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Der Erinnerungssammler

Frank Wießner gräbt sich durch den Dresdner Untergrund. Dabei ist er immer auf der Suche nach der Vergangenheit.

© André Wirsig

Von Linda Barthel

Bei so einem Vater musste sich wohl zwangsläufig eine gewisse Sammelleidenschaft entwickeln. Alte Schuhe, Kleidung, jedes Tagesblatt seit 1960: Ekkehart Wießner konnte und wollte sich einfach von nichts trennen. Wegschmeißen kam für den Dresdner Bauunternehmer nicht infrage. Schließlich könnte er die Sachen irgendwann noch einmal gebrauchen. „Er ist 1941 geboren. In der Kriegszeit und auch danach gab es eben nicht viel. Das hat ihn geprägt“, sagt sein Sohn Frank Wießner. Den 39-Jährigen hat das väterliche Verhalten abgeschreckt. Doch auch er ist ein Sammler. Ein Sammler von Erinnerungen, die sich jahrzehntelang tief unter der Erde verborgen haben.

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Vor sechs Jahren hat der Bauingenieur, der mittlerweile die Geschäfte des Familienunternehmens führt, während der Arbeit ein neues Hobby für sich entdeckt und eine Leidenschaft entwickelt, die in die Tiefe geht. Drei Meter, um genau zu sein. Denn so weit unten liegen die meisten Gegenstände, die der Dresdner Bauunternehmer bei der Erschließung seiner gekauften Grundstücke findet und sammelt. Viele Häuser wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört, das Hab und Gut der Bewohner unter den Erdmassen verschüttet. Dort liegt es zum Teil noch heute. Zumindest so lange, bis es Wießner mit der Baggerschaufel freilegen lässt. Im Laufe der Jahre hat er schon einige Schätze gefunden. Zum Beispiel eine weiße Fliese aus echtem Meissner Porzellan, die auf der Comeniusstraße zum Vorschein kam. „So etwas wird heute nicht mehr hergestellt“, sagt der Loschwitzer. Auf nahezu allen Baustellen würden seine Mitarbeiter etwas finden – ob Geschirr, eine Pferdetränke oder alte Fenstergriffe. Wießner steht neben jeder Baugrube und hält Ausschau. Die Angestellten machen sich deshalb schon über ihn lustig. „Die Baggerfahrer lachen oft, und manchmal nervt es sie auch, aber mir macht das einfach Spaß“, sagt er.

Säbel, Flinte und Dresdner Hofbräu

Der Ingenieur weiß mittlerweile genau, auf welchen Grundstücken es etwas Interessantes zu holen gibt. Denn zu jedem Areal kennt er die Geschichte. Der Dresdner recherchiert in alten Plänen, vor allem aber in einem Adressbuch von 1943/44, das ihm sein Großvater vererbte. Darin sind alle Häuser der damaligen Zeit und ihre Bewohner aufgelistet. Dadurch weiß Wießner bei jedem Grundstück, was ihn im Untergrund erwarten könnte. So war es auch bei der Forststraße 10. Hier hat sein Unternehmen einen Neubau errichtet. Doch bereits ab 1880 stand auf dem Grundstück ein Mehrfamilienhaus, das während des Krieges komplett niederbrannte. Als Wießner vor rund zwei Jahren auf dem Areal zu bauen begann, kamen mehrere Erinnerungsstücke ans Tageslicht. So fanden die Arbeiter unter anderem einen alten Säbel und eine stark verrostete, doppelläufige Flinte. „In dem Haus hat die Witwe eines Generalleutnants mit ihrer Hausdame gewohnt. Der Mann war wahrscheinlich Waffensammler“, sagt Wießner.

Im Erdgeschoss befand sich früher außerdem ein kleiner Laden, in dem zum Beispiel Dresdner Hofbräu verkauft wurde. Beim Baggern fanden die Arbeiter eine Flasche, bei der vor allem der Deckel gut erhalten ist. Sie steht mittlerweile gemeinsam mit all den anderen Stücken, die an die frühere Forststraße 10 erinnern, in einer Vitrine des Neubaus. „Sonst sammle ich die gefundenen Sachen alle in meinem Büro. Aber weil wir hier so viel entdeckt haben, wurde die Vitrine gebaut“, sagt Wießner. Dass gerade auf diesem Grundstück so viel an die Oberfläche kam, ist kein Zufall. Der Ingenieur hatte die Grabungen besonders im Auge. Denn die letzte Grundstücksbesitzerin, eine 84-jährige Frau, die bis 1945 dort wohnte und heute in Westdeutschland lebt, hatte eine besondere Bitte. „Sie wollte, dass ich bei den Grabungen nach einem Kästchen mit ihrem Konfirmationsschmuck Ausschau halte.“ Doch weder Kette noch Armband wurden gefunden.

Anders war es auf der Grünen Straße im Stadtzentrum. Dort lässt er gerade zwei Mehrfamilienhäuser bauen. Bei den Grabungen stießen die Arbeiter unverhofft auf einen vermeintlichen Schatz. Unter dem Grundstück, das er von einer Erbengemeinschaft gekauft hatte, lag ein jahrzehntealter, gut verschlossener Tresor. Dass es den Geldschrank gibt, wusste der 39-Jährige zwar, hätte allerdings nie damit gerechnet, diesen zu finden. Werner Sturbeck, einer der Erben, hielt das aber durchaus für möglich. Deshalb hatte er sich beim Grundstücksverkauf auch vertraglich zusichern lassen, dass er den Tresor – falls er entdeckt wird – bekommt. Dieser sollte nämlich voller Goldmünzen sein. Sturbecks Mutter hatte ihm oft erzählt, dass die Urgroßmutter den Enkeln Münzen aus dem Tresor schenkte.

Ein wenig Gold lag am Ende wirklich im Geldschrank. Allerdings in Form von Schmuck. Außerdem wurden ein alter Zirkelkasten, silbernes Besteck und zum Teil verbrannte Unterlagen gefunden. Alles ging an den in Frankfurt am Main lebenden Sturbeck. Nur der Tresor darf in Dresden bleiben. „Wir bauen ihn in eine Wand des neuen Hauses als Erinnerung ein“, sagt Wießner. Ein kurioser Fund steht somit schon auf seiner diesjährigen Liste. Weitere folgen womöglich. „Ich würde gerne mal einen richtigen Goldschatz finden, das wäre cool“, sagt der Dresdner. „Aber eigentlich bin ich anspruchslos und nehme alles, was ich kriegen kann.“