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Dippoldiswalde

Der Deutsche von Usti

Vor 50 Jahren wurde der deutsche Kulturverband gegründet. Hans Adamec gehört zu seinen ältesten Mitgliedern.

Hans Adamec auf dem Markt der Minderheiten in Usti nad Labem (Aussig) mit Vertretern der ukrainischen Minderheit.
Hans Adamec auf dem Markt der Minderheiten in Usti nad Labem (Aussig) mit Vertretern der ukrainischen Minderheit. © Steffen Neumann

Wer sich mit Hans Adamec im Zentrum von Usti nad Labem (Aussig) verabredet, bleibt nicht ungestört. Alle zehn Minuten muss das Gespräch unterbrochen werden, weil wieder jemand vorbeikommt, der ihn kennt. „Manchmal weiß ich gar nicht, wer das ist“, gibt Adamec freimütig zu. Er ist in der Stadt einfach ein Original. Adamec ist leutselig und weder zu übersehen, noch zu überhören. Und das nicht nur für jene, die sich im Kontext der deutschen Minderheit bewegen, die er im Ausschuss des Bezirks Usti für nationale Minderheiten vertritt. Für die Tschechen ist er Hanus und für die Deutschen einfach nur Hansi.

Der Vater Tscheche, die Mutter Deutsche wurde er vor über 90 Jahren in Aussig geboren und wuchs in Trmice, damals noch Türmitz, auf. „Mein Geburtstag ist der 20. November. Den habe ich mit Otto von Habsburg gemein“, sagt Adamec. Von ihm hat er auch sein Lebensmotto: „Wer nicht weiß, woher er kommt, der weiß nicht, wo er steht. Und wer nicht weiß, wo er steht, der weiß nicht, wohin er geht.“

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Adamec weiß, woher er kommt. Mit acht Jahren begann er als Ministrant in der Türmitzer Kirche. Vor drei Jahren wurde dort an sein 80-jähriges Jubiläum erinnert. Doch zu seiner Jugend gehört auch die Zeit des Nationalsozialismus. Er spricht von der „Besetzung der Grenzgebiete“. Noch mit 16 Jahren musste er einrücken. Er war in der Hitlerjugend. Und dann kam 1945 die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung. Seine Familie durfte aufgrund der Mischehe der Eltern bleiben. Von seinen Eltern erbte er die Liebe zur Musik. „Mein Vater spielte Cello, meine Mutter Klavier. So sind sie zusammengekommen.“ Auch er spielte Klavier, am liebsten die Schlager der 1920er- und 1930er-Jahre. „Wenn ich die spielte, kamen die Erinnerungen“, sagt Adamec, als wäre es jetzt. Auch er heiratete später eine Tschechin. „Die musste sich was von ihrer Verwandtschaft anhören: ‚Du nimmst Dir einen aus den Sudeten. Wie kannst Du nur?‘“, erzählt er. Vor zehn Jahren ist sie gestorben.

Es fehlt die Jugend

Eigentlich durchlebt er gerade keine einfache Zeit. Anfang Mai starb die langjährige Vorsitzende der Ortsgruppe und Mitbegründerin des Kulturverbands Gretl Bauer. Der Verband feiert dieser Tage 50. Gründungsjubiläum. Bauers Nachfolger Erich Lederer musste das Amt wegen Krankheit abgeben. „Nun sind wir froh, dass Erna Schwarz die Leitung übernommen hat“, sagt Irena Novak, Vorsitzende des Kulturverbands. Adamec selbst könnte von seinem Alter her auch Gründungsmitglied sein, aber er trat ihm erst irgendwann um die Zeit der Samtenen Revolution bei. „Ich weiß nicht mehr genau wann, ich weiß nur, dass mich eine Bekannte in den Kulturverband brachte.“ Für Novak ist Adamec ein wichtiges Mitglied. „Er ist nicht der für die Vereinsarbeit. Aber er repräsentiert uns im Minderheitenausschuss, hält Kontakte, auch zu den Sudetendeutschen“, sagt sie.

