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Der Dresden-Roman des Jahres

Ingo Schulze porträtiert in seinem neuen Roman einen Büchermenschen, der zum rechtsnationalen Denker wird.

Ingo Schulze schreibt die Reihe seiner Nachwende-Erkundungen in einem furiosen doppelbödigen Roman fort. Das Buch spielt in Dresden, wo der Autor 1962 geboren wurde und zur Schule ging.
Ingo Schulze schreibt die Reihe seiner Nachwende-Erkundungen in einem furiosen doppelbödigen Roman fort. Das Buch spielt in Dresden, wo der Autor 1962 geboren wurde und zur Schule ging. © S. Fischer/Gaby Gerster

Wie kann einer rechtsradikal werden, der doch statt Muttermilch die Weltliteratur trank? Der mit den Idealen der Humanität, der Klassik und Aufklärung zusammenlebte? Mit dieser Frage schlägt sich Ingo Schulze in seinem neuen Roman herum, ohne dass er sie ausspricht. Das Buch trägt den irritierenden Widerspruch schon im Titel: „Die rechtschaffenen Mörder“. Stets waren es Intellektuelle, die den Hass salonfein machten. Schulze, 1962 in Dresden geboren, schreibt keinen Schlüsselroman. Doch er hat gewiss den einen oder anderen Dresdner Büchermenschen im Blick.

Er will verstehen und nicht verurteilen, das macht seinen Text so schillernd, vertrackt und antithetisch unter einer scheinbar einfachen Erzählung. Der Roman, der an diesem Mittwoch erscheint, ist zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Wann und ob dieser Preis verliehen wird, ist nach der Messeabsage offen. Doch einmal mehr zeigt sich Schulze als virtuoser Literat mit genauem Gespür für die Verwerfungen der Umbruchzeit 89/90.

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Hohelied aufs Leseland DDR

Dieses Antiquariat in Dresden-Blasewitz gab es wirklich, in der DDR ein Tipp unter Eingeweihten. Eine Villa mit Vorgarten und einigen Stufen hinauf zur Tür. Wer nach dem Klingeln eintreten durfte, konnte von Glück reden und sich ungestört zwischen Regalen voller Kostbarkeiten verlieren. Mitten hinein platziert Ingo Schulze seine Hauptfigur Norbert Paulini. Der besitzt einen graublauen Kittel, genannt Berufsmantel, und eine einzige Leidenschaft: Bücher. Schulze singt ein Hohelied auf die Literatur im Allgemeinen und das Leseland DDR im Besonderen. Er erinnert an großartige Werkausgaben von Proust, Kisch, Feuchtwanger, Ehrenburg, an die Weiße Reihe von Volk und Welt, an die knallroten Bände der „Ästhetik des Widerstands“ …

Der Antiquar Norbert Paulini erscheint zunächst als Gralshüter dieser Welt. Er weiß schon als Kind, was er werden will: Leser. Die kniehohen Buchstapel unter seiner Matratze sind das Erbe der Mutter, die kurz nach seiner Geburt 1953 gestorben ist. Die Großmutter zieht Buch für Buch aus dem Stapel und liest laut, und wenn Klein-Norbert auch nichts versteht von Willibald Alexis, so gefallen ihm doch die Wörter.

Ein amüsantes mehrdeutiges Spiel

Mutter und Großmutter sind nur zwei aus der Reihe starker Frauen, die Ingo Schulze in diesem Roman mit herzlicher Sympathie porträtiert. Jede trägt zur Sozialisation von Norbert Paulini bei: Die Antiquarin weiht ihn in die Berufsgeheimnisse ein. Die Vermieterin in der Brucknerstraße gibt ihm Räume für seine Schätze. Die Buchhändlerin schafft dort Ordnung. Die Bibliothekarin vermittelt DDR-Raritäten, mit denen sie bei der Nationalen Volksarmee gut versorgt wird. Doch Frauen sind nicht nur Leserinnen. Sie neigen zum Samaritertum. Das nutzt Paulini.

Mancher Gast in seinem Antiquariat kommt einem bekannt vor. Ähnelt der Archäologe Scheffel in seinem Eifer nicht dem Museumsmann Werner Schmidt? Zeigt nicht der Schriftsteller Gräbendorf Züge von Durs Grünbein und Uwe Kolbe? Der Autor Schulze treibt ein amüsantes mehrdeutiges Spiel, wenn er etwa Gräbendorf den Roman „Ferdydurke“ des Polen Gombrowicz zuschreibt.

