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Freital

„Der Freitaler Einzelhandel hat eine Zukunft“

Der Chef des Handelsverbandes in Ostsachsen spricht über den Leerstand auf der Dresdner Straße und Gegenmittel.

Keine Seltenheit: Auf der Dresdner Straße in Freital steht etwa jedes achte Geschäft leer.
Keine Seltenheit: Auf der Dresdner Straße in Freital steht etwa jedes achte Geschäft leer. © Foto: Karl-Ludwig Oberthür

Herr Tobias, derzeit wird in Freital darüber diskutiert, einen Citymanager zu installieren, um die Dresdner Straße zu beleben. Kann das klappen?

Ja, es gibt erfolgreiche Beispiele, wie in Pirna und Bautzen. Die Idee hinter dem Citymanager ist, eine gemeinsame und branchenübergreifende Entwicklung und Vermarktung hinzubekommen. Branchenübergreifend heißt, es umfasst neben dem Handel auch Gastronomie, Dienstleistung und Kultur. Das kann sehr wirksam sein, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen. Außerdem können durch einen Citymanager neue Impulse in die Stadt hineingetragen werden, denn die Citymanager verschiedener Städte tauschen sich ja untereinander aus.

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Was ist konkret die Aufgabe eines Citymanagers?

Ich ziehe mal den Vergleich zu einem Shoppingcenter. Was zieht die Leute dorthin? Es sind neben einem interessanten Mietermix vor allem zwei Sachen: eine gemeinsame Vermarktung und es sind einheitliche Öffnungszeiten. Und das sind die Punkte, die auch der Einzelhandel in einer Innenstadt bieten muss. Die City muss sich als Center begreifen. Die Händler, Gastronomen, Dienstleister und Kultureinrichtungen, die sehr heterogene Interessenslagen haben, gilt es zu einem Konsens zu bringen. Da geht es zum Beispiel um arbeitnehmerfreundliche Öffnungszeiten. Der Samstag ist nach wie vor der umsatzstärkste Tag der Woche. Die Geschäfte in den Innenstädten schließen aber häufig um 13 Uhr. Aber wann beginnt denn am Samstag der Einkaufsbummel für eine Familie? Gewöhnlich nach dem Frühstück. Wenn dann schon die ersten Geschäfte schließen, ist das kontraproduktiv.

David Tobias ist Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen in Ostsachsen. Er ist auch in der Betriebsberatung tätig. 
David Tobias ist Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen in Ostsachsen. Er ist auch in der Betriebsberatung tätig.  © Foto: privat

Im Vorgespräch haben Sie gesagt, dass ein Quartiersmanager nur eines von vielen Mitteln sein kann, um die Innenstadt zu beleben. Was kann außerdem getan werden?

Alle Akteure sind verantwortlich. Die Stadt sollte ein Einzelhandelskonzept entwickeln und damit eine Orientierung geben, welchen Einzelhandel die Stadt braucht. Welche Größen werden benötigt? Welche Sortimente werden benötigt? Mit dieser klaren Strategie, wie der Einzelhandel entwickelt werden soll, kann man auch Investoren anlocken. Inhalt dieses Konzepts wäre auch eine Untersuchung der Bedarfe: Was erwarten die Freitaler von den Händlern?

Was wäre sinnvoll für eine Stadt wie Freital?

Freital hat eine Stadtgröße und Einwohnerzahl, die alle Sortimente zulässt, was den kurz- oder mittelfristigen Bedarf angeht. Das heißt, es braucht zum Beispiel attraktive Lebensmittelangebote, also Supermärkte, die bei der Frische und der Regionalität punkten. Rings um Freital gibt es viele regionale Lebensmittelhersteller. Das würde den Kunden viele Argumente liefern, in der Stadt einzukaufen und nicht in Dresden. Auch im mittelfristigen Bedarf gibt es Branchen, die sich gut entwickeln, wie Spielwaren, Parfümerie, Drogerie.

Welche Akteure gibt es noch, wenn wir über die Belebung der Innenstadt sprechen?

Das sind die Vermieter von Handelsflächen. Sie halten nach meiner Einschätzung an veralteten Konzepten fest. Die Mietzeiten sind oft zu lang und zu statisch. Sie berücksichtigen weder Umsätze noch Kundenfrequenzen. Die Vermieter beteiligen sich außerdem zu selten an der aktiven Standortentwicklung. Es geht auch um die Vermarktung und die Öffentlichkeitsarbeit. Es wäre eine Aufgabe eines Quartiersmanagers, diese Akteure mit an den Tisch zu bekommen.

Sie haben die Beispiele Pirna und Bautzen genannt. Der Unterschied zu Freital ist aber, dass es dort einen mittelalterlichen Stadtkern gibt. In Freital liegen die Geschäfte verteilt an der langen Dresdner Straße. Sollte das Angebot in Freital stärker konzentriert werden?

Handel ist Wandel. Schlussendlich zählt, was der Kunde möchte. Es ist durchaus ein gangbarer Weg, dass man versucht, den Einzelhandel zu konzentrieren und für andere Flächen am Rand andere Nutzungen findet. Das heißt ja nicht gleich, dass dann eine Verödung stattfindet.

