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Der Dresdner Junge, der trotz Prothese Fußball spielt

Nach einem Unfall wurde Louis der linke Fuß amputiert. Damals war er drei, jetzt kickt er mit Nichtbehinderten.

Fürs Foto jongliert Louis den Ball auf dem Daumen, sonst kickt er ihn aber lieber mit dem Fuß.
Fürs Foto jongliert Louis den Ball auf dem Daumen, sonst kickt er ihn aber lieber mit dem Fuß. © Thomas Kretschel

Daran hätte Viktoria Müller vor zwölf Jahren nicht im Traum zu denken gewagt. Im Juli 2007 wurde ihr damals dreijähriger Sohn von einem 40-Tonnen-Laster angefahren. Die Ärzte kämpften um das Leben von Louis Müller – und retteten es in einer mehrstündigen Notoperation. Allerdings mussten sie dem Kind den linken Fuß knapp unterhalb der Wade amputieren. „Dass er überhaupt überlebt hat, ist ein Wunder“, sagt die Mutter heute.

Nun spielt dieses Kind tatsächlich Fußball in einem Verein mit Nichtbehinderten. Dank einer speziellen Sport-Prothese aus Carbon – und dem langen Atem seines Klubs, dem kleinen Dresdner Verein Eintracht Strehlen. Dort ist Familie Müller schließlich auf der Suche nach einem geeigneten Verein für Louis gelandet. Vorher war der Junge mit seinem Ansinnen bei mehreren regionalen Vereinen abgeblitzt. Denn um das behinderte Fußball-Talent in den normalen Spielbetrieb zu integrieren, muss zunächst einmal ein kleiner bürokratischer Hindernislauf absolviert werden.

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„Irgendwann gibst du auf“

An dessen Ende steht eine Sondererlaubnis für Louis Müller. „Ich nehme mal an, den anderen Vereinen waren der Aufwand und die Mühe einfach zu groß“, meint Mama Viktoria. „Irgendwann“, sagt die 39-Jährige, „gibst du auf.“ Für Heiko Wenzel, Jugendleiter von Eintracht Strehlen, war aber sofort klar: „Der Louis spielt bei uns im Verein. Ich fand das traurig, dass er überall abgelehnt wurde. Er hat nun mal eine Prothese, das interessiert aber nicht – er kann Fußball spielen.“

Natürlich gebe es den Anspruch auf Erfolg, „aber das hätte auch mein Kind sein können, da würde ich auch kämpfen“, meint der Funktionär. Wenn Louis Müller lange Hosen trägt, lässt sich tatsächlich kaum feststellen, dass dieser Junge ein Handicap hat. Nur bei genauer Beobachtung fällt auf, dass Louis seinen Schritt mit links eine Nuance länger zieht. Fußball spielt er jedoch schon, seit er an seinem vierten Geburtstag seine erste Fußprothese bekommen hat. Mittlerweile trägt er die achte Spezialanfertigung. Damit schießt, dribbelt und rennt Louis Müller so selbstverständlich wie ein gesunder 14-Jähriger.

Der Spielerpass für den kleinen Fan der großen Bayern war im vorigen Sommer schnell da, die Sondererlaubnis des Fußballverbandes Sachsen erst im Februar 2019. „Wir mussten beim Stadtverband die neue Prothese vorzeigen, wie sie aussieht, eine Art visuelle Abnahme“, erzählt Jugendleiter Wenzel. Die Fotos und die dazugehörigen Unterlagen sendete der Dresdner Verband zum Landesverband nach Leipzig. „Das ging eigentlich ganz reibungslos“, sagt Wenzel.

