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Der Dresdner Professor und die Medizinfrau

Biologe Günter Vollmer erforscht die Methoden traditioneller Heiler. Zum Beispiel, ob Hopfen Frauen in den Wechseljahren helfen kann.

Die Südafrikanerin Aleta Thamae ist eine traditionelle Heilerin. Mit Pflanzen behandelt sie die Leute aus ihrem Dorf. Das Prinzip dahinter wird in Dresden erforscht.
Die Südafrikanerin Aleta Thamae ist eine traditionelle Heilerin. Mit Pflanzen behandelt sie die Leute aus ihrem Dorf. Das Prinzip dahinter wird in Dresden erforscht. © imago/Anka Agency International

In dieser Praxis gibt es keinen schicken Empfangstresen, hinter dem am Computer eine nette Sprechstundenhilfe sitzt. Diese Ärztin hat auch kein abgeschlossenes Medizinstudium. Die Arzneien, die ihre Patienten bekommen, sind selbst gemixte Tinkturen aus Pflanzen, die er im Wald sammelt. Die Rezepte sind sein Geheimnis. Sie ist die Medizinfrau in diesem afrikanischen Dorf. 

Diejenige, der die Menschen hier vertrauen, ob bei Bauchschmerzen oder Schnupfen. Was genau Heilerinnen wie sie oder traditionelle Medizinmänner an wirksamen Stoffen in ihren Schälchen haben, das erforscht Günter Vollmer von der TU Dresden. Denn traditionell heißt nicht gleich sicher.

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Bei den Medizinmännern der indigenen Völker in Nordamerika war die Wirkung von Echinacea lange Zeit bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Pflanze nach Deutschland importiert. Viele haben das Präparat heute in der Hausapotheke, nutzen es bei Erkältung. Nicht die einzige Heilpflanze, die nun auch in der westlichen Welt angewendet wird. Bei vielen wurde die Wirkung bereits wissenschaftlich bewiesen. Bei anderen fehlen solche Nachweise noch. „Nur weil es sich um Präperate aus Pflanzenbestandteilen handelt, heißt das aber nicht, dass es nicht Inhaltsstoffe geben könnte, die beim Menschen Nebenwirkungen hervorrufen können“, macht Günter Vollmer, Professor für molekulare Zellphysiologie und Endokrinologie der TU Dresden, deutlich.

In einem neuen Projekt beschäftigt sich Günter Vollmer mit dem Hopfen. Kann er Frauen mit Problemen in den Wechseljahren helfen?
In einem neuen Projekt beschäftigt sich Günter Vollmer mit dem Hopfen. Kann er Frauen mit Problemen in den Wechseljahren helfen? © Matthias Schumann

Deshalb ist genau diese Forschung wichtig. Auch um den Verbraucher zu schützen. In seinen Forschungen geht er der Frage nach, ob sich biologisch begründen lässt, was Heiler und deren Patienten auf der ganzen Welt seit Jahrhunderten beobachten und berichten. Es geht um die molekularen Wirkmechanismen in den Naturstoffen, die sie verwenden. Vor allem die Wirksamkeit und Sicherheit von pflanzlichen Alternativpräparaten zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden interessieren den Dresdner Biologen.

Doch bevor Vollmer aktiv werden kann, ist wichtige Vorarbeit zu leisten. „Wir brauchen die Kollegen aus dem Botanischen Institut der TU Dresden, die vor Ort mit den Heilern Pflanzen ausfindig machen, die eine heilende Wirkung haben sollen“, erklärt er. Thea Lautenschläger etwa ist so eine Botanikerin. In Angola beispielsweise spricht sie mit Medizinmännern und Dorfältesten, redet mit ihnen über Heilpflanzen und bittet sie, ihr Wissen darüber zu verraten. Auf Wunsch der Partneruniversität Universidade Kimpa Vita im Norden von Angola helfen die Dresdner außerdem vor Ort, einen Botanischen Garten mit angegliederter Forschungsstation einzurichten. Über 500 Bäume konnten schon gepflanzt werden. In ihrem Schatten werden künftig vor allem lokale Heilpflanzen wachsen.

