merken
PLUS

Leben und Stil

Der Feind in unserer Milch

Immer mehr Menschen vertragen keine Milch. Hat die Lebensmittelindustrie Schuld? Oder ist alles nur Einbildung?

Wie viel Milchzucker ist da wohl drin? Beim Einkauf müssen Menschen mit Laktose-Intoleranz genau hinschauen.
Wie viel Milchzucker ist da wohl drin? Beim Einkauf müssen Menschen mit Laktose-Intoleranz genau hinschauen. © Cut view

Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall – mindestens jeder fünfte Deutsche hat nach dem Verzehr von Milchprodukten gesundheitliche Probleme, informiert der Deutsche Allergie- und Asthmabund anlässlich des Allergietages am 21. Juni. 

„Die Anfragen von Betroffenen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen, sodass wir von einem Anstieg der Unverträglichkeit ausgehen“, sagt Sonja Lämmel, Sprecherin dieser Patientenorganisation. Für die Verdauungsbeschwerden ist bei den einen der Milchzucker – in der Fachsprache Laktose –, bei den anderen das Milcheiweiß verantwortlich.

Bei der Laktose-Intoleranz, der am weitesten verbreiteten Unverträglichkeit, ist die Milchzuckerverwertung aufgrund eines Enzymmangels im Darm gestört. Das Enzym Laktase spaltet normalerweise den Milchzucker auf, sodass er besser verwertet werden kann. Geschieht dies nicht, vermehren sich bestimmte Bakterien, die die beschriebenen Gesundheitsstörungen auslösen können. 

„Der Laktasemangel ist in seltenen Fällen angeboren oder entsteht krankheitsbedingt. Meist entwickelt er sich aber automatisch im Laufe des Lebens“, so Lämmel. Die Ernährungsstudie „Iss was“ der Techniker Krankenkasse untersuchte 2013 und 2017 auch Lebensmittelunverträglichkeiten. Bei der Laktose-Intoleranz gab es einen Gipfel bei den 56- bis 66-Jährigen, aber auch bei Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren. Die Erkrankungszahlen haben sich in den vier Jahren mehr als verdoppelt.

Die Gründe dafür seien vielschichtig, sagt Lämmel. „Die Ärzte schauen bei Verdauungsproblemen heute genauer hin, auch die Testmöglichkeiten haben sich verbessert. Das führt zu mehr Fällen.“ Eine Laktose-Intoleranz lässt sich mit einem einfachen Atemtest erkennen, bei dem die Wasserstoffkonzentration der Ausatemluft gemessen wird. Allergologen oder Magen-Darm-Spezialisten bieten ihn an.

© SZ

Neben der besseren Diagnostik führt auch ein höherer Milchzuckerverbrauch zur Zunahme der Unverträglichkeiten. „Vor allem in der Lebensmittelproduktion wird heute mehr Milchzucker verwendet“, sagt die Expertin. Die Lebensmittel würden zudem immer stärker verarbeitet, damit sinke ihr natürlicher Gehalt an Milchsäurebakterien. „Doch diese Bakterien sind an der Aufspaltung des Milchzuckers beteiligt.“

Nicht von der Hand zu weisen sei aber auch die zunehmende Vielfalt an Lebensmitteln mit dem Zusatz „frei von ...“. Damit werde die Aufmerksamkeit erst auf Verdauungsbeschwerden und ihre mögliche Vorbeugung gelenkt, sodass es sich bei der Laktose-Intoleranz in vielen Fällen eher um einen Ernährungstrend als um eine echte Unverträglichkeit handelt. Das beweisen auch die ständig steigenden Umsatzzahlen bei solchen diätetischen Lebensmitteln.

Dabei müssen lediglich Milcheiweißallergiker konsequent auf Kuhmilchprodukte verzichten. Sie können pflanzliche Milchalternativen nutzen, die beispielsweise aus Soja oder Reis hergestellt werden. Auch Schaf- und Ziegenmilch vertragen sie meist gut. Bei Laktose-Intoleranz sei ein Verzicht auf Milch dagegen nicht nötig, so Sonja Lämmel. 

Zunächst sei es eine Frage der Menge, denn kleine Dosen Milchzucker würden meist gut vertragen. Auch Butter und Schnittkäse könnten problemlos gegessen werden. „Gute Sauermilchprodukte haben eine hohe Laktosespaltfähigkeit, sodass sie trotz ihres Milchzuckergehaltes eher förderlich für die Verdauung sind.“ Von zubereiteten Fruchtjoghurts rät sie ab. Diese Produkte enthalten oft überdurchschnittlich viel Milchzucker, obwohl sie intensiv als gesund beworben werden. Wer Milchzucker schlecht verträgt, sollte auch fettarme Milch meiden. Sie sei laktosereicher als Milch mit einem normalen Fettgehalt von 3,5 oder 3,8 Prozent. Schaf- oder Ziegenmilch hätten übrigens etwa den gleichen Anteil an Milchzucker wie Kuhmilch. 

Verzichtbar sei auch eine Nahrungsergänzung mit dem Enzym Laktase. „Es gibt keine Studien zur Wirksamkeit dieser Präparate.“ Eine möglichst naturbelassene Ernährung sei auch bei Laktose-Intoleranz der Schlüssel zu weniger Verdauungsbeschwerden, sagt Sonja Lämmel. Sie empfiehlt Betroffenen eine Ernährungsberatung, die auch von Krankenkassen bezuschusst oder sogar bezahlt wird.

Mehr zum Thema Leben und Stil