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Der geklaute Weihnachtsbaum

Holger Scheumann stahl als Kind eine Kiefer aus dem Wald am Bischofswerdaer Butterberg – und geriet in eine Treibjagd.

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© Steffen Unger

Von Nicole Preuß

Bischofswerda. Der Tag war eigentlich gut gewählt. Holger Scheumann hatte sich an einem Sonntag, es war der 22. Dezember 1968, zu Fuß auf den Weg in den Butterbergwald gemacht. Der damals 14-Jährige trug eine Säge, eingeschlagen in eine kleine Decke. Es sollte nicht jeder merken, was er vorhatte. Holger Scheumann wollte im Wald einen Weihnachtsbaum für die Familie holen oder besser stehlen. Denn eine Erlaubnis des Försters hatte er für die Aktion nicht.

Der Junge, der ein paar Monate später seine Konfirmation feiern sollte, hatte allerdings seinem Vater davon erzählt. Der sollte ihn Mittag mit dem Trabi abholen und gemeinsam wollten sie den Baum dann möglichst unauffällig nach Hause bringen. „Ich hatte damals in den Gesprächen meines Vaters oft gehört, dass die Kollegen sich Bäume aus dem Wald holten. Ein Kraftfahrer hat das immer erzählt“, sagt er heute. „Ich wollte mich beweisen.“

Holger Scheumann, der heute Jäger ist, war schon damals fast im Wald Zuhause. Er kannte die Gegend gut, er sammelte Pilze oder Beeren am Butterberg und besserte sich mit dem Verkauf sein Taschengeld auf. Der Jugendliche wusste, dass in der Schonung in der Nähe der heutigen Jagdhütte kleine Kiefern wuchsen. Und von dort wollte er einen Baum holen.

Angstschweiß im Nacken

Holger Scheumann suchte also in der Kiefernkultur nach einem Exemplar und fand, nachdem er fast durch das ganze Gebiet gegangen war, auch eine kleine, passable Kiefer. Er hatte den Weihnachtsbaum gerade abgesägt und wollte ihn aus dem Wald schleifen, als er plötzlich einen Schuss hörte und Stimmen. Das Jagdkollektiv Burkau hatte zur Treibjagd angeblasen und die Treiber gingen mitten durch die Schonung. Holger Scheumann versuchte, sich zwischen den dichten, noch niedrigen Bäumen zu verstecken. „Ich wusste nicht, was ich machen sollte, mir stand der Angstschweiß im Nacken“, sagt er. Der Junge wollte natürlich nicht erwischt werden. Das wäre eine Schmach gewesen, von der Strafe ganz abgesehen. Er hockte sich also zwischen die Kiefern und hoffte, dass man ihn nicht entdecken würde. Die Treiber gingen wenige Meter neben ihm vorbei, ein Jagdhund kam und schnupperte an ihm wie an einem Reh oder Wildschwein. „Ich hab mich aber weggeduckt, er stand kurze Zeit bei mir und rannte dann weiter.“ Es fiel kein Schuss. Wie auch, Holger Scheumann hatte das Wild durch seine Suche wahrscheinlich schon vorher aus der Kiefernkultur getrieben.

Der Vater geriet unterdessen an der Butterbergstraße an den Jagdleiter. „Der hat ihm erklärt: Du kannst jetzt nicht hier lang fahren, hier ist eine Treibjagd“, sagt Holger Scheumann. Das Gesicht des Vaters kann er sich auch nach vier Jahrzehnten noch gut vorstellen. Der Junge hatte allerdings Glück. Die Treiber und die Jäger entdeckten ihn nicht. Der Junge wartete noch lange, nachdem sie in Richtung Otterngrund verschwunden waren, und zog dann trotzdem noch den Baum an den Waldrand. Der Vater legte eine Decke über die Kiefer und mit offener Heckklappe fuhren sie zurück nach Pickau.

„Die Geschenke zwei Tage später waren fast nebensächlich“, sagt Holger Scheumann. „Ich hab immer nur auf den Baum geschaut, mir aber vorgenommen, das nie wieder zu tun.“ Der Bischofswerdaer, der jetzt eine Werbeagentur führt, hat das Versprechen gehalten.

Er wurde zehn Jahre später Mitglied eben jener Jagdgenossenschaft, die ihn fast erwischt hätte. Weitere zehn Jahre danach baute er mit ihnen die Jagdhütte in der Nähe der Kiefernkultur auf. Er hat den Jägern später den Diebstahl gebeichtet und manches Mal haben sie ihn damit aufgezogen. Die Kiefern sind inzwischen Hochstämme geworden. Er weiß trotzdem noch genau, wo er gehockt hat. Und immer, wenn er vorbeigeht, denkt er an diesen einen Weihnachtsbaum.