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Brauchen wir die SPD überhaupt noch?

Der gebürtige Pulsnitzer Plakatkünstler Klaus Staeck mischt in Sachsens Wahlkampf mit und ermutigt zum Zweifel.

Klaus Staeck besuchte am Freitag in seiner Geburtsstadt Pulsnitz die Ostsächsische Kunsthalle.
Klaus Staeck besuchte am Freitag in seiner Geburtsstadt Pulsnitz die Ostsächsische Kunsthalle. © Foto: Matthias Schumann

Es sei das Alter, sagt Klaus Staeck, das längst verloren geglaubte Erinnerungen wieder an die Oberfläche bringe. Deshalb sei er besonders jetzt, mit 81 Jahren, gern hier in seiner Geburtsstadt, deren Pfefferkuchen er heute lieber esse als damals. Und dann beginnt er zu erzählen vor den 30 Bürgern, die in die Ostsächsische Kunsthalle gekommen sind. So, wie er es an diesem Freitag bereits in der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden getan hat. So, wie er es spät am Abend im Bioladen Grüne Ecke in Bautzen tun wird. „Von Bitterfeld bis Beuys“ lautet einer der zahllosen Titel, die er wie eine große Klammer um die einzelnen Episoden legt. Da ist die Kindheit ohne den Vater, der im Krieg, in Gefangenschaft oder im Westen, jedenfalls nie da war. Da ist das kleinbürgerliche Milieu, dem er entstammt, die Mutter, „die kein Nazi war, aber auch nichts dagegen tat“. Da ist die Industriestadt Bitterfeld, wo Staeck aufwuchs, „in der härtesten Stadtlandschaft der DDR“. Da ist das Bedürfnis, sich einzumischen, das ihm zur Karriere als politischem Künstler verhalf und ihn schließlich für drei Amtszeiten als Präsidenten der Akademie der Künste nach Berlin trieb.

In Staecks Erzählungen verschwimmen die Erinnerungen an Kindheit und Jugend mit der Geschichte einer ganzen Gesellschaft, stehen die Weisheiten der Großmutter, die ermutigenden Worte des Pfarrers, die angsterfüllten Erfahrungen während der Flucht in die BRD sinnbildlich für den Kampf der ostdeutschen Nachkriegs-Generation gegen die Ungerechtigkeit. Gegen die kämpft Klaus Staeck bis heute.

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Irritation im Alltagsstress

Sein Thema ist das Ringen um echte Demokratie, sein Medium die satirische Kunst und sein Weg explizit nicht der des Opportunisten. Das Kunststudium verbat ihm die Herkunft aus einfachen Verhältnissen. Er wählte Jura, „weil es das längste Studium war“ und er in der Dauer der Ausbildung seine Chance wähnte, sich neben der Vorbereitung auf rechtschaffenen Broterwerb als Künstler zu etablieren. Das erste Staatsexamen ging vorbei, die Zeit des Referendariats ebenso. 1960 trat Staeck, bis heute leidenschaftlicher Sozialdemokrat, in die SPD ein, „weil er dort immer jemanden fand, der mitzog“. Im folgenden Jahrzehnt gründete er einen Verlag, begann, mit Joseph Beuys zusammenzuarbeiten. Der Durchbruch als Künstler gelang ihm erst später. 1971, im Dürer-Gedenkjahr, erschuf er eines seiner bekanntesten Werke: Das Plakat zeigt die berühmte Zeichnung von Dürers greiser Mutter, versehen mit der Frage „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“. Während eines Maklerkongresses in Nürnberg plakatierte er das Motiv an Litfaßsäulen und brachte seine Kunst so auf die Straße. Das erregte Aufsehen und machte ihn schlagartig als Politsatiriker bekannt. Es folgten weitere Plakate voller Ironie und Polemik – und 41 Gerichtsprozesse gegen ihn. Klaus Staeck gewann sie alle. „Dass ich Jurist bin“, sagt er, „hat mich dabei allenfalls davor bewahrt, zu erschrecken.“ Dass er durchhielt, finanziell und moralisch, hatte damals wie heute denselben Grund: „Ich will nicht, dass der freche Gegner gewinnt.“ Mutig sei er nicht, sagt er von sich selbst. Dafür aber couragiert genug, um mit unerwarteten Fragen – manchmal herzhaft komisch, manchmal bitterböse – den Fluss des Alltags zu irritieren. „Satire“, sagt er, „ist doch nicht irgendein Blödsinn, sondern hat immer etwas mit Erkenntnisgewinn zu tun.“

Staeck spricht mit ausladenden Gesten, hat dabei stets ein freches Schmunzeln im Gesicht. Auf seiner linken Brust funkelt eine rote Reversnadel bei jeder Bewegung leidenschaftlich mit. Seine Geschichten ziehen in den Bann. Wohl auch, weil man ihm trotz seiner ausdauernden Reden über die eigene Biografie den Vorwurf nicht machen kann, er nehme sich selbst zu wichtig. Bei seinen kritischen Reflexionen kämpft er mit harter Bandage auch gegen sich selbst und macht am Abend, inmitten des sächsischen Wahlkampfs, seinen Genossen klar: „Für eine große Verteidigungsrede der SPD bin ich der Falsche! Die Frage, ob wir diese Partei überhaupt noch brauchen, ist keine rhetorische.“

Was ihn, der ihn Berlin arbeitet und in Heidelberg lebt, zu seinem Kampf antreibt, was ihn motiviert, im hohen Alter 600 Kilometer in die sächsische Provinz zu reisen, formuliert er eindeutig: „Die Demokratie ist gefährdet. Das ist soweit nichts Neues, aber momentan wird es ernst.“ Das beträfe ihn mit seinen 81 Jahren nicht mehr unmittelbar, sagt er und richtet seinen Appell zu Solidarität und Empathie gleich einem Vermächtnis an jeden der insgesamt rund hundert vornehmlich älteren Zuhörer dieses Tages: „Man muss immer weiter machen, darf sich nie entmutigen lassen bei dem Versuch, die Gemeinschaft zu erhalten.“

Anständig alt werden

Gleichwohl, gesteht er augenzwinkernd, habe auch er den Kampf gegen das Alter nicht gewinnen können. Seine Produktivität hat nachgelassen. Statt wie früher sechs bis acht Plakate jährlich, gestaltet er heute nur noch einzelne Motive. Den Satz „Die Materialermüdung nimmt zu“ formuliert er mehrmals an diesem Tag.

Am Abend, in der dritten Gesprächsrunde, wirkt Staeck dann tatsächlich abgespannt. Über einem Nickerchen im Hotelzimmer, gesteht er entschuldigend, habe er den Termin in Bautzen beinahe verschlafen. Die Gesten werden kleiner, die Geschichten verlieren ihre Details. Aus der Rolle aber fällt Staeck nie, wirkt jeden Augenblick authentisch und leidenschaftlich. Anständig alt werden wolle er nun, versichert er. Die Verantwortung um die Freiheit nachfolgender Generationen aber und die immanente Angst, sein langer Kampf könne mit ihm enden, schwingen in seinen Worten mit. Dabei findet er, sei es doch so einfach: „Politisches Engagement – das klingt so abstrakt. Dabei ist es ganz alltägliche Arbeit.“

Dass es Klaus Staeck gelingen könnte, mit dieser Arbeit abzuschließen, sich als ironischer Kommentator aus dem politischen Alltag zurückzuziehen, kann man nach diesem Tag nicht glauben. Und spät am Abend – es ist weit nach zehn – bekennt er: „Ich erzähle gern Geschichten. Daran kann man viel mehr klarmachen, als an ideologischen Debatten.“

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