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Der Detektiv

Dr. Tillmann Bert ist Arzt für Innere Medizin in Radebeul. Bei seiner Arbeit geht es auch darum, Rätsel zu lösen.

© hübschmann

Von Anna Hoben

Wer einen Bürojob hat, kennt das Problem: Rückenschmerzen. Lästig, aber oft leider normal. Das dachte sich auch Rico Hössler an jenem Tag, als der Schmerz kam –  von jetzt auf gleich. Der 44-jährige Archäologie-Student arbeitete gerade an seiner Abschlussarbeit und verbrachte viel Zeit vor dem Computer. Wahrscheinlich zu lange gesessen, dachte er sich. Er stand auf und ging ein bisschen in der Wohnung umher, doch die Schmerzen wurden schlimmer. Da rief Rico Hössler seine Frau an, und nach kurzer Beratung griff er noch einmal zum Telefonhörer. Wenige Minuten später war der Notarzt bei ihm in Coswig. Er stellte drei Fragen, verabreichte ein Schmerzmittel und fuhr ihn ins Elblandklinikum Radebeul. Das war im Oktober vergangenen Jahres.

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Drei Fragen hatten ausgereicht, um aus den diffusen Rückenschmerzen eine handfeste Diagnose abzuleiten. Die entscheidende Frage war: Wo tut es denn weh? Rico Hösslers Antwort: rundherum, wie ein Gürtel um den Bauch. Die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenentzündung, im Fachjargon auch Pankreatitis genannt.

Im Krankenhaus wird der Patient vom Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin, Dr. Tillmann Bert, untersucht. Zwei erhöhte Blutwerte bestätigen die Diagnose. „Ich konnte erst einmal gar nichts damit anfangen“, sagt Rico Hössler im Nachhinein. Damit ist er nicht allein: Die Bauchspeicheldrüse wird als Organ oft unterschätzt, die meisten wissen nicht allzu viel über sie. Dabei produziert sie das lebenswichtige Hormon Insulin, das den Blutzuckerspiegel reguliert. Unter Umständen kann eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse sogar zu einer Diabeteserkrankung führen.

All das weiß Rico Hössler heute. Er weiß auch, was bei einer akuten Pankreatitis passiert: Enzyme fließen in den Bauchraum und beginnen, den Körper von innen zu verdauen. Autodigestion nennen Mediziner das: Selbstverdauung. „Was ich da für einen Mist hatte, haben mir erst meine Frau und meine Eltern erzählt, als sie mich besucht haben“, sagt Hössler heute, es blitzt ein wenig Galgenhumor durch.

Bei diesen Besuchen hat er das Schlimmste scheinbar überstanden. Denn: „Eine Pankreatitis kann lebensgefährlich sein“, sagt Dr. Bert. Und da die Entzündung bei Rico Hössler ziemlich heftig war, wird er von Anfang an auf der Intensivstation untergebracht. Er bleibt wach, muss nicht künstlich beatmet werden. Vor allem geht es darum, ihm viel Flüssigkeit zuzuführen und ihn zu beobachten. Gegen die beinahe unerträglichen Schmerzen bekommt er einen Schmerzkatheter in den Rücken. Eine spezifische medizinische Therapie gibt es für die Pankreatitis nicht.

Nach drei Wochen wird Rico Hössler aus dem Krankenhaus entlassen; er scheint gesund zu sein. Doch im Februar dieses Jahres geht es wieder los. Hössler ist ständig müde, er fühlt sich abgeschlagen. Eine Grippe, denkt er. Abends bekommt er Schüttelfrost, das Fieber steigt: 38, 39, 40 Grad Celsius. Im Krankenhaus stellt der Chefarzt fest: Durch die Selbstverdauung des Körpers ist an der Bauchspeicheldrüse eine Zyste entstanden und hat sich mit Bakterien infiziert. „Das kommt häufig vor“, sagt Dr. Bert. Der Patient hat dieses Mal zwar weniger starke Schmerzen als beim ersten Mal. Doch die Lage ist genauso ernst. Wird die Folgeerkrankung zu spät bemerkt, kann der Eiterherd an einer solchen Zyste zu einer Blutvergiftung führen.

Wieder muss Rico Hössler mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben. Immerhin: Die sogenannte infizierte Nekrose ist behandelbar. Dr. Bert legt dem Patienten eine Drainage – ein Schlauch, der von der Bauchspeicheldrüse in den Magen führt, lässt den Eiter ab. Erst nach Monaten wird er wieder entfernt.

Aus Thüringen abgeworben

Tillmann Bert mag es, wenn er bei seiner Arbeit Detektiv sein kann. Rätsel lösen, Fälle bearbeiten, Ursachen aufspüren. So wie bei Rico Hössler, als der zum zweiten Mal bei ihm auf der Untersuchungsliege landete. Oder wie vor Jahren bei der jungen Frau von den Philippinen, deren Haut ganz gelb war. Nach vielen Spiegelungen und Laboruntersuchungen fand Dr. Bert heraus, dass sie Leberwürmer hatte – eine Krankheit, die extrem selten vorkommt.

Offenbar gibt es in seiner Familie dieses Ärzte-Gen. Die Eltern Mediziner, die Großeltern Mediziner: Tierärzte, Hausärzte, Chirurgen, Frauenärzte. Auch seine Ehefrau ist Ärztin – am Klinikum in Riesa. Studiert hat der gebürtige Hesse in Marburg; vor einem Jahr wurde er aus Thüringen abgeworben, und so zog er mit seiner Familie nach Radebeul, um dort die Klinik für Innere Medizin und Intensivmedizin zu leiten.

Eine Entscheidung, die er kein bisschen bereut. Und auch Rico Hössler ist froh darüber. Dem 44-Jährigen geht es heute schon viel besser. „Aber es dauert, bis der Körper wieder richtig fit ist.“ In der Zwischenzeit hatte er 15 Kilogramm abgenommen, jetzt ist er wieder kräftiger. Sein Hausarzt rät ihm lediglich, wenig Fett zu sich zu nehmen. „Aber ob die Bratwurst wirklich schaden würde, wissen wir nicht“, sagt Dr. Bert. Das ist ein anderes medizinisches Rätsel.