Aus den gefunden Pflanzen stellen pharmazeutische Chemiker Extrakte oder einzelne Substanzen her, die sich untersuchen lassen. Analytische Chemiker ermitteln, aus welchen chemischen Substanzgruppen diese zusammengesetzt sind. Da kommen mitunter um die 1.000 zusammen. „Dann sind wir dran und prüfen die Wirksamkeit dieser Bestandteile.“

Prof. Günter Vollmer, Biologe an der TU Dresden
Prof. Günter Vollmer, Biologe an der TU Dresden © Daniel Koch

Beschäftigt hat sich Vollmer zum Beispiel mit Isoflavonen aus der Sojabohne. Sie besitzen eine hormonelle Wirkung und sollen Wechseljahresbeschwerden lindern und vor Osteoporose schützen. Auf dem Markt werden sie als Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Doch es gibt Kritik. Aufgrund ihrer hormonellen Eigenschaften stehen sie in Verdacht, das Risiko für Brustkrebs zu erhöhen und die Funktion der Schilddrüse zu beeinträchtigen. In mehreren Forschungsprojekten untersuchte Vollmer die molekulare Wirkung, aber vor allem auch die Sicherheit von Isoflavonen. „Wir haben herausgefunden, dass für gesunde Frauen bei der Isoflavon-Einnahme kein erhöhtes Risiko besteht, an Brustkrebs zu erkranken“, erklärt er. Frauen, die an Brustkrebs leiden oder bereits ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben, sollten allerdings auf die Einnahme verzichten. Hier sei weitere Forschungsarbeit notwendig.

Im Moment steht der Hopfen im Zentrum von Vollmers Interesse. In ihm sind Phytoöstrogene enthalten, die in ihrer Struktur Östrogen ähneln und sich deshalb an Rezeptoren für das Hormon im weiblichen Körper binden und den Östrogenmangel ausgleichen könnten. Eine mögliche Hilfe bei Problemen mit Osteoporose, unter der Frauen in den Wechseljahren leiden. „Wenn wir isolierte Phytoöstrogene aus dem Hopfen geben, entstehen Nebenwirkungen.“ Vielleicht könnte ein optimierter Extrakt aus Hopfen ein möglicher Schlüssel sein. Dann würden mehrere Inhaltsstoffe im Zusammenspiel Positives hervorrufen. Genau das soll in nächster Zeit in Dresden erforscht werden.

Vor Kurzem standen traditionelle Arzneimittel aus der ganzen Welt im Zentrum einer Veranstaltung in Dresden. Die Internationale Gesellschaft für Ethnopharmakologie traf sich zu ihrem jährlichen Kongress. Organisiert hatte ihn Günter Vollmer, Vizepräsident der Gesellschaft. 150 Botaniker, Pharmakologen, Chemiker, Biologen, Pharmazeuten und Anthropologen aus 33 Ländern waren dabei. Sie erforschen die medizinische Nutzung von Pflanzen in traditionellen Gesellschaften auf der ganzen Welt. Das Wissen darüber wollen sie dokumentieren, bewahren und verbreiten.

Besonders Afrika hat es Günter Vollmer angetan. Mit Kollegen in Angola, Südafrika, Ägypten, Kamerun oder Burkina Faso arbeitet er intensiv zusammen. „Die traditionelle Medizin spielt dort eine große Rolle, da sich westliche Medizin nur wenige leisten können.“ Das Wissen der Heiler wird nach wie vor meist mündlich überliefert. „Dieses Wissen müssen wir unbedingt bewahren.“ Noch gibt es allerdings ein Problem: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zurück nach Afrika zu bringen, damit auchdie Heilerin im entlegenen Dorf weiß, dass bestimmte pflanzliche Präparate auch gefährlich Wirkungen auslösen können „Es geht nicht darum, die Heiler in Afrika zu belehren“, macht Günter Vollmer deutlich. „Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass das, was dort genutzt wird, für die Menschen auch sicher ist.“

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