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Der einsame Russlandversteher

Matthias Platzeck wirbt für einen Neustart der deutsch-russischen Beziehungen. Auf Augenhöhe. Und fühlt sich mit seinem Einsatz für Russland noch immer und zu oft missverstanden.

© Robert Michael

Von Annette Binninger

In dieser einen Frage, wirklich nur in dieser einen Frage des Umgangs mit Russland, will Matthias Platzeck ganz bewusst einseitig sein. Seit Jahren stellt er sich ganz klar auf eine Seite: an die Seite Russlands. „Das heißt nicht, dass ich mit allem, was in Russland vor sich geht, einverstanden bin“, sagt der frühere brandenburgische Ministerpräsident am Sonntag in seiner Rede im Dresdner Schauspielhaus gleich vorweg. Dass vieles dort im Argen liege, wisse er. „Doch für Russland-Kritik gibt es gerade keine Marktlücke“, lächelt Platzeck ironisch. Das täten doch fast alle. Das Leben sei eben nicht in Schwarz-Weiß zu malen, sagt er trotzig. „Ich versuche immer, genau hinzusehen und auch, bei aller Kritik, die andere Seite zu verstehen oder zumindest zu erahnen, warum sie so handelt, wie sie handelt.“

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Um Respekt gehe es, um eine Begegnung auf Augenhöhe – das zieht sich wie ein roter Faden durch seine „Dresdner Rede“. Gemeinsam mit dem Staatsschauspiel Dresden veranstaltet die Sächsische Zeitung diese Reihe seit mehr als 20 Jahren. Die Karten für Platzecks Auftritt waren schnell vergriffen. Das Interesse an ihm, die Sympathie für Matthias Platzeck, den ostdeutschen Politiker, ist nach wie vor groß. Auch weil er vielen Ostdeutschen bis heute das Gefühl zu geben vermag, dass er ihre Sprache spricht. Und Platzeck erzählt mit seiner ganzen Person, seiner ganzen DDR-Biografie, von einer Zeit, einem Lebensgefühl, das nur Ostdeutsche so verstehen können.

Es mag auch an seiner ganz „normalen“ DDR-Biografie liegen. „In meiner Familie war ich die rote Socke“, hat Matthias Platzeck es einmal in einem Interview salopp zusammengefasst. „Begeisterter Sozialist“ sei er gewesen, habe seine Eltern ge- und entnervt. Der Einmarsch der Russen in Afghanistan, die Ausbürgerung von Wolfgang Biermann hätten ihn in den 70er- Jahren umdenken lassen. Platzeck stellte keinen Ausreiseantrag, er wollte bleiben, er wollte sein Land verändern.

Er engagiert sich in der Umweltbewegung, verhandelt mit am Runden Tisch, wird als Parteiloser Minister in der Übergangsregierung unter Hans Modrow. Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe holt ihn Ende 1990 als Umweltminister zurück in die Heimat. 1998 wird Platzeck Oberbürgermeister von Potsdam, ab 2002 dann Ministerpräsident – ein konsequenter, ein steiler und schneller Aufstieg. Nur der Karrieresprung zum SPD-Bundesvorsitzenden wird zur kurzen Episode. Im November 2005 gewählt mit einem wahrhaft ostdeutschen Ergebnis – 99,4 Prozent – muss Platzeck das Amt nach nur fünf Monaten aufgeben. Zu viel Druck, zu hohe Erwartungen seiner Parteifreunde, die Gesundheit spielt nicht mit. Es wird ruhiger um ihn – doch sein Engagement im Deutsch-Russischen Forum führt ihn in letzter Zeit wieder verstärkt zurück auf die politische Bühne.

Matthias Platzecks enge Beziehung zu Russland beginnt in der Kindheit. Geboren und aufgewachsen in der Garnisonsstadt Potsdam, umgeben von den Familien dort stationierter sowjetischer Offiziere. Die frühen Erlebnisse und Begegnungen mit der russischen Kultur haben ihn geprägt. Kindheitsmuster hätte es Christa Wolf genannt. „Ich bekomme noch heute Heimatgefühle, wenn ich den Kraftstoff rieche, mit dem die Russen damals ihre Fahrzeuge betankten“, schwärmt er, erzählt vom tschechischen Bier, dem Russenladen, wo auch seine Familie einkaufte.

Platzeck erinnert sich an seine Russischlehrerin, die Bücher und Filme „aus dem großen Land im Osten“. Die Geschichten von Juri Trifonow, die Kompositionen von Dimitri Schostakowitsch gehörten bis heute „zu seinen wichtigsten Lebenserfahrungen“, sagt er.

