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Der Dixie

Warum Hans-Jürgen Dörner nicht der „Beckenbauer des Ostens“ ist – eine Betrachtung zu seinem 65.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Als stünde sein guter Name nicht für sich. Hans-Jürgen Dörner, der Dixie, wird 65. Seine Glanzzeiten auf dem Rasen sind also einige Zeit her, der Dresdner Kreisel drehte sich, Dynamo wurde Meister in Serie, er war fünfmal dabei, genauso oft gewann er mit den Schwarz-Gelben den Pokal. Unvergessen. Für die Fans und Fußballfreunde hierzulande, aber dieses Land war seinerzeit eben noch begrenzt von Mauer und Stacheldraht.

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Franz Beckenbauer und Hans-Jürgen Dörner: Zwei der besten Fußballer ihrer Zeit, der eine spielte für den Westen, der andere im Osten. Gesamtdeutschen Ruhm erlangte nur einer.
Franz Beckenbauer und Hans-Jürgen Dörner: Zwei der besten Fußballer ihrer Zeit, der eine spielte für den Westen, der andere im Osten. Gesamtdeutschen Ruhm erlangte nur einer. © Dresdner Fußballmuseum

Und während hier im Osten jeder, der mitreden wollte, je nach Generation die deutsche Weltmeister-Elf von 1954 oder 1974 aufsagen konnte, nahm im Westen kaum einer Notiz von Dörners 100 Länderspielen und seinem Olympiasieg 1976. Der Deutsche Fußball-Bund machte ihm die internationale Karriere nach der Vereinigung sogar streitig; erst als Ulf Kirsten bei der EM im Jahr 2000 mit 49 halb- und 51 gesamtdeutschen Einsätzen in den „Klub der Hunderter“ aufrückte, rang sich der Verband dazu durch, auch ehemalige DDR-Nationalspieler in seine Bestenlisten aufzunehmen.

Während also hierzulande Antennen auf Masten geschraubt wurden, um wenigstens außer im Raum Dresden die Bundesliga und vor allem Deutschland spielen zu sehen, rückte der DDR-Fußball drüben – abgesehen vom verlorenen und deshalb gern verdrängten direkten Duell bei der WM 1974 – nur dann ins Blickfeld, wenn das Europapokallos es bestimmte. Dass ausgerechnet der Untergang von Uerdingen 1986, Dynamos 3:7 in der Grotenburg, vom Fußballmagazin 11 Freunde zum Jahrhundertspiel erhoben wurde, passt ins Bild. Wie die gerade mal 9000 Brüder und Schwestern, die sich im Düsseldorfer Rheinstadion verloren, als der FC Carl Zeiss Jena 1981 im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen Dynamo Tbilissi mit 1:2 verlor. Von wegen Heimvorteil.

Natürlich war der Fußball drüben erfolgreicher, die Bundesliga in der Breite stärker als die mit Bezirksauswahlmannschaften besetzte DDR-Oberliga, das Umfeld glamouröser. Aber reicht das als Erklärung für die Ignoranz gegenüber dem Osten? Als Begründung dafür, dass einer wie Dörner dem Westbürger erklärt werden muss als „der Beckenbauer des Ostens“? Dieser Vergleich ist sicher gut gemeint, und er verbietet sich keineswegs. Es gäbe kaum einen besseren. Beide interpretierten ihre Position, den Libero, auf elegante Art, technisch brillant, das Spiel von hinten raus strategisch führend.

Trotzdem konnte Dixie mit diesem Beinamen noch nie etwas anfangen. Sie seien zwei unterschiedliche Spielerpersönlichkeiten in verschiedenen Mannschaften und gegensätzlichen Systemen gewesen, erklärte er dazu. Darüber, dass Beckenbauer als talentfreier Sänger oder mit Botschaften wie „Ist denn heut’ schon Weihnachten?“ oder als sich ständig selbst widersprechender Kolumnist Kasse machen konnte, dürfe man nicht nachdenken, hat Dörner mal gesagt. Während der „Kaiser“ grenzenlos hofiert wird und wohl nicht mal der Skandal um die dubiosen Millionen von der WM 2006 einen Schatten auf die Lichtgestalt wirft, ist Dörner weder als Experte in überregionalen Medien gefragt, noch erhielt er je einen lukrativen Werbevertrag.

Dass er nach der Wende als Co-Trainer beim DFB einen Posten bekam, den er für die Herausforderung als Bundesliga-Trainer bei Werder Bremen aufgab, ändert daran wenig. Eine zweite Chance hat er nie bekommen, die meisten seiner Ost-Kollegen nicht mal die eine. Eduard Geyer reagierte trotzig: Wenn die Bundesliga nicht zu mir kommt, gehe ich eben zu ihr! Und machte diese Drohung mit Energie Cottbus wahr. Hans Meyer musste den Umweg über die Niederlande und Twente Enschede nehmen, bevor er die in die zweite Liga abgestiegene Borussia aus Mönchengladbach zurück nach oben bringen durfte. Dörner führte Al Ahly Kairo in Ägypten zu Pokalsieg und Vizemeisterschaft, heute betreut er aus Spaß an der Freude die Freizeitkicker bei Einheit Dresden-Mitte und die Steppkes in der Fußballschule von Dynamo. Bei seinem Heimatverein sitzt er seit 2013 im Aufsichtsrat, natürlich hat er bei der Wahl die meisten Stimmen erhalten.

Dörner eben, der Dixie. Hier steht er für sich, wird verehrt für seine Spielweise, seine Erfolge. Beckenbauer auch. Keiner käme auf die Idee, ihn den „Dörner des Westens“ zu nennen. Oder beispielsweise den bei der Tour de France erfolgreichen Rudi Altig mit „Täve“ Schur zu erklären, „Albatros“ Michael Groß mit Roland Matthes. Immerhin stand Katarina Witt schon vor der Wiedervereinigung auch im Westen für sich; ein bisschen wegen des Carmen-Duells bei Olympia 1988, vor allem aber plakativ als „das schönste Gesicht des Sozialismus“.

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