Dass die Mitglieder in Usti im 50. Jahr des Bestehens des Kulturverbandes sämtlich der älteren Generation angehören, ist auch auf dem jährlichen Minderheitenfest des Bezirkes Usti nicht zu übersehen. Unter dem Titel „Barevny region“ (Bunte Region) präsentieren sich Slowaken, Russen, Vietnamesen, Roma, Ukrainer, Juden. Nur die Deutschen sind nicht mehr da. „Früher hatten wir auch einen Stand“, trauert Adamec diesen Zeiten hinterher. Nun ist nur noch er da, von Amts wegen sozusagen, als Mitglied im Bezirksausschuss für nationale Minderheiten. So streift er von Stand zu Stand, bleibt mal hier, mal da etwas länger stehen. „Jeden ersten Mittwoch im Monat treffen wir uns zum Kaffeetrinken im Café des Stadtmuseums“, nennt Adamec eine der wenigen verbliebenen Aktivitäten der Aussiger Deutschen. Im Museum schaut er ohnehin öfter vorbei. Dort arbeitet das Collegium Bohemicum, das eine Dauerausstellung über die Geschichte und Kultur der Deutschen in Böhmen und Mähren vorbereitet. Die Ausstellung hat Jahre Verspätung. Er hofft, dass er die Eröffnung noch erlebt. Aber geht es nach ihm, müsste überall, wo Deutsche lebten, an sie erinnert werden. Dass das viel zu wenig geschieht, ärgert ihn. Auf die Geschichte des Kulturverbandes gerade auch vor 1989 blickt er versöhnlich. „Jede Zeit hat ihre Zeit. Die mussten natürlich mit den Kommunisten zusammenarbeiten. Deswegen halte ich nichts von Aufarbeitung.“

Deutsche Minderheit in Tschechien

Unmittelbar nach dem Krieg musste der Großteil der einst über drei Millionen Deutschen ihre Heimat verlassen. Die übrigen Deutschen blieben als wichtige Fachkräfte oder wurden aufgrund einer tschechisch-deutschen Mischehe nicht vertrieben. Auch Antifaschisten wurde ein Bleiberecht eingeräumt. Lange wurden die Deutschen diskriminiert. Erst der Prager Frühling eröffnete die Chance für ein stärkeres Selbstbestimmungsrecht. 

1969 wurde der Kulturverband gegründet. Er überlebte zwar die Niederschlagung und die Rücknahme fast aller Errungenschaften des Prager Frühlings. Seine Führung wurde aber abgesetzt und durch parteihörige Kader ersetzt. Auch durfte der Kulturverband nur in Nord- und Westböhmen in der Nähe zum Staatsgebiet der DDR bestehen.

Heute zählt der Kulturverband knapp 1 000 Mitglieder. Die weitaus größere Landesversammlung der deutschen Vereine ist in ganz Tschechien aktiv. Insgesamt gaben bei der Volkszählung 2011 rund 20 000 Menschen deutsch als Nationalität an.

Am 22. Juni feiert der Kulturverband im Prager Kloster Strahov sein 50-jähriges Bestehen. In diesem Rahmen wird ein Buch zur Geschichte des Kulturverbands vorgestellt. (stn)

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Für das Fortbestehen der Ortsgruppe ist er nicht optimistisch. „Die demografische Entwicklung lässt sich nicht leugnen“, stellt er fest. Warum hat die Verjüngung nicht geklappt? Was ist mit seinem Sohn? „Den habe ich deutschböhmisch erzogen und er spricht Deutsch, leitet auch deshalb die Betriebsstelle einer deutschen Firma in Tschechien“, sagt er nicht ohne Stolz. Aber im Kulturverband ist er nicht aktiv. Ob es einen Nachfolger für ihn im Minderheitenausschuss geben wird? Adamec glaubt es nicht. „Aber so lange ich kann, werde ich das machen“, versichert er.


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