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Riesa

Der Mann, der die Einkäufe bringt

Ein Riesaer Fahrdienst erledigt in der Corona-Krise für Schwerkranke kostenfrei Besorgungen. Die SZ hat eine Tour begleitet.

Nico Michael an der Potsdamer Straße in Riesa. Der Mitarbeiter des Fahrdienstes Provitus hat zwei Beutel voll Lebensmittel und einige Flaschen Wasser für eine Riesaerin eingekauft, die krebskrank ist und deshalb nicht vor die Tür soll.
Nico Michael an der Potsdamer Straße in Riesa. Der Mitarbeiter des Fahrdienstes Provitus hat zwei Beutel voll Lebensmittel und einige Flaschen Wasser für eine Riesaerin eingekauft, die krebskrank ist und deshalb nicht vor die Tür soll. © Sebastian Schultz

Riesa. Zwei prall gefüllte Stoffbeutel in der linken, zwei Packungen mit Wasserflaschen in der rechten Hand. In Summe sind das gut und gern um die 25 Kilogramm. Oder sogar mehr. Das alles auf einmal vom Auto in den Wohnblock in Weida zu tragen, ist für Nico Michael kein Problem. Der 33-Jährige wirkt kräftig und fit. Weil er und seine Kollegen vom Riesaer Medizindienstleister Provitus das sind, erledigen sie dieser Tage Einkäufe für Menschen, um deren Gesundheit es weit schlechter steht.

Nico Michael von der Riesaer Firma Provitus auf dem Parkplatz vor dem Firmenstandort in der Pausitzer Delle. Von dort aus starten die Fahrten.
Nico Michael von der Riesaer Firma Provitus auf dem Parkplatz vor dem Firmenstandort in der Pausitzer Delle. Von dort aus starten die Fahrten. © Sebastian Schultz

Gut zehn Minuten zuvor. Am Humboldtring öffnet Nico Michael die Seitentür an einem weißen Ford Transit und bittet darum, einzusteigen. Auf einem der Sitze stehen das Wasser und die zwei Einkaufsbeutel. Darin: Eine Pomelo, Brot, Zucchini, Tomaten, eine Ingwerknolle.  "Ich hab' das vorhin im Rewe in Gröba geholt", sagt Nico Michael. Dann geht es los.

Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint

Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Fahrten zu machen, das gehört zum Alltagsgeschäft bei der Riesaer Firma Provitus. Die Mitarbeiter holen alte und kranke Menschen daheim ab, bringen sie zum Arzt, Friseur oder zum Einkaufen. Diese Dienstleistungen, die bei etlichen Kunden von den Krankenkassen bezahlt werden, sind immer stärker gefragt, die Firma seit der Gründung 2012 stark gewachsen. "Wir haben dann gleich im Anschluss noch 'ne Fahrt mit einer Frau, die wir zur Dialyse bringen", sagt Nico Michael, während er auf die Rostocker Straße einbiegt.

Solche Touren verbinden die Provitus-Mitarbeiter derzeit mit Einkaufsfahrten für Schwerkranke, die vom Coronavirus besonders gefährdet sind: Krebspatienten, chronisch Erkrankte, Immunschwache. Menschen, die jetzt möglichst physische Distanz zu anderen wahren sollen, um eine Infektion mit dem neuartigen Virus, für das es bisher kein Heilmittel gibt, zu vermeiden. 

Auf dem Weg nach Weida: Nico Michael arbeitete früher auf dem Bau, ist inzwischen vor allem im Sanitätsdienst unterwegs – erledigt aber auch Fahrten.
Auf dem Weg nach Weida: Nico Michael arbeitete früher auf dem Bau, ist inzwischen vor allem im Sanitätsdienst unterwegs – erledigt aber auch Fahrten. © Sebastian Schultz

Kontakt aus Neuseeland

In der zweiten Märzwoche, als es am Riesaer Stempel-Gymnasium die ersten bestätigten Corona-Fälle gab, hatte sich Provitus-Chef Christian Krey kurzerhand entschlossen, diesen Service für Riesa und das Umland anzubieten. Kostenlos. Über das soziale Netzwerk Facebook machte er das publik. Die ersten Anfragen ließen nicht lange auf sich warten. Sogar in Neuseeland seien Angehörige von Riesaern darauf aufmerksam geworden, erzählt Krey.

Nico Michael zieht sich die Schutzhandschuhe an. Ohne die geht dieser Tage nichts. 
Nico Michael zieht sich die Schutzhandschuhe an. Ohne die geht dieser Tage nichts.  © Sebastian Schultz

Auch die in Stuttgart lebende Tochter von Gabriele Weida las davon – und bat, dass Provitus für ihre Mutti einkauft, die in Riesa wohnt und sich seit Kurzem in Chemotherapie befindet.