Sie klingen sehr optimistisch, was die Einzelhandelsentwicklung angeht. Aber ist es denn überhaupt realistisch, dass eine Einkaufsstraße wie die Dresdner Straße wieder belebt werden kann, wenn immer mehr Menschen online kaufen.

Ich bin tatsächlich zutiefst optimistisch. Denn auch früher hatte der stationäre Einzelhandel ja eine Konkurrenz. Die hieß Kataloghandel. Jetzt ist der Onlinehandel zwar etwas größer als der Kataloghandel damals, aber es ist nicht vernichtend mehr. Der Freitaler Einzelhandel hat eine Zukunft. Die derzeitige Herausforderung ist, dass der stationäre Einzelhandel auf eine sehr schnelle Entwicklung reagieren muss. In Deutschland hat es 35 Jahre gedauert, bis 20 Millionen Pkw unterwegs waren. Die bundesweite Verbreitung von ebenso vielen Smartphones hat nur vier Jahre gedauert. Beide Entwicklungen haben den Handel verändert. Nur die Geschwindigkeit hat drastisch zugenommen. Insgesamt ist die Handelsentwicklung aber eine positive. Das liegt an den guten Beschäftigtenzahlen und an der stabilen Kaufkraft. Wir rechnen in diesem Jahr bundesweit mit zwei Prozent Umsatzentwicklung.

Diese positive Entwicklung kommt aber nicht überall an.

Ja, wir müssen Branchen und Regionen differenziert analysieren. Wenn wir die Regionen betrachten, dann ziehen die sogenannten Oberzentren und die touristisch geprägten Zentren die Kaufkraft stark an. Die Grund- und Mittelzentren, wie Freital, stehen hingegen unter Druck, weil die Oberzentren eine größere Auswahl anbieten können. Deswegen setzt sich auch der Freitaler am Sonnabend nach dem Frühstück ins Autos und fährt in die Landeshauptstadt. Die Frage ist, wie Freital die vorhandene Kaufkraft für sich sichern kann. Dazu braucht es auch eine gute Erreichbarkeit der Läden, also ausreichend und kostenlose Parkplätze. Die Innenstadt ist immer noch der Handelsstandort Nummer eins und zugleich ist der wichtigste Grund, die Innenstadt aufzusuchen, das Einkaufen – eine Symbiose mit wechselseitiger Erfolgsabhängigkeit.

Welche Läden in Freital haben eine Zukunft?

Im Grunde hat jedes mutige Konzept mit der klaren Nennung einer Zielgruppe, einer klaren Produktausrichtung und einer guten Öffentlichkeitsarbeit eine Zukunftschance. Ich sehe keine Branche im Handel, die per se keine Daseinsberechtigung mehr hat. Aber wenn wir über die Akteure der Einzelhandelsentwicklung sprechen, müssen wir natürlich auch darüber sprechen, welche Verantwortung der Handel selbst trägt. Da gehört es natürlich dazu, in mutige Konzepte zu investieren. Wie stelle ich heute die Weichen, dass ich auch in fünf Jahren noch wettbewerbsfähig bin? Das erfordert eine konsequente Investition in mutige Konzepte, um Erlebnischarakter und ein gewisses Ambiente zu bieten. Dazu zählt zum Beispiel ein attraktiver Ladenbau und ein schön gestaltetes Schaufenster. Insbesondere Letzteres verliert leider an Bedeutung. Dabei ist es die Visitenkarte des Handels.

Warum ist das wichtig?

Der Handel hat nicht mehr die alleinige Hoheit, was die Warenverfügbarkeit und die Beratung angeht. Dieses Angebotsmonopol ist aufgebrochen. Darauf muss man Antworten finden. Dazu gehört zum Beispiel, neue Wege der Wertschöpfung zu finden. Diese sehe ich im Service, in der Dienstleistung und in der Produktveredlung. Das bedeutet Individualisierung und Personalisierung. Damit kann der Handel vor Ort punkten.

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft schauen: Wie wird der Einzelhandel in Freital dann aussehen?

Es wird weiter eine Bereinigung geben, wenn Unternehmer keinen Nachfolger finden. Es wird auch Geschäfte geben, die nicht so angenommen werden, wie man es sich erhofft. Der Kunde stimmt mit seinen Füßen ab. Es wird in Freital aber auch in fünf Jahren noch attraktive Geschäfte geben, die die Kundenerwartungen erfüllen und die Kunden mit einer guten Qualität versorgen. Und wir werden erleben, dass der Handel viel stärker mit den anderen Branchen zusammenwächst. Das klassische Wertschöpfungsmodell von der Produktion über den Großhandel zum Einzelhandel zum Kunden ist am Aufbrechen. Das heißt, Hersteller werden selbst zu Händlern, es entstehen Showroom-Konzepte. Aber auch der Einzelhandel erschließt weitere Branchen für sich. Handel und Gastronomie werden stärker zusammenwachsen. Das werden wir auch in Freital erleben. Am Ende ist es aber die Gesellschaft, die darüber entscheidet. Wir alle sorgen ja mit unserem Einkaufs- und Mobilitätsverhalten dafür, wie das Einzelhandelsangebot in einer Stadt aussieht.

Das Interview führte Tobias Winzer.

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