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Der Deserteur mit der Kamera

Eine Ausstellung in der St. Georgen-Kirche erinnert an Hermann Stöhr, der 1940 hingerichtet wurde.

Von Susanne Plecher

Das Foto in Sepia wirkt wie aus einer anderen Zeit, einer Zeit, die viel länger zurückliegt als 77 Jahre. Drei Schulkinder mit blanken Waden, den Ranzen auf den Schultern, stehen da. Das Mädchen hat geflochtene Zöpfe, die Jungs tragen ordentliche Scheitel. Kein Haar liegt quer. Die Gesichter jedoch sind verborgen hinter gigantischen Gasmasken. Soldaten geben sie an die zivile Bevölkerung aus. Hermann Stöhr war dabei und hat den Moment im September 1937 festgehalten.

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Wehrkraftzersetzung, so hieß der Vorwurf, wegen dem Stöhr knapp drei Jahre später enthauptet wurde. Eine Ausstellung in der Zabeltitzer St. Georgen-Kirche erinnert an den Intellektuellen aus Stettin, einen der ersten Kriegsdienstverweigerer aus der Hitlerzeit, der 1997 rehabilitiert wurde. 57 Jahre nach der Rechtssprechung und der Hinrichtung hat das Landgericht Berlin das Urteil aufgehoben. Nun trägt ein Platz der Bundeshauptstadt seinen Namen.

Hermann Stöhr war noch keine 17 Jahre alt, als er sich im November 1914 freiwillig zum Kriegsdienst meldete. Was er auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges erlebt hatte, machte ihn zeitlebens zum Pazifisten. Der Volkswirtschaftler und Doktor im Staatsrecht hielt fest – und er hielt drauf, wann immer er eine Ungerechtigkeit des nationalsozialistischen Regimes wahrnahm. Die Auswahl der Fotos gibt einen Eindruck davon, wie grausam der Alltag für jene war, die nicht ins Bild passten und verfolgt wurden. Einem „Polenliebchen“ etwa wurden auf einer Bühne öffentlich die Haare geschoren, bevor sie drei Jahre ins Zuchthaus kam. Eine Menschentraube sah zu dabei. Ihr Verbrechen: Die Liebe zu einem polnischen Widerstandskämpfer. Oder Erlanger Juden, die zur Reichskristallnacht, am 10. November 1938, auf einem Platz zusammengetrieben wurden. Völlig verschreckt blicken sie in die Kamera.

1931 hat Stöhr aufgrund seiner „polenfreundlichen Haltung“, so der Vorwurf, seine Arbeit verloren. Mundtot hat ihn das nicht gemacht. Er schrieb Bücher und immer wieder kritische Briefe und Anfragen, auch an den Präsidenten des EDK und den Reichsbischof „zur Anpassung der Kirche an die Forderungen der NSDAP sowie zur Verfolgung der Juden und Andersdenkenden“, informiert eine Tafel. 1933 hat er sich öffentlich gegen den Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte gewandt und beklagt, dass Kirchen mit Hakenkreuzfahnen beflaggt wurden. Als er im Frühjahr 1939 zur Kriegsmarine nach Kiel einberufen wurde, hat er den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigert. Er wurde wegen Fahnenflucht verhaftet und am 16. März 1940 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Die Schau ist eine Wanderausstellung der Friedensbibliothek/ Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, die bereits mehrfach, unter anderem über Anne Frank oder Albert Schweitzer, in Zabeltitz ausgestellt hat. „Wir sind pro Jahr an etwa 80 verschiedenen Stellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen vertreten“, sagt Jochen Schmidt. Die Schau in der St. Georgenkirche soll zur jährlichen Routine werden, auch um den Kirchenradweg inhaltlich aufzuwerten. Sie ist noch bis September zu sehen.