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Politik

Corona: Der Virologe, dem jetzt alle zuhören

Was Charité-Chefvirologe Christian Drosten rät, versucht die Politik umzusetzen. Warum selbst die Bundeskanzlerin diesem Mediziner zuhört.

Der Mann, auf den Merkel hört: Christian Drosten.
Der Mann, auf den Merkel hört: Christian Drosten. © dpa

Von Hannes Heine und Lars Spannagel

Fast 500 Zuhörer im engen Hörsaal, dicht an dicht, volle Sitzreihen. Vor zwei Wochen, vor einer gefühlten Ewigkeit, erscheint das niemandem als Problem. Wohl auch Christian Drosten nicht. Der Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité kommt um kurz vor 10 Uhr in diesen Hochschulsaal, legt den Rucksack ab, schüttelt Hände. Vor Studenten des Instituts für Pflanzenphysiologie und Mikrobiologie der Freien Universität Berlin hält Drosten an jenem Freitag im Februar einen Vortrag – Titel: „Wissenschaftliche Fakten zum Coronavirus“.

Schon an diesem Tag suchen Mediziner, Politiker und Reporter Drostens Expertise. Damals zeichnet sich bereits ab, dass aus Christian Drosten, 47 Jahre, Familienvater, wohl Deutschlands einflussreichster Arzt wird. Er ist der Mann, den Millionen Bundesbürger inzwischen in Talkshows gesehen haben, dessen Twitter-Statements – er hat fast 50.000 Follower – massenhaft verbreitet werden.

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Drosten fragen Ärztekollegen aus den Forschungsmetropolen der Welt um Rat, er hat in diesen Tagen erst Berlins Bürgermeister Michael Müller, SPD, dann Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, persönlich beraten.

Die Charité wirbt den Virologen aus Bonn ab

Was Drosten empfiehlt, wird nach ein, zwei Tagen – in der Berliner Landespolitik auch mal nach drei Tagen – zum politischen Gebot. Massenveranstaltungen? Sie zu untersagen, wäre sinnvoll, sagt Drosten zu Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der empfiehlt tags darauf, Veranstaltungen ab 1000 Teilnehmern abzusagen. Schulen, kleinere Tagungen und Clubs schließen? Ratsam! Bald setzen erste Bundesländer dies um.

Christian Drosten (l.) mit Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, und Lothar H. Wieler (r), Präsident Robert Koch-Institut, in der Bundespressekonferenz.
Christian Drosten (l.) mit Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, und Lothar H. Wieler (r), Präsident Robert Koch-Institut, in der Bundespressekonferenz. © dpa

Dabei wirkt Drosten auf Kollegen zuweilen wie das Klischee eines Laborforschers, was durchweg als Kompliment gemeint sei: ziemlich schlank, äußerst höflich, dazu die Wuschelfrisur eines Nerds. Drosten ist auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufgewachsen, schon im Studium in Frankfurt am Main wird deutlich, dass er seine berufliche Zukunft in der Welt der Viren sieht.

Später arbeitet er am Institut für Tropenmedizin in Hamburg, dann als Leiter des Instituts für Virologie der Universität Bonn, von wo aus sein Name bis an die Berliner Charité dringt.

Der damalige Chef der Universitätsklinik, Karl Max Einhäupl, will Drosten in die Hauptstadt holen. Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach, SPD, ist schnell überzeugt. Und so wirbt Berlin im Jahr 2017 Drosten aus Bonn ab, beruft ihn als Direktor des Instituts für Virologie der Charité auf dem Campus in Mitte. Warum kennt Drosten die Coronaviren, die ja aus dem fernen Ostasien stammen, eigentlich so gut? 

Weil er seit fast 20 Jahren, grob vereinfacht gesagt, an den Viren aus der Stammfamilie der neuen Infektion dran ist: Drosten hat 2003 das Sars-Virus mitentdeckt, aus dem sich Corona entwickelte, kennt die molekulare Struktur dieser Erregerfamilie und studiert seit Jahren die Daten zu den Epidemien unserer Epoche, die in aller Welt erhoben werden.

Auch bei seinem Vortrag an der Freien Universität vor zwei Wochen berichtet Drosten von der Sars-Epidemie, die ebenfalls in China ausgebrochen ist. Er konnte damals zügig einen Nachweistest präsentieren, später erhielt er dafür das Bundesverdienstkreuz. Drosten erzählt von dem chinesischen Lungenarzt, der als sogenannter „Superspreader“, also unfreiwilliger Mega-Verbreiter, die Reise des Sars-Virus um die Erde beschleunigte.

Der Mann hatte sich im chinesischen Guangdong infiziert, reiste nach Hongkong, wo er in einem Hotel etliche Gäste ansteckte, die das Virus wiederum an andere übertrugen. Der Arzt habe sich, erzählt Drosten, im Hotel zu einer Hochzeitsfeier gesellt, sich am Büfett bedient. „Sie wissen doch, wie wir Wissenschaftler sind“, sagt Drosten schmunzelnd. „Wir gehen an keinem Büfett vorbei.“ Das Publikum lacht.

„Wir erleben eine Naturkatastrophe in Zeitlupe“

Witze über das Coronavirus werden heute nicht mehr gemacht. Seit dem Vortrag an der Freien Universität ist viel passiert. Die meisten Dinge, die Drosten im Februar vorausgesagt hat, traten so ein. Damals betonte er, wie wenig verlässliche Zahlen über das neuartige Virus zur Verfügung stünden, wie schnell es sich in Deutschland verbreiten könnte, wer dann alles – Ältere, Vorerkrankte – besonders gefährdet sei.

