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Feuilleton

Der eiserne Heilige

Eine neue Biografie würdigt Karol Wojtyla zum 100., der als Johannes Paul II. eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts war.

Der Papst und die Massen: In seinem Papamobil fährt Johannes Paul II. 1996 über den Petersplatz im Vatikan.
Der Papst und die Massen: In seinem Papamobil fährt Johannes Paul II. 1996 über den Petersplatz im Vatikan. © Getty Images

Da steht er und scherzt mit den Leuten. Er allein auf dem Balkon, unten Hunderttausende Menschen auf dem Petersplatz. Eine Überraschung ist es, dass nun er als erster Nicht-Italiener seit 455 Jahren hier steht. Ein Exot aus einer anderen Welt. Aber sofort spricht er die Menschen auf Italienisch an und nimmt sie mit seiner natürlichen, humorvollen Art für sich ein. Diese Szene liegt nicht erst sieben Jahre zurück, sondern fast 42. Sie beschreibt nicht den ersten Auftritt von José Mario Bergolio als Papst Franziskus, sondern den des Polen Karol Wojtyla als Johannes Paul II..

Zwischen dieser Szene vom 16. Oktober 1978 und der öffentlichen Beisetzung dieses Papstes am 8. April 2005 am gleichen Ort liegt ein Vierteljahrhundert, in dem sich die Ordnung der Welt grundlegend verändert hat. Dieser Papst, 2014 heiliggesprochen, war eine permanente Provokation in seiner Radikalität, seinem unbeirrbaren, tief romantischen, festen Glauben; sperrig, störrig, autoritär stand dieser Mann in seiner Zeit, ein Fels in der Brandung der Ideologien, die das Zwanzigste Jahrhundert prägten.

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Karol Wojtyla im Jahr 1978 während seines ersten offiziellen öffentlichen Auftritts als Papst Johannes Paul II. in Castel Gandolfo, kurz nach seiner Wahl.
Karol Wojtyla im Jahr 1978 während seines ersten offiziellen öffentlichen Auftritts als Papst Johannes Paul II. in Castel Gandolfo, kurz nach seiner Wahl. © Massimo Capodanno/epa/dpa

Zum 100. Geburtstag von Karol Wojtyla haben die Journalisten Matthias Drobinski und Thomas Urban den „Papst, der aus dem Osten kam“ porträtiert und ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte außerordentlich spannend auf gut 300 Buchseiten verdichtet. Auf faszinierende Weise beschreiben die Autoren, wie prägend die polnische Identität für diesen Papst war, wie sehr er in einer romantischen Strömung des 19. Jahrhunderts verwurzelt war, die als „polnischer Messianismus“ zu einem stehenden Begriff wurde – und wie diese Weltsicht zum Sprengstoff wurde: zunächst für die kommunistische Welt des sogenannten Ostblocks, jedoch auch für die westliche Welt, der er Beliebigkeit und Konsum-Fixierung vorwarf.

Die Würde der Person war für Johannes Paul II. nicht allein durch die Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen begründet. Würde, wie er sie verstand, ist vielschichtig und vor allem nicht ohne die spirituelle Dimension vorstellbar. Aus dieser Perspektive lehnte der Theologe den Materialismus ab – sowohl im Kommunismus als auch in der zunehmend durchökonomisierten westlich-liberalen Welt. Johannes Paul II. war Kämpfer gegen die Armut, er war Pazifist, aber eben auch jener Verfechter einer rigiden Sexualmoral, die das (negative) Bild der katholischen Kirche in der westlichen Welt bis heute prägt. So zeichnen die Autoren das Bild eines Mannes, der Revolutionär und Reaktionär zugleich war.

Vielschichtige, moralische Instanz

Wie eigentümlich und verstörend die fortschrittliche und die rückwärtsgewandte Seite dieses Intellektuellen ineinander verschränkt waren, macht das Buch am Beispiel von Liebe und Sexualität deutlich. Als junger Kaplan und Pfarrer war Wojtyla geradezu revolutionär in seiner Offenheit für diese Themenfelder. Keine verklemmte Ausblendung, sondern ein offensives Verstehenwollen trieb den jungen Theologen in den 1950er-Jahren an, wenn er mit jungen Paaren lange, intensive Gespräche führte, bevor sie zueinander lebenslang und vor Gott Ja zueinander sagten. Und: Karol Wojtyla hatte vor allem für die Perspektive der Frauen ein offenes Ohr. So basierte sein striktes Nein zu künstlicher Verhütung und vorehelichem Sex paradoxerweise auf einem geradezu emanzipatorischen Ansatz. Frauen, fand er, müssten davor geschützt werden, von ihren Männern lediglich als Objekte der Bedürfnisbefriedigung missbraucht zu werden.

