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Der Fels in der Brandung

Dorothea Böhme verlässt das EZG mit 76 Jahren. Ihren Nachfolger hat sie lange gesucht. Er wird ein großes und leistungsfähiges Erbe weiterführen.

Dorothea Böhme und ihr Nachfolger Marko König von der Genossenschaft EZG Großenhain.
Dorothea Böhme und ihr Nachfolger Marko König von der Genossenschaft EZG Großenhain. © Anne Hübschmann

Großenhain. Dorothea Böhme ist das ganze Gegenteil von Menschen, die ständig mit hochgezogenen Mundwinkeln herumlaufen. Die Zabeltitzerin zum Lächeln zu bewegen, ist schon ziemlich herausfordernd. Doch für die 76-Jährige zählen Leistung und Erfolg viel mehr als aufgesetzte Fröhlichkeit. Wäre das nicht so, hätte die EZG-Chefin nicht so lange durchgehalten.   

Nach 60 Dienstjahren und 31 Jahren Vorstandsvorsitz wird Dorothea Böhme Ende August aus dem Elektro Zentrum Großenhain ausscheiden. Ihrem Nachfolger Marko König (45) hat sie die Geschäfte Anfang Juli übergeben, die Genossenschaftler wurden auf der Jahreshauptversammlung informiert. Böhme und König siezen sich, der bisherige Bereichsleiter Elektro und ihr Stellvertreter spricht mit Ehrfurcht von "Frau Böhme". Sie hatte schon zehn Jahr die Fäden der Buchhaltung seit 1982 in der Hand, als er grad Lehrling wurde. 

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Die Zabeltitzerin ist gelernte Bankkauffrau und Diplomökonomin. Nach Stationen bei der Bank, dem Rat des Kreises, der Baufirma C.F. Riemer und dem Kreisbau kam sie 1982 aus persönlichen Gründen in die damalige PGH 1. Mai. "Dass ich hier mal lande, hätte ich damals nicht gedacht", so die Mutter von zwei Kindern. 

Nicht nur in Deutschland, auch in angrenzenden Ländern ist das EZG im Einsatz, wie man an dieser Tafel im Foyer sehen kann.
Nicht nur in Deutschland, auch in angrenzenden Ländern ist das EZG im Einsatz, wie man an dieser Tafel im Foyer sehen kann. © privat

Von Elektrotechnik hatte sie keine Ahnung, wohl aber von Zahlen - das wurde gebraucht. Und fachlich fundierte Führung und Leitung. Die Hauptbuchhalterin wählten die damals 189 Genossenschaftsmitglieder kurz vor der Wende zur Vorsitzenden, für zwei Jahre hatte sie sich "überzeugen" lassen.

Es wurde mehr daraus, und seit 2002 war Böhme statutengemäß als Chefin eingesetzt. Dazwischen lag eine turbulente politische Zeit, die den volkseigenen Sektor in Großenhain weitgehend hinwegspülte. Böhme musste mit ihren Mitstreitern die neue Rechtsform durchkämpfen und 52-jährige Fachleute mit Bedauern in die Frührente schicken. 

Sie musste ein Kerngeschäft neu aufbauen und sich in einer Männerdomäne behaupten. "Ich hatte aber nie Angst vor Männern, auch bei den früheren Baufirmen nicht", macht die resolute, aber nie cholerische Vorsitzende deutlich. Ihr Mann ist auch vom Bau. Er hat ihr im entscheidenden Moment beruflich den Vortritt gelassen. 

Marko König kennt die Geschehnisse aus der Betriebsgeschichte. Er hat ab 1992 im EZG gelernt, weil auch sein Vater hier schon beschäftigt war. Bewundernd liest er den kleinen Zettel, den seine Vorgängerin an den Bildschirm gepinnt hat: "Auf die Arbeit schimpft man nur so lange, bis man keine mehr hat." Anfang der 90er und dann nochmal von 2001 bis 2004 hatte dieser Spruch im EZG einen ganz realen Anlass. Da war nicht sicher, dass die Genossenschaft erfolgreich weiterbestehen kann.   

Jemand aus den eigenen Reihen

Dank Dorothea Böhme ist die Handwerkergenossenschaft über diese Krisen gekommen. Und konnte 2016 das 60-jährige Betriebsjubiläum feiern. Dorothea Böhme dankte in der Hauptversammlung nicht nur all jenen, die sie "gradlinig mit konstruktiver Offenheit und Hilfe" unterstützten, ihr Vertrauen, Wahrheit und Ehrlichkeit entgegenbrachten. Sie sprach auch von Intrigen und schmerzlichen Enttäuschungen. Doch das will sie künftig konsequent aus ihrer Erinnerung fernhalten. 

Es wundert deshalb nicht, dass die Chefin genau nach einem geeigneten Nachfolger Ausschau hielt. Das dauerte länger als vielleicht gedacht. Weshalb Dorothea Böhme ihren Renteneintritt immer weiter nach hinten schob. "Es sollte jemand aus den eigenen Reihen sein", sagt sie. 

Marko König war lange Bauleiter auf den bundesweiten Baustellen des EZG. Es zeigte sich, so Böhme, dass er die Ideale des Unternehmens - Qualität und Termintreue - sehr gut vertreten kann. Vom Meister bildete er sich weiter in Richtung Betriebswirtschaft. "Frau Böhme beherrscht die Finanzen bis zur Perfektion", weiß der Tauschaer. "Das muss man erstmal hinkriegen."

Auch er hatte anfangs nicht gedacht, mal in der Chefetage zu landen. Doch das berufsbegleitende Studium fiel Marko König dann doch nicht so schwer. Nun trägt er Verantwortung für 113 Mitarbeiter und einen Fuhrpark von 72 Fahrzeugen. Für eine eigene Lehrwerkstatt und eine Betriebsstruktur, die bisher von Corona nicht heimgesucht wurde. 

Dorothea Böhme will sich künftig mehr ihren vier Enkelkindern widmen und dem Förderverein Heimatpflege Röderaue, in dem sie im Vorstand ist. Außerdem wird sie weiterhin im Ortschaftsrat Zabeltitz mitarbeiten. Sie war nebenbei gesagt auch Gemeinde- bzw. Stadträtin, 25 Jahre Kirchenvorsteher und bleibt im Vorstand des Diakonie-Fördervereins. Das "harmonische Familienleben" ist und bleibe für sie aber ihr Mittelpunkt.   

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