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Der Besondere

Der Spanier Pablo Pineda hat das Down-Syndrom und trotzdem auf Lehramt studiert. Es wundert ihn nicht, dass das ein Politiker in Sachsen nicht versteht.

© AFP

Von Martin Dahms, SZ-Korrespondent in Spanien

Pablo Pineda lebt in Malaga an der spanischen Mittelmeerküste, weit weg von allen sächsischen Debatten. Und er hat auch noch nie von Thomas Hartung gehört, dem stellvertretenden Vorsitzenden der „Alternative für Deutschland“ in Sachsen. Doch er wundert sich nicht, dass Hartung ein Problem mit ihm hat.

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„Das muss einen nicht wundern“, sagt Pineda, der das Down-Syndrom hat. „Viele denken so, aber aus Vorsicht sagen sie es nicht.“

Auch Thomas Hartung in Dresden hat Pablo Pineda nie kennengelernt. Aber er hatte ein paar Dinge über ihn zu sagen. „Sei nur blöd genug, reise in der Welt herum, die Dummen wenden sich schon ganz allein dir zu“, schrieb er auf Facebook über den Spanier, von dem er in der Zeitung gelesen hatte. Hartung, der Hochschullehrer in Dresden ist, störte sich daran, dass Pineda Lehrer sein will? „Ich spreche einem Menschen mit Trisomie 21 die Befähigung ab, in Deutschland den Hochschulberuf eines Lehrers zu ergreifen, und gebe kund, dass ich als Nichtbehinderter von einem solchen nicht unterrichtet werden möchte.“ Sogar in seiner eigenen Partei erntete er dafür Empörung, die TU Dresden prüft ernsthafte Konsequenzen.

Sich selbst wertvoll finden

Pablo Pineda reagiert gelassen, als er vom SZ-Korrespondenten zum ersten Mal hört, was Hartung von ihm hält. Er ist 39 Jahre alt und hat genügend Zeit gehabt, die Menschen kennenzulernen. Er kam mit dem Down-Syndrom – auch Trisomie 21 genannt – zur Welt. Er ging zur Schule, machte das Abitur und schloss ein Studium zum Grundschullehrer ab. „Natürlich kann jemand mit Down-Syndrom Unterricht geben“, sagt Pineda, „wenn er den entsprechenden Abschluss dafür hat.“

So einfach ist das.

So einfach ist es natürlich doch nicht. Pineda ist ein besonderer Mann, und er weiß das wahrscheinlich, auch wenn er nicht darüber redet. Er versucht nur, anderen, die es im Leben schwerer haben als der Durchschnitt, Mut zu machen: „Dass sie nie die Zuversicht verlieren, dass sie sich als wertvoll empfinden, dass sie sich akzeptieren und lieben, dass sie niemanden beneiden, dass sie ohne Komplexe leben.“

Er selbst hat es geschafft. „Ich bin glücklich“, sagt er. Er sagt das immer wieder.

Schon vor Jahren hat Pineda erklärt: „Ich empfinde mich als privilegiert.“ Er selbst habe immer gewusst, was er wolle. „Und meine Eltern haben mir unendlich geholfen. Sie haben auf meine Fähigkeiten vertraut, und sie haben mich immer unterstützt, ohne Unterschiede zu meinen Brüdern zu machen.“

Vertrauen von Eltern und Lehrern

Pablo kam im August 1974 als vierter Sohn seiner Eltern in Malaga zur Welt. Für die meisten Eltern ist die Diagnose Down-Syndrom ein Schock. Vicente del Bosque, Spaniens Fußballnationaltrainer, erzählte einmal, wie er und seine Frau auf die Nachricht reagierten, dass ihr Sohn Alvaro das Down-Syndrom hat: „Am Anfang haben wir viel geweint. Wenn ich jetzt zurückschaue, denke ich: Was für Idioten wir doch waren.“ Er liebe seinen Sohn, „der zu keiner Bosheit fähig ist“, über alles.

Mit der unbedingten elterlichen Liebe wuchs auch Pablo Pineda auf. Sein Vater Roque und seine Mutter Maruja ahnten, welches Potenzial in ihrem Jüngsten steckte. Sie bemerkten, dass sie ihn zur Selbstständigkeit erziehen könnten. Und sie fanden an den öffentlichen Schulen in Malaga Lehrer, die ihr Vertrauen teilten und den Jungen förderten.