Platzeck erlebt in den 90er-Jahren den Niedergang der Sowjetunion, das Ende der Supermacht, die scheinbar lautlos von der Weltbühne abtritt. Im Westen sorgte es für Erleichterung, in Russland für ein Trauma, das bis heute nachwirkt. „Die einstige Supermacht hat ihre Identität verloren“, diagnostiziert Platzeck. „Geblieben ist ein Gefühl der Minderwertigkeit und der Demütigung.“ Viele Jahre später erst sei Russland auf die Weltbühne zurückgekehrt – aber als starker Nationalstaat. „Und auf dieser Bühne stehen sich Ost und West wieder so unversöhnlich gegenüber wie zu Zeiten des Kalten Krieges.“ Die „entthronte Supermacht“ habe eine „Begegnung auf Augenhöhe“ erwartet – vom Westen, der „im Systemwettstreit die Oberhand behalten“ habe, und erst recht von Deutschland, dem man sich in Europa am nächsten fühlte.

„Doch gerade Deutschland gefiel sich eher darin, die junge Demokratie mit erhobenem Zeigefinger zu belehren“, kritisiert Platzeck. Überheblich habe sich Deutschland um „Umerziehung“ bemüht – das Thema gemeinsame Sicherheit in Europa sei dabei auf der Strecke geblieben. Und Deutschland habe den Respekt gegenüber den russischen Opfern vermissen lassen – ein offizielles Gedenken der Bundesregierung am 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion fehlte ganz.

Seine einseitige „Parteinahme“ für Russland nehmen Platzeck manche Beobachter übel, nennen ihn abfällig einen „Russlandversteher“, beschimpfen ausgerechnet Einen, der trotzig gegenhält, sich um Dialog und Vermittlung bemüht, auch nach Ukraine-Krise und Syrien-Krieg. Gelegentlich wird er auch bewusst missverstanden, das weiß der 63-Jährige. Er sei „politisch naiv“, heißt es häufig. Bis hin zum abstrusen Vorwurf, neulich in einer Talkshow, Platzeck werde von Moskau bezahlt.

Für ihn, den Europäer Platzeck, gehört Russland zu Europa. Natürlich, Russland habe in seiner Geschichte „keine demokratischen, liberalen Traditionen wie Westeuropa aufzuweisen, wo in den pluralistischen Gesellschaften heute Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Minderheitenrechte höchste Priorität genießen. Russland könne da nicht mithalten, weiß auch Platzeck. Aber Europa dürfe nicht einen gewaltigen Geistesraum einfach „ins Abseits stellen“, weil es nur mit einem, mit seinem Maßstab messe.

Platzeck verweist auf die Ostpolitik von Egon Bahr und Willy Brandt in den 60er-Jahren – ein mögliches Vorbild für die heute festgefahrene Situation zwischen den USA und Russland, zwischen Deutschland und Russland. Damals, in einer Zeit, „als der Kalte Krieg am kältesten war“, hätten die beiden SPD-Politiker auf Kooperation gesetzt. Verständigung statt Ausgrenzung, Gespräche statt Konfrontation – „Wandel durch Annäherung“, lautete die Formel. Auch jetzt, im Jahr 2017, müsse es eine „Stunde Null für die deutsch-russischen Beziehungen“ geben, fordert Platzeck. „Ein solcher Neustart beinhaltet, dass wir Russland als gleichberechtigten Partner behandeln und Augenhöhe herstellen – bei der Begegnung und der Verhandlung.“ Kleine „vertrauensbildende Schritte“ seien jetzt gefordert. Und er geht noch weiter: „Wir sollten auch in Erwägung ziehen, dafür in Vorleistung zu treten, und beginnen, einseitig Sanktionen abzubauen.“  Der Saal applaudiert.

Matthias Platzeck hat an diesem Sonntag die Zuhörer im Dresdner Schauspielhaus berührt. Mit seinem einsamen, aber klaren Plädoyer für Russland, das eigentlich eines für Europa ist – und mit seiner Hartnäckigkeit, mit der er, der Ostdeutsche, es immer wieder vorträgt. Ausnahmsweise mal dort, wo viele genau das hören wollen. Als er nach knapp anderthalb Stunden zum Ende kommt, erheben sich die Zuhörer von ihren Sitzen. Langer Applaus. Wenige Stunden später geht es für den Dresdner Redner wieder zurück, Richtung Brandenburg. Noch am Abend Abflug nach Moskau, neue Termine für den Russlandversteher. Was sonst.