merken
PLUS

30 Jahre Wir

Der erste Privatbetrieb im Osten

Schon im April 1990 wurde aus dem VEB Komet Großpostwitz wieder ein Privatbetrieb, der nicht nur für Eispulver bekannt ist. Mit einem Produkt ist er sogar Marktführer.

Mit Eispulver zu DDR-Zeiten erfolgreich und heute wieder: Komet-Geschäftsführer Gunter Pöhle präsentiert zwei Softeissorten. Zum Sortiment des Großpostwitzer Betriebes gehört aber noch viel mehr, mittlerweile umfasst es über 100 Produkte.
Mit Eispulver zu DDR-Zeiten erfolgreich und heute wieder: Komet-Geschäftsführer Gunter Pöhle präsentiert zwei Softeissorten. Zum Sortiment des Großpostwitzer Betriebes gehört aber noch viel mehr, mittlerweile umfasst es über 100 Produkte. © SZ/Uwe Soeder

Großpostwitz. Nein, es war kein Aprilscherz. Gerolf Pöhle wollte einfach mit dem Thema durch sein, wenn alle anderen damit anfangen würden. Und so übernahm er die Großpostwitzer Firma Komet schon am 1. April 1990 zurück in den Familienbesitz, nicht erst zum Tag der deutschen Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli. Komet war damit in der ganzen DDR der erste Betrieb der Branche, der wieder in Privathand ging. Und so zu seinen Wurzeln zurückkehrte. Ganz aus eigener Kraft, ohne Kapital von irgendwelchen Firmenmüttern aus dem Westen.

Im Foyer des Firmengebäudes zeigt Komet Erinnerungen an den Anfang des Unternehmens im Jahr 1924: Seinerzeit gründete der Bäckermeister Albert Umlauf die Firma gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Georg Pöhle. Auf einer kleinen Teigwarenpresse in einem Hinterhofgebäude in Großpostwitz stellte Komet anfangs Nudeln und andere Eierteigwaren her. In den 50er Jahren ging der Absatz der Teigwaren zurück. Eine andere Produktion musste her, die aber mit den vorhandenen Maschinen zu machen wäre.

Anzeige
Das Gefühl der Freiheit - gerade jetzt!
Das Gefühl der Freiheit - gerade jetzt!

Hotels geschlossen, Flugreisen gestrichen: In der Urlaubssaison 2020 sind Reisemobile die flexible Alternative für alle, die sich richtig gut erholen wollen.

Durch Zufall „flatterte“ Gerolf Pöhle, Chef seit 1958, ein Päckchen Eispulver aus Westdeutschland auf den Tisch. Dieses könnte doch auch zu Hause im Kühlschrank hergestellt werden, überlegte Pöhle. So wurde probiert und probiert, um eine entsprechende Mixtur zu finden. Das gelang – und später kamen Werbespots für Komet-Speiseeispulver sogar in der einzigen Werbesendung des DDF-Fernsehens, in den Tausend Tele-Tipps. 1976 wurde die Sendung allerdings aus politischen Gründen eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt war die Herstellerfirma ein Volkseigener Betrieb, in dem Gerolf Pöhle aber weiter auf dem Direktorenstuhl saß.

1990 musste sich der jetzt wieder selbstständige Unternehmer erneut etwas einfallen lassen. Denn war Komet in der DDR praktisch der einzige Anbieter von Eispulver, gab es davon im vereinten Deutschland mehrere. Und die Verbraucher im Westen kauften, was sie kannten; die im Osten, was sie bisher nicht bekommen konnten. Was nun?

Ein Bild aus dem Jahr 1995: Das Ehepaar Regina und Gerolf Pöhle steht an einer alten Abfüllanlage für das Komet-Speiseeispulver. 
Ein Bild aus dem Jahr 1995: Das Ehepaar Regina und Gerolf Pöhle steht an einer alten Abfüllanlage für das Komet-Speiseeispulver.  © Wolfgang Wittchen

In dieser Situation gaben zwei Firmen die Produktion von Eierkuchenmehl ab – und Komet griff zu. Im modernen Design und bester Qualität eroberte es bald die Kunden, die sich langsam wieder auf ihre vertrauten Marken besannen. Bald dachte auch Gerolf Pöhle wieder an seine „Eisstrecke“. Ein Eis- und Creme-Dessertpulver in drei Geschmacksrichtungen kam Mitte 1993 auf den Markt. Rote Grütze mit Grieß gesellte sich hinzu.

Nach und nach wurden Komet-Produkte in immer mehr Handelsketten gelistet – und auch in West-Regalen gesichtet. Mittlerweile ging es dem Unternehmen gut genug, dass es sich in den 90er-Jahren für rund sechs Millionen Mark ein neues, modernes Domizil im Gewerbepark Ebendörfel bauen konnte.

Ein knappes Jahrzehnt nach dem Start in die Marktwirtschaft zog es Komet zum ersten Mal auf die Grüne Woche in Berlin, die weltgrößte Ernährungsmesse. Dazu brauchten die Großpostwitzer natürlich einen Messestand. Den bekamen sie in der Länderhalle von Schleswig-Holstein. Sachsens Ernährungswirtschaft hatte damals noch keine eigene Halle, so schloss sich Komet den Norddeutschen an. Und fand sich dort gleich neben dem Eingang auf einer Standfläche wieder, die sonst keiner haben wollte. „Der Vorteil war aber: Alle mussten an Komet vorbei – und wir waren dort der einzige Eis-Anbieter“, erinnert sich Gunter Pöhle, der 2001 die Geschäftsführung von seinem Vater übernommen hatte. Georg, Gerolf, Gunter – Namen künden von Traditionsbewusstsein.

Bei Eierkuchenmehl Marktführer

Inzwischen sind es mehr als 100 Produkte, auf denen der Name Komet mit dem firmentypischen Stern prangt: Eispulver in mehr als 40 verschiedenen Geschmacksrichtungen, Backmischungen, Grützen, Kaltschalen, Pudding, Tortenguss und vieles mehr. Bei Eierkuchenmehl ist Komet mit einem Marktanteil von mehr als 70 Prozent die Nummer eins in den ostdeutschen Bundesländern.

So aufgestellt, zweifelt in Großpostwitz niemand daran, dass das 25-köpfige Unternehmen in fünf Jahren seinen 100. Geburtstag feiern wird. Gut möglich, dass es dann die größte Eistorte der Firmengeschichte gibt.


Mehr zum Thema:

Die Serie "30 Jahre Mauerfall - 30 Jahre Wir" von sächsische.de erinnert mit mehr als 100 Porträts, Essays, Reportagen und Videos an die Friedliche Revolution 1989. Alle Beiträge finden Sie hier in der Themenwelt auf sächsische.de.

Wie haben Sie die letzten 30 Jahre erlebt? Erzählen Sie es uns: Wir laden Sie am 30.10. um 20 Uhr ins Haus der Presse. Interessierte mailen bitte mit dem Betreff „Erzählsalon“ an [email protected]

Am 9.11. feiern wir eine Ost-West-Party im Dresdner Parkhotel mit Musik, Mode, Kulinarik aus den 80ern samt Mauerfall. Weitere Informationen finden Sie hier.