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Freital

Der erste Figaro im Weißeritztal

1862 sorgt eine Verordnung in Sachsen für enormen Aufschwung. Auch in Deuben, Döhlen und Potschappel blüht das Gewerbe auf.

Die erste Barbierstube im Weißeritztal wird um 1825 in der Gesindestube eines Potschappler Bauerngutes eröffnet. Chef der „Stelle für Bart- und Haarpflege“ ist Ortsvorsteher Hermann Otto.
Die erste Barbierstube im Weißeritztal wird um 1825 in der Gesindestube eines Potschappler Bauerngutes eröffnet. Chef der „Stelle für Bart- und Haarpflege“ ist Ortsvorsteher Hermann Otto. © Zeichnung: Siegfried Huth

Am 1. Januar 1862 wird in Sachsen die Gewerbefreiheit eingeführt. Ein durchaus denkwürdiges Kapitel. Leute, die sich bisher mit mäßigem Erfolg als Gehilfen um Lohn und Brot mühten, wittern Morgenluft. Endlich kann jeder sein Heil als Selbstständiger versuchen.

Das Resultat ist verblüffend. Fast alle, der bis dato in Deuben, Döhlen und Potschappel ansässigen Gewerbe bekommen Zulauf. Am stärksten die Händler, im Volksmund Krämer genannt. Selbst in Nebenstraßen, Gassen und Gässchen halten Krämerbüdchen mit Gemischt- und sogenannten Kolonialwaren Einzug. Allein in Deuben steigt die Anzahl der kleinen Läden innerhalb weniger Wochen von sechs auf sage und schreibe 64 an. Freilich, können sich nicht alle in der Branche behaupten. Es gibt genügend Neuhändler, die kaufmännisch unerfahren sind. Sie bleiben oft nach kurzer Zeit auf der Strecke.

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Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Ein deutlicher Aufwärtstrend zeichnet sich in Potschappel ab, wo die Schar der Händler von fünf auf 60 steigt. In Döhlen hingegen kommen zu den drei existierenden Geschäften noch weitere 13 hinzu.

Aufbruchstimmung auch im Lager des Schuhmacherhandwerks. Zehn „Schuster“ lassen sich in Potschappel nieder (vorher drei), acht bieten ihre Dienste in Deuben an, Döhlen bleibt mit zwei Werkstätten unterbesetzt. Was das heimische Schmiedehandwerk anbetrifft, so können Kunden unter respektablen 21 Objekten ihre Auswahl treffen. Überraschend existiert vorund nach 1862 lediglich ein Barbier auf dem späteren Freitaler Stadtterrain und das zu Zeiten rauschender Männervollbärte. Das Barbiergeschäft ist zunächst reine Männersache. Die Damen müssen sich selbst behelfen. Der erste Figaro im Weißeritztal ist eine vielbeschäftigte Persönlichkeit. Um 1825 entschließt sich Hermann Otto, seines Zeichens Potschappler Gemeindevorsteher und Ortsrichter, eine „Stelle für Bart- und Haarpflege“ zu eröffnen. Zugleich darf Otto den Titel „Mundarzt“ führen. Mit anderen Worten: Er darf den Leuten auf den Zahn fühlen.

Ottos Wirkungsstätte hat nur wenig Ähnlichkeit mit den Salons unserer Tage. Der erste Barbier empfängt seine Kunden zunächst in der Gesindestube eines Bauerngutes, später zieht er in die Gemeindestube um, wo von Komfort ebenfalls keine Rede sein kann. Man sitzt auf harten Holzstühlen und lässt die Prozedur über sich ergehen. Meister Otto kann sich kaum eine Atempause gönnen. Selbst Bartträger aus entlegenen Dörfern des Osterzgebirges nehmen weite Wege in Kauf, um sich verschönern zu lassen.

Als das Geschäft 1855 auf Ottos Sohn übergeht, hat der Junior sogleich große Pläne. Ihm schwebt ein Salon mit Pariser Flair vor. Am Ende wird alles eine Nummer kleiner, das Geschäft floriert wie zu Zeiten seines Vaters. Da auch der junge Mann als Amtsperson fungiert, zweigt er einen Teil seiner Barbierstube für Amtsgeschäfte ab.

Wann sich bei uns Damensalons etablieren, ließ sich bis jetzt nicht ergründen. Fest steht, dass die Bubikopfmode nach dem Ersten Weltkrieg dem Friseurhandwerk einen enormen Aufschwung verleiht. Seither spielen Salons für das schöne Geschlecht in den Geschäftspraktiken der Figaros die erste Geige. Eine Tendenz, an der sich vermutlich nichts mehr ändern wird.

Zigarettenduft und süßes Leben

Mit der 1862 erlassenen Gewerbefreiheiti eröffnet ein gewisser Edmund Weiser die „Potschappler Zigarrenfabrik“, die schon nach kurzer Zeit für 100 Einwohner zur täglichen Arbeitsstätte wird. Weiser besitzt im Dresdner Raum einige Fachgeschäfte, sein Ruf ist untadelig. Die Spezies der Potschappler Fabriaktion: „Meine Hausmarke“ und „Echt Felix Brasil“.

Eine Blütezeit erlebt auch die 1866 von Gustav Taubner gegründete „Deubener Kakao- und Schokoladenfabrikation“, das Unternehmen wird faktisch die Nummer 1 im Zuliefern von Halbfabrikaten, Kakaomasse sowie Kuvertüre – leckere Sachen, die von der einschlägigen Industrie und diversen Kaffeehäusern verarbeitet werden. Die Weltwirtschaftskrise setzt beiden Fabrikationen um Mitte der 20er-Jahren ein Ende.

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