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„Der Fußball hat mich volley genommen“

Der frühere Dynamo-Torwart Benjamin Kirsten hat ein schwieriges Jahr erlebt – und nun einen Vertrag bei Lok Leipzig. Die SZ sprach mit ihm.

© Mike Worbs

Von Sven Geisler

Lange nichts gehört. Benjamin Kirsten war als Promi-Gast beim Golfen in Ullersdorf und Sponsoren-Treffen in Bischofswerda, er hat sich sozial engagiert. Aber die letzte sportliche Meldung vom Torwart, der zwischen 2008 und 2015 insgesamt 126 Pflichtspiele für Dynamo Dresden bestritten hat, ist in der Sächsischen Zeitung Mitte Februar erschienen. Damals hatte er zur Probe für Washington DC United in den USA ein Testspiel bestritten, danach sollte er einen Vertrag erhalten. Doch der wurde von der Major League Soccer nicht anerkannt, weil der Verein schon zu viele ausländische Spieler im Kader hatte. Ein simpler Rechenfehler – doch es sollte noch schlimmer kommen für Kirsten junior. Nun ist er zurück in Sachsen – beim Regionalligisten Lok Leipzig.

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Im Gespräch mit der SZ erzählt er, was für ihn schiefgelaufen ist und was er mit seinem neuen Verein vorhat.

Herr Kirsten, darf man zum Vertrag bei Lok gratulieren?

Sicher! Ich bin absolut glücklich über diesen Neuanfang nach einem für mich wirklich bescheidenen Jahr.

Sie waren buchstäblich weg vom Fenster. Was war los?

Wenn ich erzähle, was in diesem Jahr passiert ist, glaubt mir das sowieso keiner. Nach sieben schönen, erfolgreichen Jahren bei Dynamo durfte ich in Holland eine coole Erfahrung machen. Die Zeit in Nijmegen war für mich Gold wert, weil ich dort noch mal ein anderes Niveau erreichen, meinen fußballerischen Stil umsetzen konnte. Im Sommer stand ein Wechsel in die USA an, darauf hatte ich hingearbeitet. Aber dann hat das durch den Fehler eines Vereins im ersten Versuch nicht geklappt. Und beim zweiten Anlauf in Chicago habe ich mich am Fuß verletzt, sodass ich operiert werden musste. Das ist unfassbar gelaufen.

Wie schwer war die Verletzung?

Das Syndesmoseband war gerissen, mehrere Bänder überdehnt. Passiert ist es in einer Allerweltssituation am fünften Tag im Training. Das war unheimlich bitter, der blödeste Zeitpunkt. Welcher Verein verpflichtet einen Torwart, der erst einmal mindestens drei Monate ausfällt? Der Fußball hat mich richtig volley genommen.

Wer hat ihnen geholfen in diesem Tief?

Es war nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie eine unheimlich schwierige Zeit, besonders für meine Frau Sarah, die mit mir auskommen, meine Launen, meine Emotionen ertragen musste. Das ist nicht so einfach, und dafür bin ich ihr unheimlich dankbar. Meine Eltern, meine Freunde , ehemalige Weggefährten von Dynamo, und letztlich Heiko Scholz und die Mannschaft von Lok, die mir die Chance gegeben haben, nach der Reha wieder hier ins Training einzusteigen. Sie alle haben mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin.

Sie waren vertragslos. Was war Ihr Ansporn in der Reha?

Ich wollte einfach wieder Fußball spielen und war mir sicher, dass ich schneller fit werde als gedacht. In der Physiotherapie bei Frank Friedel und seinem Kollegen Daniel Weber in Dresden habe ich mich in guten Händen gefühlt – und so war ich drei Wochen früher zurück als in meinem Rehaplan vorgesehen. Seit fünf Wochen stehe ich wieder voll im Training.

Aber die Torhüterstellen sind besetzt. War Lok jetzt die letzte Option?

Das ist für mich keine Notlösung. Man darf nicht vergessen: Meine Zeit bei Dynamo ist 17 Monate her; der Verein hat sich seitdem übrigens sehr positiv entwickelt und einen furiosen Aufstieg hingelegt. Respekt, das freut mich. Lok-Trainer Heiko Scholz hat mir immer signalisiert, dass er mich unterstützt, der ganze Verein steht dahinter. Für mich ist das jetzt der richtige Schritt, die beste Entscheidung.

Sie haben in der zweiten Liga gespielt, nun Regionalliga – ein Abstieg?

Die Jungs bei Lok haben eine sehr gute Qualität, ich bin beeindruckt, wie sie das unter einen Hut kriegen. Viele gehen arbeiten, kommen danach zum Training. Das sind Typen, für sie gibt es kein Motzen, kein Jammern, nein, sie ziehen das durch. Das hat mich überzeugt. Klar, ich habe zweite Liga gespielt, jetzt Regionalliga. Für mich ist das kein Problem, weil hier das Umfeld passt und es mir Spaß macht. Natürlich ist es auch so, dass ich nun allein vom Fußball nicht mehr leben kann. Leipzig ist es eben auch geworden, weil mir dort die Möglichkeit gegeben wurde, ein Standbein außerhalb des Fußballs aufzubauen. Ein großer Teil meiner Aufmerksamkeit liegt jetzt auch darauf.

In welcher Richtung?

Das ist noch nicht so absolut spruchreif, dass es schon in der Zeitung stehen sollte.

Hat Ihnen Heiko Scholz einen Stammplatz versprochen?

Erstens will ich so etwas nicht. Ich will der Beste sein, und wenn ich der Beste bin, will ich spielen. Zweitens würde er das nicht machen. Es ist ein Konkurrenzkampf, mir fehlen sicher hier und da noch ein paar Prozent. Aber ich denke, dass ich seit Dynamo mein Niveau sogar noch erhöhen konnte. Das ist mein eigener Anspruch, mir braucht keiner etwas zuzusichern.

Sie haben einen Vertrag bis Sommer unterschrieben. Ist Lok für Sie eine Art Sprungbrett?

Wer das durchgemacht hat, was ich durchgemacht habe, freut sich einfach, wieder Fußball spielen zu können. Und ich darf das bei einem Verein, der zu DDR-Zeiten europaweit bekannt war wie Dynamo. Es ist ein Traditionsverein – unabhängig von der Liga. Hier kann wieder etwas entstehen, der Grundstein ist gelegt. Ich hoffe, dass die Stadt versteht, dass es in Leipzig einen zweiten Verein gibt, der hervorragende Arbeit abliefert. Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, würde ich es nicht machen, aber ich bin total davon überzeugt.

Hat Lok das Potenzial für höhere Ziele?

Ich denke jedenfalls nicht, dass der Weg schon zu Ende ist. Natürlich müssen die Jungs erst einmal die Erfahrung in der Regionalliga machen, aber der Verein ist auf einem guten Weg.

Können Sie sich vorstellen, länger in Leipzig zu bleiben?

Ich werde nächstes Jahr 30 und bin froh, wieder in der Spur zu sein. Das ist mir so viel wert. Es mag auf den ersten Blick wie eine Zwischenstation aussehen, aber so gehe ich an die Sache nicht ran. Ich nehme das sehr ernst und freue mich riesig über die Chance. Wir wollen dieses spannende Projekt gemeinsam angehen und denken dabei längerfristig.