SZ +
Merken

Der Einsiedler im lila Haus

Wolfgang Köhler ist in sein neues Haus gezogen. Die Versicherung hat es bezahlt. Damit bleibt der Pfälzer in Rennersdorf, was er gar nicht vorhatte.

Teilen
Folgen

Von Steffen Gerhardt

Die Blümchen auf dem Fensterbrett im Obergeschoss werden zurechtgezupft. Das Rot der kleinen Blüten kann sich aber gegen das kräftige Lila der Hausfassade nicht durchsetzen. Lange währt die Blumenpflege aber nicht. Kurz darauf schließt Wolfgang Köhler die Fenster und zieht die Vorhänge davor. So, als ob niemand in das Innere des Hauses schauen soll. Bis Ende März haben an diesem Eigenheim die Handwerker noch gearbeitet, nun hat sein Besitzer es in Beschlag genommen.

Einziehen in das neue Haus wollte Wolfgang Köhler eigentlich nicht, zumindest äußerte er das, als ihn die SZ kürzlich aufsuchte. „Was soll ich mit dem neuen Haus? Wo ich doch gar nicht hierbleiben wollte“, betont er in seinem pfälzischen Dialekt immer wieder. Aber nun steht es da, jede Hausseite in einer anderen knalligen Farbe. Als sichtbarer Beweis, dass die Versicherung gezahlt hat. Denn das eigentliche Wohnhaus von Wolfgang Köhler brannte im März vor zwei Jahren nieder. Ein offener Funkenflug sollte der Auslöser gewesen sein. Zum Glück, sagt Köhler, habe er ein Vierteljahr vorher noch eine Feuerversicherung abgeschlossen. Ansonsten würde er immer noch in seinem Wohnwagen hausen, den er sich als Übergangsquartier eingerichtet hatte.

In diesen würde er auch wieder einziehen, wenn er woanders eine Bleibe findet. Zum Beispiel auf Sylt. „Dort habe ich schon Ausschau nach geeigneten Grundstücken gehalten“, sagt er. Aber nun muss er doch auf seinem Hof, der gleich neben der Staatsstraße 144 von Herrnhut nach Bernstadt liegt, wohnen bleiben. „Mich nervt der Verkehr hier“, gibt Köhler unumwunden zu. Da helfen auch die zwei Meter hoch aufgetürmten Altreifen nichts. Sie sollen nicht nur den Autolärm abhalten, sondern auch neugierige Menschen.

Dass Wolfgang Köhler ein umstrittener Bürger ist, weiß Herrnhuts Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) nur zu gut. Auch dass sich Ordnungsamt und Gericht mit ihm und seinem Anwesen befassten. „Aber momentan ist Ruhe eingekehrt, wir führen keine Auseinandersetzungen mit Herrn Köhler“, erklärt der Bürgermeister. Auch die Aufregungen um den Hausbrand und der Vorwurf Köhlers, die Feuerwehr habe das Haus absichtlich niederbrennen lassen, sind offensichtlich beigelegt. Ebenso bestätigt das Landratsamt, dass es „zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder im Ordnungs- noch im Umweltamt Anzeigen bzw. Vorgänge zu Herrn Köhler gibt“. So Sprecherin Marina Michel. Auch der vom Betreuungsgericht bestellte Betreuer ist nicht mehr bei Herrn Köhler. Diese Maßnahme ist abgeschlossen, erfuhr die SZ auf Nachfrage beim Amtsgericht.

Denn Anlässe gab es dazu immer wieder: Wolfgang Köhlers „großes Herz für Tiere“ wurde ihm zum Verhängnis, als er auf seinem Gnadenhof nicht mehr Herr über die vielen gestrandeten Tiere war. Hinzu kommt seine, einem Burgwall gleichende Umzäunung aus alten Fahrzeugreifen. Anwohner halten sie für ein illegales Altreifenlager, das hin und wieder droht, auf die Straße zu kippen. Angeblich muss Wolfgang Köhler sich schützen, denn er mag keine Menschen um sich. Das musste die SZ bei ihrem zweiten Besuch erfahren. Da wurde der Reporter, vor dem Grundstück wartend, mit lautem Gebrüll und großem Hund weggejagt. Somit ist die Unberechenbarkeit des heute 61-Jährigen geblieben. Herrnhut wird wohl mit seinem Einsiedler weiterleben müssen – und der Altreifensammlung um sein Grundstück.