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Der egoistische Cineast

Ein Lübecker gründet im Thalia den „Club der Löwen“ und zeigt Filme, die er schon immer auf der Leinwand sehen wollte.

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Von Kai-Uwe Reinhold

Experimente im Kino sind eine gewagte Sache. Sie können schiefgehen oder Ergebnisse hervorbringen, die nicht zu erwarten sind. Felix Oevermann wagte eines. Er gründete einen Klub, dessen Mitglieder Filme gezeigt bekommen, die der 32-Jährige schon immer einmal im Kinoformat sehen wollte. Nach vier Jahren zeigt das Experiment erste Erfolge. Über 80 Mitglieder gehören derzeit dem sogenannten „Club der Löwen“ an. Zu den letzten beiden Vorstellungen im Thalia-Kino in der Görlitzer Straße kamen jeweils über 30 Besucher. Am Anfang sah das alles anders aus.

Zur Premiere trat das Schlimmste ein: An einem Sonnabend sollte nach Mitternacht ein dreieinhalbstündiger Nouvelle- Vague-Film laufen. Doch alles, was schiefgehen konnte, ging schief. Der Klubgründer kann sich noch gut an den peinlichen Moment erinnern, als der Film nicht laufen wollte. Nicht alle Gäste waren indes darüber traurig. Die Filmlänge und der mitternächtliche Beginn hätten selbst eingefleischten Cineasten einiges abverlangt. Die Klubmitglieder brauchen Leidenschaft, Neugier und manchmal auch Ausdauer für die Vorstellungen, die alle zwei Monate an einem Sonnabend nach 24 Uhr beginnen.

Jeder kann kommen und gehen, wann er will. Klubbeiträge oder Eintrittsgelder gibt es indes nicht. Der gebürtige Lübecker, der zum Studium nach Dresden kam, verdient damit kein Geld.

Darum geht es ihm nicht. Der Filmvorführer und Mitarbeiter der Videothek „Phase IV“ will einfach seine Leidenschaft teilen, die er seit seiner Jugend hegt. „Ich hatte Bock, vergessene Filme auf der Leinwand zu sehen, die ich mag, wollte Leute und Frauen kennenlernen und berühmt werden“, erzählt er mit einem Schmunzeln im Gesicht. So entstand die Idee, den „Club der Löwen“ zu gründen, dessen Name dem Film „Sie küssten und sie schlugen sich“ von François Truffaut entnommen ist.

Seine Idee fand Anklang. Stephan Raack, der Inhaber des Thalias, stellte seinen Saal kostenlos zur Verfügung, um dort Filme wie Sam Fullers surrealistischen Tatort „Tote Taube in der Beethovenstraße“ oder Kurt Cobains Lieblingsfilm „Over the Edge“ zu zeigen. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Cineasten. Nur mit dem Ruhm hapert es. Dafür hat Oevermann sein privates Glück gefunden. Im „Club der Löwen“ lernte er seine Frau kennen und ist jetzt Familienvater.