Dabei legt die Analyse von Drobinski und Urban nahe, dass Johannes Paul II. alle Entwicklungen des Zwanzigsten Jahrhunderts in Bezug auf eine zunehmende Anerkennung und Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft schlicht nicht zur Kenntnis nahm.

Wadowice, 50 Kilometer südlich von Krakau, am 18. Mai 1920. Hier wird Karol Wojtyla in bürgerlichen Verhältnissen und in einer Zeit des Aufbruchs geboren. In der Folge des Ersten Weltkrieges war im November 1918 erstmals seit 123 Jahren wieder ein souveräner polnischer Staat entstanden. Dieses Polen der Zwischenkriegszeit war noch nicht zu 99 Prozent katholisch, sondern von vielen ethnischen und religiösen Einflüssen geprägt. In Krakau, der Stadt seiner Jugend, hatte Karol Wojtyla früh Kontakt zu jüdischen Familien. Daraus erwuchsen lebenslange Freundschaften. Was den interreligiösen Austausch betrifft, war der Karol Wojtyla immer tolerant. Dies betraf das Verhältnis zum Judentum ebenso wie das zum Islam. Umso befremdlicher wirkt bis heute sein autoritärer Führungsstil als Papst nach. Kompromisslos, schroff und reaktionär hat er 26 Jahre daran gearbeitet, liberale Ansätze in der katholischen Kirche zu zerstören.

Polen, Wadowice: Ein Postkartenporträt des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. in den Händen eines Ortsansässigen vor der Marienbasilika, als sich Zehntausende versammelten, um die Seligsprechung des in Wodowice geborenen Karol Wojtyla zu feiern.
Polen, Wadowice: Ein Postkartenporträt des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. in den Händen eines Ortsansässigen vor der Marienbasilika, als sich Zehntausende versammelten, um die Seligsprechung des in Wodowice geborenen Karol Wojtyla zu feiern. © Grzegorz Momot/PAP/dpa

Journalistisch im besten Sinne ist der Blick der beiden Autoren auf diesen Papst und das Jahrhundert, das er wesentlich mit prägte. Als Leser mag man sich gelegentlich Einblicke in das subjektive Empfiden des Papstes wünschen; hatte er Angst, kannte er Zweifel? Aber nie verlassen die Autoren die Position der genauen, kritischen, aber immer außenstehenden Beobachter. Jedes Fabulieren liegt ihnen fern.

Das Faszinosum dieses Heiligen Johannes Paul II. bringt das Schlusswort auf den Punkt: „In dieser Welt der vorläufigen Bekenntnisse und des ironischen Verhältnisses zu den Wahrheitsfragen ragt dieser Glaube fremd und eigentümlich hinein, so ärgerlich wie bewundernswert. Dieser Glaube war die Quelle für Johannes Pauls II. rebellischen und widerständigen Konservatismus, der seine Stärke aus seiner völligen Ungebrochenheit bezog, dessen Schwäche aber auch das Hermetische und Zweifellose war. Beides gehört zusammen.“

Wertvoll und hoch aktuell ist diese Papst-Biografie, weil sie nicht nur fundiert Einblick gibt in die Geisteswelt der katholischen Kirche seit dem 19. Jahrhundert, sondern zugleich klug und klar ein Jahrhundert durchmisst, das Europa und die Welt tiefgreifend verändert hat. Darüber hinaus öffnet es Türen in die Welt eines Konservatismus, der sich aus Romantik und Idealismus speist und in der liberalen Welt heute als reaktionär gilt – aber eben nicht mit Faschismus gleichzusetzen ist. Überdies hilft der Text, spezifische Ausprägungen eines autoritären Nationalismus besser zu verstehen, der sich zurzeit auf beklemmende Weise im Nachbarland Polen Bahn bricht.

Matthias Drobinski, Thomas Urban: Johannes Paul II. Der Papst, der aus dem Osten kam. Eine Biografie.“ Verlag C.H. Beck, München, 2020. 336 Seiten, 24.95 €

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