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Der Betrüger mit der Stimme im Kopf

Ein 45-Jähriger fährt immer wieder quer durch Deutschland, ohne sein Benzin zu bezahlen. Vor Gericht hat er dafür eine eigenwillige Erklärung.

Von Christoph Scharf

Steffen O. ist der Albtraum jedes Tankpächters: In den vergangenen Jahren hat er seinen VW Polo dutzendfach vollgetankt, ohne zu bezahlen. Dafür hat der Mann aus einem Dorf bei Kamenz bereits 16 Vorstrafen kassiert – und sitzt nun in der JVA Görlitz ein, weil er die Geldstrafe nicht zahlen konnte. Von dort wurde er gestern ins Bautzener Amtsgericht eskortiert. Denn mittlerweile waren schon wieder drei neue Anklagen über 15 Fälle von Tankbetrug aufgelaufen. „Der Staat kommt bei ihnen gar nicht mehr hinterher mit dem Verurteilen“, sagt Richter Dr. Dirk Hertle.

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Der 45-Jährige im Jogginganzug hört geduldig der Staatsanwältin zu, die minutenlang die Tatvorwürfe vorträgt: Da sind es 44 Liter Superbenzin in Kamenz, da 26 Liter am Rasthof Oberlausitz-Süd, da 33 Liter am Rasthof Bispingen in Niedersachsen. Auf deutschen Autobahnen war Steffen O. offenbar zu Hause: Auch Rasthöfe in Hessen, Süddeutschland oder Sachsen-Anhalt tauchen im Wochentakt in der Anklage auf. „Ich muss einfach meine Runden fahren“, sagt der gelernte Maurer. „Ich hab doch dieses Ding dran. Da haste nicht die Spur einer Chance.“ Dieses Ding? „Was soll denn das sein?“, will der Richter wissen. Die Antwort bleibt kryptisch. „Na, das Ding von der GEZ. Das hab ich von Geburt an. Da kann man nichts machen.“ Die Zuschauer grinsen. Richter, Staatsanwältin und Verteidigerin schauen irritiert. Zumal Steffen O. zu weiteren Erklärungen ansetzt. „Ich hab’ doch diesen Drang. Ich muss fahren. Sonst platzt mein Kopf auseinander.“

Glaube an Fernsteuerung

Am Tisch gegenüber macht sich Psychiater Dr. Sebastian Spirling Notizen. Er kennt den Polo-Fahrer schon länger. Und weiß, dass der frühere Gabelstaplerfahrer nicht schauspielert, um der Bestrafung zu entgehen. 2006 wurde er das erste Mal in die Psychiatrie eingewiesen, weil er seinen Neffen mit einer Schere bedrohte. Danach ging die Sache mit den Tankbetrügereien los. „Wenn Herr O. keine Medikamente nimmt, kann er sein Verhalten nicht mehr steuern.“ Schuld daran ist eine Schizophrenie – mit dem Glauben, ferngesteuert zu werden. Das ist nicht heilbar, lediglich unter ärztlicher Betreuung kontrollierbar.

Steffen O. sagt selbst: „Wenn ich einen Autoschlüssel habe, muss ich sofort losfahren.“ Seine Vernunft reicht aber so weit, freiwillig auf sein Auto zu verzichten, das die Staatsanwaltschaft als Tatwerkzeug beschlagnahmt hatte. Richter Hertle empfiehlt ihm, lieber das Fahrrad zu nutzen. „Dann radle ich eben wieder Tag und Nacht über die Dörfer“, sagt der 45-Jährige. Bis zum Januar muss er damit noch warten: So lange sitzt er seine letzten Geldstrafen ab. Im Verfahren gestern wurde er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen. Die Tankstellen haben trotzdem noch Anspruch auf ihr Geld – sollte O. jemals wieder über welches verfügen. Insgesamt gab es in Deutschland vergangenes Jahr fast 90 000 Fälle von Tankbetrug – so viel wie nie. Knapp die Hälfte wird aufgeklärt. Auf Betrug stehen bis zu fünf Jahre Haft.