merken
PLUS

Der Feuerwehrmann, der Angst vorm Feuer hat

Reinhard Fischer musste wie alle mit 65 seinen Pieper abgeben. Der Abschied wird ihm mit dem Ehrenamtspreis versüßt.

Von Heike Sabel

Es ist wie mit Weihnachten. Man weiß das ganze Jahr, das es kommt. Und dann ist man trotzdem überrascht. So ging es Reinhard Fischer mit seinem 65. Geburtstag. PPlötzlich war der Tag da. Ein Grund zum Feiern. Aber auch zum Abschiednehmen. Von seinem Pieper. Mit 65 endet für einen Feuerwehrmann der aktive Dienst, egal wie aktiv er noch ist.

Anzeige
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss
Pflegestudium: Bachelor & Berufsabschluss

Studium und Pflegepraxis vereinen? Bewerben Sie sich bis zum 1. April 2021 an der ehs Dresden für den Bachelor-Studiengang Pflege!

Das „Ding“, wie Fischer den Piepser nennt, hat ihn viele Jahre begleitet. Es steckte immer in seiner Hosentasche oder lag nachts auf dem Nachttisch am Bett. Es piepste meist in ungünstigen Momenten. In der Badewanne zum Beispiel. Doch weil mit nassen Füßen in Socken und Stiefel steigen eher schlecht ist, hat Fischer in diesem Fall langsam gemacht. Ihm war klar, die sechs Minuten bis zum Ausrücken schafft er sowieso nicht. Meist aber hat er sich geschafft. Dann läuft alles im Laufschritt und automatisch. „Das ist wie Autofahren“, sagt Fischer. Seine Frau Gisela ist ihm dann aus dem Weg gegangen, und wenn er nachts los musste, ist sie auch wieder eingeschlafen.

Als Fischer seinen Piepser abgeben musste und sein offizielles Entlassungsschreiben erhielt, wurde er getröstet. Eine Würdigung folgt noch, hieß es. Dass es der Ehrenamtspreis ist, wusste und ahnte er nicht. „Es hätte ja auch eine Reise auf die Malediven sein können“, sagt Fischer und lacht. Aber dafür reiche die Stadtkasse wohl nicht, und außerdem habe er das alles nicht wegen des Geldes gemacht. Immerhin war der angestellte Handwerker Fischer zehn Jahre, von 1978 bis 1988 auch Wehrleiter in Heidenau. Fischer hat viel gesehen in all den Jahren. Auch Menschen, die nicht mehr gelebt haben, sagt er. Am schlimmsten war ein Kind bei einem Verkehrsunfall. Als die Ärzte einen Luftröhrenschnitt bei dem verletzten Kind machen mussten, konnte er nicht mehr. „Weil es um ein Kind ging.“ Wenn Fischer alarmiert wurde und losrannte, ging ihm immer durch den Kopf, was ihn am Einsatzort erwartet. Einmal waren es auf dem Balkon stehende Personen, die drohten zu springen. „Das war dann zum Glück nicht so dramatisch.“

Es gab auch Einsätze, über die die Feuerwehrleute heute lachen, wenn sie sie sich erzählen. Zum Beispiel als einer von ihnen der Oma, die mit Kopfhörern im Sessel in der Stube saß, auf die Schultern klopfte. Die Feuerwehrleute hatten gerade in ihrer Küche den Topf vom Herd genommen. Die Oma war verständlicherweise erschrocken. „Stellen sie sich mal vor, da steht auf einmal so einer in voller Montur vor ihnen“, sagt Fischer. Doch nicht deshalb hat er vor einem Feuer in der eigenen Wohnung Angst. „Ich habe erlebt, wie das ist, wenn die Leute gar nichts mehr haben“, sagt er und will nicht weiter denken. Gefahren stecken schließlich überall.

Bei Fischers piepst jetzt kein Feuerwehrpieper mehr. Langeweile haben sie trotzdem nicht. Das Grundstück der Tochter, zwei Enkel, weiterhin Protokoll schreiben bei der Feuerwehr, dies und das – „Und jeden Tag mindestens einmal außer Atem kommen“, sagt Fischer und fährt so oft es geht mit dem Fahrrad.