Am Donnerstagabend sitzt Drosten in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner, die Stühle im Hintergrund sind leer, auch hier wirkt das Gebot, derlei Menschenansammlungen zu vermeiden. Virologe Drosten – dunkles Hemd, schwarzes Sakko, kein Schlips – hat die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet.

Dem Fernsehpublikum wird er mit einem seiner Zitate der vergangenen Woche vorgestellt, fast täglich greifen nationale, aber auch internationale Medien seine Statements auf. Zu seinem Ärger – das bleibt im Tumult dieser Zeit nicht aus – bisweilen auch verzerrt. Das Zitat, mit dem er in die Talkshow eingeführt wird, stammt aber wirklich von Drosten: „Wir erleben eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft.“

„Kann nicht einfach irgendeine Zahl in die Welt setzen“

Moderatorin Illner fragt ihn, was momentan das Gebot der Stunde sei, um die Pandemie einzudämmen: „Wir haben ein gutes Zeitfenster, um mit einem kühlen Blick Dinge zu machen“, sagt Drosten. „Das ist das Allerwichtigste.“ Auf reine Spaßveranstaltungen solle man verzichten: „Man muss nicht immer Spaß haben.“

Einen Tag später stellt die Bundesliga den Spielbetrieb ein. Drosten spricht mit ruhiger Stimme, vorsichtig, konzentriert. Er ist sich bewusst, wie viel Gewicht sein Wort inzwischen hat, welche Folgen eine unbedachte Äußerung hätte.

Wie viele schwere Erkrankungsfälle es in Deutschland geben werde? „Ich kann hier nicht einfach irgendeine Zahl in die Welt setzen“, sagt Drosten. Und wie sieht der weitere Verlauf der Pandemie aus? „Das sind Projektionen, die ich hier so nicht machen kann.“

Medialer Druck? „Ich halte das jetzt einfach aus“

Nur einmal wird Drosten energisch, für seine Verhältnisse schüttelt er vehement den Kopf: als Illner ihn mit der Aussage konfrontiert, man könne sich mehrfach mit dem Covid-19-Virus anstecken. Drosten stellt klar: Das habe er nie gesagt, er glaube auch nicht an diese Theorie. Fehlinformationen wie diese, sagt er, seien der Grund, warum er darauf bestehe, dass das Coronavirus eine längere Aufmerksamkeitsspanne benötige als eine Schlagzeile. „Und es ist mir ganz egal, wie ich da verkürzt werde. Ich werde ständig verkürzt“, sagt er. „Und ich halte das jetzt einfach aus.“

Christian Drosten, das bestätigen Charité-Kollegen, ist überzeugt davon, dass gerade in Krisenzeiten nur maximale Transparenz hilft. Auch deswegen geht Drosten in Talkshows, gibt Interviews, widmet täglich rund 30 Minuten seiner Zeit einem Podcast des NDR, in dem er den Stand der Forschung und die Folgen für den Alltag darlegt.

Bei Youtube haben die ersten Podcast- Folgen Aufrufzahlen zwischen 20.000 und 40.000, die neuesten Folgen liegen bei mehr als 300.000 Zuhörern. Laut NDR wurden die Interviews mit Drosten bislang mehr als 1,8 Millionen Mal auf verschiedenen Plattformen abgerufen oder heruntergeladen.

In der aktuellen Folge sagt Drosten, die Menschen in Deutschland müssten sich nicht „von heute auf morgen“ zu Hause einschließen. Die Infektionsdichte sei noch nicht so hoch, „dass man überall hinter jeder Ecke den nächsten Infizierten vermuten muss“. Bei Youtube hinterlassen die Hörer dankbare Kommentare. „Die zurzeit wichtigste Sendung im deutschsprachigen Raum“, schreibt jemand. Ein anderer lobt: „Das ist Aufklärung auf höchstem Niveau.“ Ein Dritter schlägt ihn als Gesundheitsminister vor.

Staatssekretär Krach: Auf Wissenschaftler hören, Entscheidungen selbst treffen

Dabei, das weiß Drosten, kann und darf er allenfalls Ratschläge geben, begutachten, jedenfalls nicht einfordern. Für Entscheidungen für die Öffentlichkeit, für die Abläufe in Schulen und Bahnhöfen, auf Straßen und Plätzen sind die gewählten Repräsentanten da: die Politiker aus Bund und Ländern. Berlins Wissenschaftsstaatsekretär Steffen Krach, der Drosten 2017 nach Berlin holte, sagt: „Ich kann nur jedem empfehlen, auf unsere Wissenschaftler zu hören. Entscheidungen aber muss die Politik treffen.“

Drosten fordert Datentransparenz; auch Spitzenforscher sollen also ihr Wissen möglichst mit dem Volk teilen. Fakten zurückzuhalten, sagt Drosten, führe zu Unsicherheit. Die Datenlage zu Sars- CoV-2, wie das Coronavirus auch genannt wird, ändert sich ständig. Deshalb wird Drosten noch Monate präsent sein.

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Zum Ende der ZDF-Sendung möchte Maybrit Illner von Drosten wissen, was er sich im Kampf gegen das Coronavirus wünsche. Er spricht vom Schutz von Risikogruppen, von älteren Menschen und von Patienten mit Vorerkrankungen. „Ich will das hier nicht als Wunsch formulieren“, sagt er nüchtern. „Das ist einfach als Nächstes auf der Tagesordnung.“ Im Senat, im Bundeskanzleramt, bei der WHO arbeiten sie genau daran. Und werden genau zuhören, welche Schritte Christian Drosten danach empfiehlt.