Mit links ist Louis am Ball genauso stark wie mit rechts. Dabei hat er auf der einen Seite einen Fuß aus Carbon. Fürs Spiel wird die Prothese mit Schaumstoff gepolstert.  
Mit links ist Louis am Ball genauso stark wie mit rechts. Dabei hat er auf der einen Seite einen Fuß aus Carbon. Fürs Spiel wird die Prothese mit Schaumstoff gepolstert.   © Thomas Kretschel

Der Landesverband hat den Stadtverband damit beauftragt, „die Prothese zu prüfen und auf potenzielle Gefahren für Gegen- und Mitspieler zu untersuchen“, teilt der Sächsische Verband mit. Das städtische Fußballgremium setzte das Prozedere um und stufte die Prothese als in der jetzigen Form ungefährlich ein. „Ein standardisiertes Verfahren für die Zulassung von Prothesen/Orthesen gibt es nicht. Der Fall ist einzigartig. Die Sondergenehmigung wird von der Versicherung verlangt. Diese greift im Falle einer Sportverletzung nur, wenn Louis die Spezialprothese trägt.

In die schlüpft er wie in eine Art Strumpf. Mittels eine Schraube kann Louis die Festigkeit verstellen. Schraube und Carbonfeder müssen allerdings beim Fußball mit einem speziellen Schaumstoff verkleidet werden, um die Verletzungsgefahr für Gegenspieler zu minimieren. Die knapp 600 Gramm schwere Spezialanfertigung muss dem Wachstum entsprechend in Abständen erneuert, angepasst werden. Sie ist wegen der Materialien sehr teuer. Zwischen 30.000 und 40.000 Euro, sagt Viktoria Müller. Sechs bis acht Wochen arbeitet die Orthopädie- und Rehatechnik Dresden an so einer Fußballprothese für Louis. Die Versicherung des damaligen Unfallfahrers und Müllers Krankenkasse teilen sich die Kosten. „Da wirst du von der Krankenkasse gefragt: Warum braucht der das?“, gibt die Mama wieder und erzählt, einmal in Fahrt, von sonderbaren Alternativangeboten: „Warum soll mein Sohn am Samstagvormittag mit Parkinson-Patienten schwimmen gehen?“, fragt sie sich.

Dabei wollte und will Louis einfach nur mit gleichaltrigen Jungen kicken. Am liebsten als Links- oder Rechtsaußen – ab der nächsten Saison für die B-Junioren von Strehlen. „Ich habe Spaß am Fußball, schon immer. Ich wüsste auch nicht, weshalb ich mich verstecken müsste“, erklärt Louis verblüffend offen. Deshalb hat seine Mama auch die Hinweise von anderen Klubs, ihr Sohn möge sich einem Versehrtenverein anschließen, geflissentlich ignoriert. „Gemeinsam zu gewinnen oder zu verlieren, um Punkte, Staffelsieg oder Meisterschaft zu kämpfen, das ist viel besser, als auf dem Bolzplatz. Da gehst du ganz einfach in die andere Mannschaft, wenn es mal Streit gibt“, sagt Louis.

„Louis kämpft“

Der Strehlener Jugendchef kann über den ehrgeizigen Kerl, der am Montag in die 9. Klasse kommt, nur staunen. „Er kann richtig gut rennen, zieht mit seinen Mitspielern genauso mit. Auch mit Körpereinsatz, der verschafft sich schon Platz. Louis kämpft“, sagt er. Zum Leidwesen seiner Mutter allerdings mehr als um seine Schulnoten. Aber das wird, verspricht Louis. Der geht sehr gelassen mit seinem Schicksal um, auch wenn er sich in seltenen Fällen auch auf dem Fußballplatz rechtfertigen muss. „Bei einem Hallenturnier, habe ich mir von einem Spieler anhören müssen, warum ich überhaupt Fußball spiele. Ich habe geantwortet: Wenn ich mit Prothese besser bin als du, würde ich mich das an deiner Stelle auch fragen“, erzählt er.

Der Teenager, der vier Geschwister hat, sträubt sich allerdings heftig dagegen, irgendwelche Extrawürste gebraten zu bekommen. „Ich bin ein Fußballer wie meine Mitspieler auch. Ich muss nicht in der Vorbereitung zwei Runden weniger rennen, nur weil ich keinen linken Fuß habe“, sagt er. Sein größter Wunsch in puncto Fußball wird aber wohl unerfüllt bleiben: „Er träumt ja immer davon, dass er irgendwann mal bei Bayern München auf der Bank sitzt. Diesen Traum nehme ich ihm nicht“, sagt Viktoria Müller. So einen Tag würde die Familie wohl auch nie vergessen.

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