In einem Interview mit der Zeitung „El País“ erzählte Pablo Pineda mal von einem Gespräch, das er „mit sechs oder sieben Jahren“ mit einem Professor führte, der sich für seinen Fall interessierte und ihm erklärte, was das Down-Syndrom sei. „Bin ich dumm?“, fragte Pablo den Professor, nachdem er die Erklärungen gehört hatte. „Werde ich weiter lernen können?“ Natürlich, antwortete der Professor. Nur die anderen Kinder waren sich da nicht so sicher. „Du Armer, du bist krank“, sagten sie ihm.

Aber Pablo erwies sich als überdurchschnittlich intelligent. Er schaffte das Abitur und nahm in seiner Heimatstadt Malaga ein Studium zum Grundschullehrer auf. Und er machte Schlagzeilen: als erster Europäer mit Down-Syndrom, der es zu einem Universitätsabschluss brachte.

Der Ruhm, den ihm seine akademische Karriere einbrachte, hat Pablo Pineda schließlich auf andere Wege als den des Lehrerberufs geführt. Er ist heute Vortragsreisender in Sachen Integration. „Ich war schon in Kolumbien, in der Dominikanischen Republik, in Brüssel“, erzählt er. Die Fundacion Adecco, eine Stiftung, die sich stark macht „für Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen großen Schwierigkeiten gegenüber sehen, eine Beschäftigung zu finden“, hat ihn unter Vertrag genommen. „Du machst schließlich, was du kannst“, sagt Pineda. Mit den Vorträgen komme er finanziell über die Runden.

Im Herbst vergangenen Jahres moderierte Pineda eine Sendung im zweiten Programm des öffentlichen spanischen Fernsehens, „Denk positiv“. Auch darin ging es um die Integration Behinderter ins Berufsleben, obwohl Pineda in der Sendung lieber von „Personen mit anderen Fähigkeiten“ sprach. Dort konnte man seine Unbefangenheit und Professionalität beobachten. Er redet mit kräftiger, dunkler Stimme, auch wenn seine Aussprache wegen des Down-Syndroms ein wenig verwaschen ist, dazu macht er weit ausholende Bewegungen. Fast wie ein Schauspieler.

Immer sehr glückliche Person

Das war er auch mal. In dem spanischen Film „Me too – wer will schon normal sein?“ aus dem Jahr 2009 spielt Pineda einen jungen Mann mit Down-Syndrom und Universitätsabschluss, der sich in eine Arbeitskollegin verliebt. Seine eigene Geschichte? Nicht ganz. Daniel, der Mann, den Pineda verkörpert, hält seinen Filmeltern in einer Szene all die Mühe vor, die er sich im Leben geben müsse, um zu sein, was er ist – nur um am Ende nicht glücklich zu werden. „Pablo Pineda ist in dieser Beziehung anders als Daniel“, sagt Pineda. „Das genaue Gegenteil: Ich bin immer eine sehr glückliche Person gewesen. Ich habe nie bereut, was ich getan habe.“ Die Juroren des Filmfestivals von San Sebastián anerkannten die schauspielerische Leistung von Pineda und zeichneten ihn und seine Filmpartnerin, die wunderbare Lola Dueñas, mit der Silbernen Muschel als beste Hauptdarsteller aus.

Pineda genoss den Rummel um den Film. „Schon vorher haben mich die Leute auf der Straße erkannt und angehalten“, erzählt er. „Aber es gibt einen Unterschied. Vor dem Film haben mir die Leute gesagt, ah, du bist Pablo, ich hab dich im Fernsehen gesehen. Jetzt bin ich der Schauspieler. Das finde ich viel lustiger!“ Aber er wusste, dass er im Leben etwas anderes machen wollte als Schauspielerei, „etwas Soziales, etwas, das den Leuten hilft“. Also hält er Vorträge und hat im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, „Die Herausforderung zu lernen“, in dem er über seine eigenen Erfahrungen in einem Schulsystem spricht, das sich oft immer noch schwertut mit Schülern, wie er einer war.

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In seinem Leben hat Pablo Pineda vieles erreicht, von dem andere, vermeintlich „normale“ Leute nur träumen. Aber eine Leerstelle gibt es doch: die Liebe. Er verliebt sich immer in die Schönsten, die Unerreichbaren. „Und die schauen mich an und sagen: Lass uns lieber Freunde sein.“ Ein Satz, den kein Mann gerne hört. Vielleicht macht er etwas falsch. „Kann sein. Die Down-Syndrom-Leute – sehr schön sind wir nicht, ehrlich gesagt. Auch diesen Nachteil haben wir.“ Und er lacht aus vollem Herzen. Seit Jahren geht das schon so. Er hätte gern eine feste Partnerin, aber er findet keine. „Es ist kompliziert. Dauernd wirst du auf die Wirklichkeit gestoßen.“

Und die ist nicht immer rosig, selbst nicht für einen glücklichen Menschen wie Pablo Pineda.