Zunächst schafft Ingo Schulze in einem märchenhaften Erzählton eine jener Nischen, wie es manche im Osten gab. „Paulini hatte der Gegenwart nie Zutritt gewährt.“ Und: „Er verachtete die Aufregung des Augenblicks.“ Er ähnelt ein wenig dem Peter Holtz aus Schulzes vorigem Roman in seiner weltabgewandten Naivität.

Das erklärt auch seine Verwunderung, als Ostdeutsche ihre Büchersammlungen im Sommer ’89 verkaufen. Jetzt, da sie endlich das Wahre und Gute lesen könnten und er allein von Christa Wolfs „Kassandra“ fünf Exemplare gehamstert hat, jetzt bleiben die Kunden weg. Der Großhandel entsorgt die Restbestände von DDR-Verlagen bei Plottendorf auf dem Müll. Wie damals der Katlenburger Pfarrer Martin Weskott schleppt der entsetzte Paulini mit beiden Armen das Müllgut fort.

Enttäuschung wird in Wut umgemünzt

Ingo Schulze stürzt den Antiquar von einem Verlust in den nächsten. Ziemlich spät begreift Paulini, dass er von seiner Frau bespitzelt wurde, und lässt sich scheiden. Er muss aus der Villa ausziehen, sieht sein Buchlager bei der Flut 2002 wegschwimmen und geht pleite. Die Umwertung aller Werte hat ökonomische Folgen. Paulini haust nun in einem Bauernhaus in der Sächsischen Schweiz – „während sich eine Million frisch zugereister junger Männer aussuchen darf, in welcher Stadt sie sich auf unser aller Sozialhilfepolster niederlassen darf, um fleißig weiter Kinder zu zeugen und zwischendurch ihre Stirn auf dem Moscheeteppich zu wetzen“.

Der Roman behauptet nicht, dass die Verlusterfahrung mit logischer Konsequenz einen rechten Sinneswandel herbeiführt. Da spielt vieles mit, auch das soziale Umfeld. Schulze porträtiert einen enttäuschten Konservativen, der seine Enttäuschung in Wut ummünzt. Seltsamerweise spricht der Leser Paulini nie über seine Leseerlebnisse, über Romanfiguren oder die Schönheit der Sprache.

Und so passiert es: Der sympathische Antiquar wird einem zunehmend suspekt. Ist man als Leser in die Falle getappt, von der im weiteren Text die Rede ist? Kommt der Wandel des Geistesmenschen zum rechtsnationalen Denker wirklich ganz überraschend?

Tod im Elbsandstein

Das ist der große Vorzug dieses Romans: Er verweigert die eine klare Antwort, weil, wie Paulini richtig feststellt, „Literatur Eindeutigkeiten nicht mag“. Raffiniert wechselt Ingo Schulze die Perspektiven. Er stellt seine eigene Geschichte infrage und dekonstruiert das, was er aufgebaut hat. Im zweiten Teil lässt er den Schriftsteller Schultze reden, Schultze mit tz, und im dritten dessen westdeutsche Lektorin. Es ist ein Spiel im Spiel. Beide verhandeln eine Novelle über den Antiquar Norbert Paulini. Der behauptet, Literaten wie Schultze und Gräbendorf hätten sich dem Westen angedient, sie hätten sich einer „Ost-Entleibung“ schuldig gemacht. Tatsächlich wurden nach dem Mauerfall vor allem jene Autoren im anderen Teil des Landes hofiert, die sich vom hiesigen abgewandt hatten.

Im Gespräch mit Schultze verweigert Paulini die Zusammenarbeit. Er droht: „Sie veröffentlichen nichts über mich.“ Er droht noch deutlicher: „Was die Ajatollahs können, können wir schon lange.“ Das ist dann eine klare Ankündigung von Gewalt. Es klingt wie ein unheimlicher Schlüsselsatz, wenn er sagt: „Die Bücher verstehen heißt, die Bücher zu überwinden.“

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Die geplante Novelle ist noch nicht fertig, als das Wort Fallhöhe eine fatale Doppelbedeutung erhält. Norbert Paulini stürzt von der Goldsteinaussicht im Elbsandstein in den Tod. Mit ihm stirbt Lisa, die seine Geliebte war und die von Schultze. War es ein Unfall? Ein doppelter Freitod? Hat jemand nachgeholfen, Schultze vielleicht? Der Roman lässt das offen. Auch Schriftsteller können rechtschaffene Mörder sein.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder.
S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 21 Euro
Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder. S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 21 Euro © S. Fischer Verlag

Lesung am 17. März, 19.30 Uhr, in der Zentralbibliothek Dresden, Kulturpalast

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