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Der Fahrstuhl kommt

Das Bürgerhaus wird barrierefrei. Aber in Niesky gibt es noch mehr Hürden für behinderte Menschen.

© André Schulze

Von Thomas Staudt und Steffen Gerhard

Niesky. Das Bürgerhaus in Niesky ist eine Nummer. Auch, weil das Gast- und Veranstaltungshaus im vollklimatisierten Saal Platz für 500 Besucher bietet. Ein Alleinstellungsmerkmal. Das gibt es nirgendwo sonst im Umkreis von 50 Kilometern. Da kann Bautzen, nach der Schließung der „Krone“, nicht mithalten, Görlitz auch nicht. Landrat Bernd Lange war das Bürgerhaus sogar eine Erwähnung in seiner Ansprache zum Neujahrskonzert wert. Aber der Superlativ hat einen Haken. Der Saal liegt im ersten Stock und ist damit für Menschen mit Gehbehinderung nur schwer zu erreichen. Für die Gasträume im Erdgeschoss wurde vor Jahren eine Rampe angebaut. Weiter hinauf geht es nur mit einem Lastenaufzug, der für den Transport von Personen nicht vorgesehen ist.

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Nun soll sich diese Situation grundlegend ändern. Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GWG, seit 2003 mit 96 Prozent Hauptgesellschafter des Bürgerhauses, bereitet den Einbau eines Fahrstuhls vor. Kein Vorhaben, das man mal eben so aus dem Ärmel schüttelt. GWG-Geschäftsführer Wilhelm Fischer arbeitet seit zwei Jahren daran. „Unsere Zielstellung für die Realisierung des Projekts war eigentlich 2018“, sagt Fischer. Bevor das Bürgerhaus barrierefrei wird, muss jedoch eine entscheidende Hürde genommen werden: Das Gebäude muss integrativer Bestandteil des bestehenden Sanierungsgebietes werden. Wenn nicht, gibt es keine Förderung. Aber nur so ist der Fahrstuhl für die GWG überhaupt finanzierbar. Angebaut werden soll er auf der Gebäudeseite zwischen Rampe und Treppe.

Im Bürgerhaus finden Abschlussbälle statt, Konzerte oder Kabarettveranstaltungen. Es gibt Filmvorführungen für Schulen, ganze Belegschaften von Firmen feiern dort. Insgesamt knapp 50 Veranstaltungen im Jahr. Wie notwendig der Fahrstuhl ist, zeigt auch ein Blick auf die nackten Zahlen: Laut den Angaben des Statistischen Bundesamtes war Ende 2015 fast jeder Zehnte in Deutschland schwerbehindert. Der höchste Wert seit Beginn der Statistik vor über 25 Jahren. Bei bei 13 Prozent sind Arme und Beine betroffen, bei zwölf Prozent Wirbelsäule und Rumpf, bei fünf Prozent die Augen. Vier Prozent leiden unter Gleichgewichts- oder Sprachstörungen sowie Schwerhörigkeit. Bei der Akustik hat das Bürgerhaus bereits aufgerüstet. Vor geraumer Zeit wurde die Saaltechnik modernisiert und an die Bedürfnisse von Schwerhörigen angepasst.

Niesky wird immer älter. Der Bedarf nach mehr Behindertengerechtigkeit steigt. „Betroffen sind nicht nur Menschen mit Rollatoren“, sagt Ines Reimann von der Selbsthilfegruppe Hörgeschädigte. Für Menschen ohne Behinderung sei dies oft nicht nachvollziehbar. Als positive Beispiele in der Stadt sieht sie das Rathaus (Fahrstuhl), die Sparkasse (Rampe und Lift), das Konrad-Wachsmann-Haus (Rampe im Erdgeschoss und Höranlage), den Friseurladen Grund in der Ödernitzer Straße (Rampe) oder das Emmaus-Krankenhaus, das Ärztehaus Hausmannstraße, oder das Landratsamt. Die großen Einkaufsmärkte seien mit Rollstuhl oder Rollator befahrbar, meint sie, auch wenn bei Edeka oder Aldi extra ausgeschilderte Behindertenparkplätze fehlten. Vielleicht kann sie bald auch das Bürgerhaus in ihre Aufzählung mit aufnehmen. Der Antrag zur Erweiterung des Sanierungsgebiets wird übrigens vom Stadtrat unterstützt. Er gab dafür kürzlich grünes Licht. Ob der Fahrstuhl tatsächlich noch 2018 eingebaut werden kann, ist davon abhängig, wie schnell die Anträge von der Sächsischen Aufbaubank, die für die Bewilligung der Fördergelder zuständig ist, bearbeitet werden, meint Wilhelm Fischer. Ein positives Signal über die grundsätzliche Wahrscheinlichkeit einer Förderung, hat er schon erhalten. Wie hoch die Förderung ausfällt, sei noch offen. Klar ist hingegen, mit welchen Kosten zu rechnen ist. Zu Beginn der Planungen lagen sie bei 200 000 Euro. Eingerechnet sind dabei die Ausgaben, für die Überarbeitung des Brandschutzkonzepts. Nicht eingerechnet ist die Teuerungsrate.

Das Hotel, das zum Bürgerhaus gehört und in einem benachbarten Gebäude untergebracht wird, erhält übrigens keinen Fahrstuhl. Dafür gibt es keine Fördermittel.