Besagte Mutti zeigt sich erfreut, als Nico Michael am Freitagvormittag an ihrer Tür klingelt. Während der Handschuhe und Atemmaske tragende Provitus-Mitarbeiter die Einkäufe übergibt, erzählt die 67-Jährige, dass sie das erste Mal beliefert worden sei. Sie lebe allein, sagt Gabriele Weida, die zufällig so heißt, wie der Riesaer Stadtteil, in dem sie wohnt. Dass sie sich einer schwerwiegenden medizinischen Therapie unterzieht, ist der Seniorin nicht anzumerken. Sie stehe am Anfang der Behandlung, bis September solle es gehen. Ihre Erkrankung könne man nicht heilen, aber stoppen. "Ich will kein Pflegefall werden", sagt die Seniorin, die sich nach eigener Aussage ganz gut fühlt. "Ich muss sagen, ich  bin trotz der Chemo gut drauf, hab keine Nebenbeschwerden."

Einkaufsübergabe an der Haustür: Gabriele Weida (r.) bekommt ihre Einkäufe überreicht. So muss die Krebspatientin nicht selbst in den Supermarkt.
Einkaufsübergabe an der Haustür: Gabriele Weida (r.) bekommt ihre Einkäufe überreicht. So muss die Krebspatientin nicht selbst in den Supermarkt. © Sebastian Schultz

Dennoch ist sie vorsichtig – dazu sei ihr auch geraten worden. Um möglichst nicht mit dem Virus in Kontakt zu geraten, vermeide sie schon seit einer Woche alle näheren Kontakte, sagt Gabriele Weida, während Nico Michael ein Kartenzahlungsgerät aus dem Auto holt. Vor die Tür gehe sie auch selbst trotz allem dreimal am Tag – mit ihrem Hund, so die Riesaerin. "Wir gehen, wenn keine Leute unterwegs sind, morgens, nach dem Mittag und abends."

Knappe 40 Euro werden für die Einkäufe fällig. Gabriele Weida erzählt noch einen Schwank über ein Video, das sie über den Kurznachrichtendienst WhatsApp auf dem Handy gesehen hat. Darauf sei ein Hund zu sehen, der eine Klopapierrolle über die Straße zu seinem Herrchen zieht. Alles lacht. Nico Michael schaut auf die Uhr, er muss weiter. Gabriele Weida sagt noch einmal Danke, dann trennen sich die Wege.

Pendelzeit machen den Kopf frei

"Alle Leute ist sehr dankbar", sagt Nico Michael, als er wieder im Auto sitzt und Maske und Handschuhe abgenommen hat. "Es ist ein schöner Job." Der gelernte Maurer kam vor sechs Jahren während der Winterflaute im Baugewerbe zu Provitus, fing als 450-Euro-Kraft an. Inzwischen ist er längst in Vollzeit unterwegs, kümmert sich vorwiegend um die Organisation des Sanitätsdienstes. Den buchen zum Beispiel Veranstalter, um Events abzusichern. Seien es die Darts Open in der Riesaer Arena, große Musikfestivals oder die Pro-Sieben-TV-Show "The Masked Singer". Da aber momentan viele Veranstaltungen wegen Corona abgesagt sind, ist Nico Michael wieder mehr im Fahrdienst unterwegs.

Über eine Rampe schiebt Nico Michael die Seniorin, die in einem Tragestuhl sitzt, in den Transporter. Wenig später hat die Frau einen Dialysetermin an der Kochstraße.
Über eine Rampe schiebt Nico Michael die Seniorin, die in einem Tragestuhl sitzt, in den Transporter. Wenig später hat die Frau einen Dialysetermin an der Kochstraße. © Sebastian Schultz

Ein paar Minuten später, in einer Reihenhaussiedlung im Stadtteil Merzdorf. Nico Michael schiebt die Seniorin, die zur Dialyse muss, auf einem Tragestuhl die Rampe hinauf in den Transporter. Ob er sich über die Corona-Situation informiert? "Da ich beruflich mit dem Thema zu tun habe, sag ich ganz ehrlich: Wenn man sich das acht Stunden anhört, hat man abends keine Lust mehr, da will man auch was anderes hören." Dass er 40 Minuten Fahrzeit bis in seine Wahlheimat Siebenlehn hat, habe ihn früher einmal gestört. "Mittlerweile genieß ich das sehr, man kann abschalten, kommt daheim an und hat den Kopf frei."

Zu Hause wartet auf den 33-Jährigen unter anderem sein siebenjähriger Sohn – der aber wegen der Corona-Situation momentan keine Schule hat. Völlig aus dem Kopf ist das Thema in diesen Tagen wohl nicht zu bekommen.

Die Anmeldung für den Einkaufsservice bei Provitus ist unter 03525 6588736 möglich.

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.