentümer. Die Lutheraner beanspruchen indes die Petri-Kirche als ihre Stadtkirche. Jens Bulisch schreibt in seinem Buch „Das Bistum Meißen in der Reformationszeit“: „Die Auseinandersetzungen reichten von gegenseitiger Hetze und Unterstellungen, der Störung der Gottesdienste bis zu Handgreiflichkeiten“. Es ist eine bewegte Zeit. Selbst einige katholische Domherren verabschieden sich von ursprünglichen Sichtweisen und sympathisieren mit dem neuen Aufbruch. So erlaubt Dekan Paul Küchler 1543 evangelischen Gläubigen die Mitnutzung des Doms. Schon lange, so schrieb Kirchenhistoriker Siegfried Seifert 1987 in seinem Buch über Johann Leisentrit „ließ er sich eifrig die Schriften Martin Luthers aus Wittenberg schicken“.

In Prag um Unterstützung gebeten

Zudem predigt er im Sinne des Vaters der Reformation. Einer seiner Nachfolger, Hieronymus Ruperti, handelt mit dem Stadtrat ein erstes Pamphlet zur gemeinsamen Nutzung der Petri-Kirche aus. Doch auch der Sohn des Bautzener Bürgermeisters schafft es nicht, den Frieden hinter den dicken Stadtmauern herzustellen.

Zu diesem Zweck muss Johann Leisentrit Budissin betreten. Der Theologe kommt 1551 in die Stadt. Zuvor studiert er an der Universität in Krakau. Nach seiner Priesterweihe 1549 wechselt er als Erzieher auf den Prager Hof, wo Ferdinand I. residiert. Von Moldau aus bewirbt sich der junge Mann auf Anstellungen bei den benachbarten Bischöfen - in Meißen, Merseburg und Naumburg. Er gehört zu den Fortschrittsdenkern, glaubt an die Reformation der katholischen Kirche aus sich heraus.

Diese verbindliche Sichtweise öffnet Türen an der Spree. Und die Aufgaben für den damals 24-Jährigen sind riesig. Amtshauptmann Ulrich von Nostitz hat nämlich gerade die mit Schulden belasteten Güter des Domkapitels beschlagnahmt. In Gedanken spielt er schon damit, die Ländereien in königliche Latifundien umzuwandeln. Leisentrit bekommt den Auftrag, nach Prag zu Ferdinand I. zu reisen und ihn um Unterstützung zu bitten. Mit Erfolg - 1552 erhält der Landvogt die Aufforderung, die Sperrung der Einkünfte aufzuheben.

Sieben Jahre später wird der Kirchendiplomat 1559 Dekan, Vorsteher des Domkapitels. 1560 wird er zudem von Papst Pius IV. zum Apostolischen Administrator des Bistums Meißen in den beiden Lausitzen ernannt und von Kaiser Ferdinand I. (1503-1564), der als böhmischer König auch Landesherr der Lausitzen war, zum Generalkommissar in Religionssachen der Lausitz bestimmt. Fortan prägen sein Wirken, wie Jens Bulisch schreibt, „Bedachtsamkeit und Beharrlichkeit im Zusammenspiel mit einer scharfen Selbstbeobachtung und dem Abschätzen des Machbaren.“

Ein Wermutstropfen bleibt

Dieses Machbare ist bis heute im Dom St. Petri zu sehen. Denn Johann Leisentrit handelt mit dem protestantischen Rat einen Vertrag zur gemeinsamen Nutzung der Petri-Kirche aus. Die Unterschriften trocknen im Jahr 1583. Im Abkommen bewilligt der Dekan für die Lutheraner den Gebrauch der Empore für ihre Schüler und die Benutzung der Orgel an einigen Tagen des Kirchenjahres. Zudem gestattet er den 1574 gegründeten Inquilinern, dem evangelischen Schülerchor, bei Trauungen zu singen. Dagegen verpflichten sich die Ratsherren, Schmähungen zu unterlassen und keine Neuerungen in der Kirche einzuführen. Nur ein Wermutstropfen bleibt: Leisentrit hält an der Taufe aller Kinder im Chor von Priestern des Domkapitels fest.

So hat Johann Leisentrit gar keinen Grund so skeptisch aus dem Liederbuch zuschauen, dass bis Sonntag in der Ausstellung „Ein Schatz nicht von Gold. Benno von Meißen - Sachsens erster Heiliger“ auf der Meißner Albrechtsburg zu sehen ist. Danach wird es wieder an seinen alten Platz im Domkapitel St. Petri zurückkehren. Der Mann des Ausgleichs aber fand seine letzte Ruhestätte selbstverständlich im Bautzener Dom. Ein Bronzeepitaph erinnert bis heute an ihn.