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Der Glücksbus macht Kinder stark

Schon Schulkinder griffen zu Drogen, ein neues Präventionsangebot kommt jetzt auf Sachsens Schulhöfe

Von Susanne Plecher
Cooler als normaler Unterricht: Sechstklässler des Tschirnhaus-Gymnasiums in Dresden gehören zu den Ersten, die die Stationen im Doppelstockbus austesten. Wie es geht, erklärt Anne Kretschmar von der Fach- und Koordinierungsstelle Suchtprävention.
Cooler als normaler Unterricht: Sechstklässler des Tschirnhaus-Gymnasiums in Dresden gehören zu den Ersten, die die Stationen im Doppelstockbus austesten. Wie es geht, erklärt Anne Kretschmar von der Fach- und Koordinierungsstelle Suchtprävention. © Thomas Kretschel

Die Aufgabe ist schwierig: Wofür hättest du einen Orden verdient? Mia* kaut am Bleistift und grübelt. Ihre Mitschülerin Emma* hilft ihr. „Du bist nett und witzig. Und ich?“. „Du bist eine gute Freundin. Und du hilfst immer allen.“ Die Anerkennung macht Emma froh. Das Mädchen strahlt übers ganze Gesicht. Schnell schreibt sie „Hilfsbereitschaft“ in einen Brief an sich selbst, klebt ihn zu und wirft ihn in den Briefkasten des Suchtpräventionsbusses, der auf dem Campus des Tschirnhaus-Gymnasiums in Dresden halt gemacht hat. Die Kinder gehören zu den ersten Schülern in Sachsen, die ihn austesten können.

Der Bus ist das neue Angebot des Freistaates, um Fünft- bis Zwölftklässler stark gegen Süchte zu machen. Und zwar „nicht mit dem Zeigefinger, sondern auf moderne Art“, wie Ministerin Barbara Klepsch zu seiner Einweihung in Dresden sagte. Dafür bietet der Doppelstöcker acht Stationen – auf jeder Ebene vier, in denen sich die Schüler interaktiv mit ihren eigenen Sichtweisen auf Glück, Identität, Konsumrisiken und Rauschmitteln auseinandersetzen.

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Denn Suchtprävention beschränkt sich nicht nur darauf, über die Gefahren von Drogen aufzuklären und mit abschreckenden Beispielen und Fotos vor den Folgen des Konsums zu warnen. „Sie bedeutet auch, dass das Wesen der Kinder gestärkt wird. Damit fangen wir schon im Kindergarten an“, sagt Anne Kretschmar von der Fach- und Koordinierungsstelle Suchtprävention Sachsen. Ihre Kollegen und sie haben die mobile Schau „Glück sucht dich“ im Auftrag des Sozialministeriums konzipiert. „Wir wollen alle Regionen erreichen, nicht nur die Ballungszentren, in denen es schon viele Angebote gibt“, erklärt sie den ungewöhnlichen Ausstellungsort.

Das Wesen stärken, sich selbst wahrnehmen, lernen, wie man mit Stress und Gefühlen umgeht – Sozialpädagogen und Psychologen nennen das „Förderung der Risiko- und Lebenskompetenz“. Für die Kinder der sechsten Klasse heißt das übersetzt, zu wissen, was sie froh macht, auf wen sie immer zählen und worauf sie selbst stolz sein können. Das Kalkül der Ausstellungsmacher: Wer weiß, was er selbst tun kann, um glücklich zu sein, wird wahrscheinlich nicht so schnell zu Drogen greifen. „Sie sollen einen verantwortungsvollen Umgang mit Suchtmitteln und süchtig machenden Verhaltensweisen lernen“, so Kretschmar.

Dass Bedarf dazu besteht, zeigt der Report der Suchtkrankenhilfe in Sachsen. Eine Erkenntnis daraus: Die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, steigt seit Jahren. So wurden 2017 annähernd 900 Fälle registriert. 2014 waren es 515. Aktuellere Daten hat das Innenministerium. „Im Jahr 2018 waren 16 Prozent der Drogenkonsumenten in Sachsen Jugendliche und 1,1 Prozent Kinder unter 14 Jahren“, zitiert Patricia Vernhold die Kriminalitätsstatistik der Polizei. Am meisten werden Alkohol, Cannabis und Metamphetamine konsumiert. Deutschlandweit geben 66 Prozent der Alkoholiker an, jünger als 15 Jahre gewesen zu sein, als sie zum ersten Mal Alkohol getrunken hatten. Auch 38 Prozent der Cannabis-Konsumenten sagen von sich, jünger als 15 gewesen zu sein, als sie zum ersten Mal einen Joint geraucht hatten. Das zeigt die Deutsche Suchthilfestatistik.

Außen hui – innen auch. Die Ausstellung „Glück Sucht Dich“ spricht Kinder an.
Außen hui – innen auch. Die Ausstellung „Glück Sucht Dich“ spricht Kinder an. © Thomas Kretschel

Charlotte hat damit noch keinen Kontakt. In der Grundschule hätten mal zwei Mitschüler alte Kippen vom Bürgersteig aufgehoben und geraucht. „Das war so eklig“, sagt sie. Jetzt lümmelt sie im Minikino auf der ersten Bus-Etage und sieht sich Filmclips zum Thema Glück an – das eigene und das anderer. „Mir wird gerade klar, dass ich Leuten schon mit kleinen Dingen helfen kann. Das macht mich dann selbst glücklich“, sagt Charlotte. Anton und Svenja sitzen auf zwei Schaukeln im hinteren Bereich des Busses. Sie haben die Augen geschlossen, um sich besser auf ihre Aufgabe konzentrieren zu können: Was hat dir einen Flow, also einen Moment größten Glücks, beschert? 

Anton hat als Abwehrspieler seiner Fußballmannschaft ein Tor geschossen. „Das war mein einziges Saisontor.“ Svenja hat es mit ihrer Volleyballmannschaft zum ersten Mal aufs Siegertreppchen geschafft. „So glücklich war ich noch nie.“ Solche positiven Erlebnisse lösen eine Dopaminausschüttung im Gehirn aus und damit ein euphorisches Gefühl – selbst wenn man sich daran erinnert. Das fühlt sich so gut an, dass man bereit ist, große Anstrengungen auf sich zu nehmen, damit sich dieses Gefühl wieder einstellt, erklärt Hirnforscher Martin Korte. Selbstwirksamkeit heißt das bei Pädagogen.

Seit Januar ist der Bus auf Tour durch alle sächsischen Landkreise und kreisfreien Städte. Seine nächsten Stationen sind in Meißen, Görlitz und dem Vogtland. Buchen können ihn Schulen und Einrichtungen der Jugendfreizeit. „Regionale Ansprechpartner werden den Tourenplan und eine pädagogische Nachbereitung in den Kreisen koordinieren. Die ist wichtig, um an den Themen dranzubleiben, die den Kindern und Jugendlichen beim Ausstellungsbesuch wichtig erschienen sind“, sagt Kerstin Schnepel, Teamleiterin der Fach- und Koordinierungsstelle.

Auch die sechste Klasse des Tschirnhaus-Gymnasiums wird demnächst Besuch von einer Sozialpädagogin bekommen. Sie wird die Briefe mitbringen, die die Kinder an sich selbst geschrieben haben. Mia und Emma können sich dann noch einmal freuen über den Orden für Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die sie sich verleihen würden. *Namen geändert.

Weitere Informationen zu Ansprechpartnern und Buchung finden Sie unter www.gluecksuchtdich.de

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