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Der größte Popstar der Oberlausitz

Er wird geliebt oder gescholten. Einige vergöttern, andere verteufeln ihn. Niemand polarisiert so sehr wie der Wolf.

© André Schulze

Von Alexander Kempf

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Wenn ich Menschen aus der großen Stadt erzähle, dass ich im vergangenen Jahr nahe Niesky einen Wolf gesehen habe, stehe ich innerhalb von Sekunden im Mittelpunkt. Ihre Augen werden schlagartig größer. Ein echter Wolf? Ich bin nun nicht mehr der langweilige Lokalreporter aus dem ostsächsischen Niemandsland, sondern spiele in einer Liga mit Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und Tierfilmer Heinz Sielmann. Niesky, das klingt nicht mehr nach Provinz, sondern Wildnis.

Den Wolf umgibt eine Aura, wie wohl kein zweites Tier in Deutschland. Auch wenn er nicht singt, sondern nur heult, ist er doch der mit Abstand größte Popstar, den die Oberlausitz bis dato hervorgebracht hat. Er polarisiert, darum ist er auch so populär. Die wenigsten haben einen Wolf getroffen, aber jeder hat eine Meinung zu ihm. Isegrim, die lebende Legende, wird entweder geliebt oder gescholten. Dazwischen gibt es wenig.

Niesky müsste sich noch viel mehr mit dem Wolf schmücken. Los Angeles macht es vor. Wer wirklich populär ist, erhält dort auf einem Gehweg namens „Walk of Fame“ einen eigenen Stern. Wäre das nicht auch auf dem Zinzendorfplatz denkbar? Ein Stern für den Architekten Konrad Wachsmann, einer für den Wolf und ein halber für Fernsehmoderator René Kindermann. Ihre zweieinhalb Prominenten sollte die Stadt mutiger würdigen. Sie kann natürlich auch den Zusatz „Wolfsstadt“ auf die Ortseingangsschilder kleben, um nicht mehr als verschlafen, sondern verrucht zu gelten.

Fraglich ist, ob die Gegner des Wolfes das akzeptieren würden. Denn der größte Popstar der Stadt wird nicht nur vergöttert, sondern auch verteufelt. Mancher wünscht ihm gar den Tod. „Ich bremse nicht für Wölfe!“, steht auch in Niesky auf Autoaufklebern. Dass dies keine leere Drohung sein muss, zeigt der Fall eines zu Tode gehetzten Wolfes nahe Boxberg vor einigen Jahren. Zäune am Wegesrand hinderten das Tier damals an der Flucht.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Hollywood diese Geschichte entdeckt und verfilmt. Es verspricht ein episches Drama zu werden. Erst totgesagt, dann zurückgekehrt und schließlich wieder gejagt. Der Film wäre nichts für schwache Nerven. Erst im vergangenen Jahr ist nahe dem Truppenübungsplatz Oberlausitz ein erschossener Wolf gefunden worden. Wer ihn auf dem Gewissen hat? Das Militär nicht, glaubt Kommandant René Pierschel. Schließlich werde bei Tieren auf der Schießbahn das Feuer sofort eingestellt, erklärt er. Ganz gleich ob Dachs, Reh oder Wolf in die Schusslinie geraten.

Doch wenn ein Reh stirbt, kräht in Niesky bekanntlich so kein Hahn danach. Es muss schon vor ein Auto laufen, damit es am Tag darauf in den Nachrichten steht. Ein Wolf hingegen verlässt nur kurz sein Revier, schon berichten die Zeitungen. Reißt er dann noch ein Schaf, ist ihm die Titelgeschichte gewiss. Wer den Wolf sieht, der zückt sofort Handy oder Kamera und hält drauf. Das Leben eines Popstars ist nicht leicht.

Kein anderes Tier sei emotional so aufgeladen, glaubt auch Ilka Reinhardt vom wildbiologischen Büro Lupus. Zum Luchs, ebenfalls ein Raubtier, habe niemand eine Meinung. Woran das liegt? Vielleicht weil es einen Werwolf, aber keinen Werluchs gibt. Auch in Sprichwörtern und Märchen ist nie der Luchs, sondern stets der Wolf der Böse.

Womöglich wird er in Deutschland einfach missverstanden. Andernorts gilt er gar als heilig, spielt etwa in der türkischen Mythologie eine wichtige Rolle. Hierzulande aber bleibt der Wolf ein polarisierender Popstar. Auf seinen ersten Bambi wird er weiter warten.

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