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Der große Crash

Mit mehreren Werken in Sachsen wollte Franz Josef Weigl zum großen Automobilzulieferer werden. Nun sitzt der Bayer in U-Haft. Die Geschichte eines Hasardeurs.

© Sutton

Sie sind Sorgen gewohnt. Seit Jahren ringt ihr Werk um die Existenz. Trotz guter Auftragslage, trotz namhafter Kunden wie Daimler oder VW, trotz schwarzer Zahlen. Doch so ernst wie am 1. Oktober dieses Jahres war die Lage für die rund 70 Mitarbeiter der Präzisionstechnik Reichenbach GmbH im Vogtland noch nie. Der neue Chef kommt aus Chemnitz – und ist Insolvenzverwalter. „Ich bin optimistisch, einen Investor zu finden“, sagt er. Das war’s. Nur der Vertreter der IG Metall lehnt sich aus dem Fenster: „Die Ursache für die Insolvenz ist wohl eher bei den Gesellschaftern zu suchen.“

Nur sieben Jahre nach der Grundsteinlegung 2005 für das Werk in Bautzen ist die Weigl-Firmengruppe Geschichte. Der Gründer steht unter Bankrott-Verdacht. Foto: Soeder
Nur sieben Jahre nach der Grundsteinlegung 2005 für das Werk in Bautzen ist die Weigl-Firmengruppe Geschichte. Der Gründer steht unter Bankrott-Verdacht. Foto: Soeder

Wohl wahr. Der letzte Eigentümer des Betriebs, der 55-jährige Franz Josef Weigl aus Schwaben, sitzt in Untersuchungshaft. Ebenso sein Sohn. Auch seine Ex-Frau und zwei Geschäftsfreunde wurden festgenommen. Gegen insgesamt zehn Personen ermittelt die Justiz.

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Die Staatsanwaltschaft Augsburg wirft ihnen vor, finanzielle Schwierigkeiten der einstigen Weigl-Gruppe, zu der auch das Werk in Reichenbach gehörte, verschleiert und Vermögen an Gläubigern vorbei beiseitegeschafft zu haben. Von einem „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ ist die Rede, von einem „Bankrott in besonders schwerem Fall“, von Subventionsbetrug und Steuerhinterziehung.

Es ist ein Fall, in dem es um Tricks und Kniffe gewiefter Juristen und Berater geht und um Scheinfirmen in Übersee. Ein Fall, der Einblick gibt in die rauen Methoden der Autoindustrie und der zeigt, wie Geld den Charakter verderben kann. Im Prinzip aber ist es nur die bizarre Geschichte des Unternehmers Franz Josef Weigl, der seine Heimat in Schwaben verließ, um in Sachsen das große Geschäft zu machen. Und in Untersuchungshaft landete.

Klingsmoos – das klingt, wie es ist: Ein vergessener Flecken Erde in Altbayern, ein Dorf, dessen einzige Sehenswürdigkeit eine lange Birkenallee ist. Dort steht eine Werkstatt, die eine Hälfte ist weiß gestrichen, die andere holzvertäfelt. Zwischen den Kreuzleisten der Fenster hängen Spinnweben. „Weigl Bohr- und Rammbetrieb“ steht auf einem Schild. Ein Mann um die 60 schlurft vor dem Gebäude über den Kies. Dunkelgrüner Filzhut, schmutziger Overall, schwarze Arbeitsschuhe. Franz Josef Weigls Bruder mag keine Fragen. Er grantelt Unverständliches und sagt dann doch: „Jo, da hot a oungfanga.“

Das also, diese Werkstatt in Klingsmoos, ist der Ort, an dem alles begann. Dort startet Weigl seine Karriere, als Ein-Mann-Betrieb, mit 21 Jahren, an einer gebrauchten Drehmaschine. „Ich habe das aus der puren Not heraus gemacht, weil ich Schulden hatte“, erzählt er in einem Interview. Weigl ist geschickt, kann sich gut verkaufen, gewinnt den Maschinenbaukonzern MAN als Kunden, hat vier Jahre nach seinem Start schon 25 Mitarbeiter.

Er verlegt seinen Betrieb in den Nachbarort Pöttmes. Kurz nach der Wende entdeckt er den Osten und schlägt zu: Im brandenburgischen Finsterwalde erwirbt er eine Firma, die Ölwannen für Busse und Lkw herstellt. 1996 kauft er zudem die insolvente FGW Fahrzeuggetriebebau GmbH in Glauchau.

Daheim in Pöttmes erschließt die Gemeinde ihm zuliebe ein neues Gewerbegebiet. In der Adresse steht die Nummer eins, weil er dort der erste Investor ist. Er baut eine 150-Meter-Halle, in der damals strukturschwachen Region hofieren ihn Politiker wie Bayerns Ex-Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Seine Leidenschaft fürs Automobil dokumentiert Weigl mit einem Blickfang im Regal seines Büros: ein 30 Zentimeter großes Modell von einem Ferrari, Typ F40. Das Original hat 478 PS.

Auch in Sachsen gibt Weigl Vollgas. 2001 ist die Präzisionstechnik im vogtländischen Reichenbach zur Versteigerung ausgeschrieben, Weigl greift zu. 2002 gründet er in Zittau ein neues Unternehmen, 2005 eines in Salzenforst bei Bautzen. „Wir wachsen mit Vernunft“, sagt er. „Wir verfolgen eine Strategie der kleinen Einheiten.“ Ein ehemals führender Manager schildert, Weigls Vision sei es gewesen, sein Unternehmen zu einem führenden Zulieferer für die Autoindustrie zu machen. „Dafür kämpfte er mit Nachdruck, trat sehr bestimmend auf.“ Mit seinem Charisma habe er die Leute mitgerissen. Andere Ex-Führungskräfte beschreiben ihn als einen Mann, der „immer nur auf Wachstum ausgerichtet“ gewesen sei, ein „von Ehrgeiz und Eitelkeit getriebener Unternehmer“, „ein Spieler, der immer hohes Risiko eingegangen ist“.

Zunächst mit Erfolg. In den besten Zeiten 2006 und 2007 beschäftigen die Firmen von Franz Josef Weigl rund 1.100 Leute und machen um die 120 Millionen Euro Umsatz. Fotos aus dieser Zeit zeigen einen sportlichen Mann mit breitem Kreuz, solargebräunt, mit Gel im Haar. Er spendet großzügig, für ein Kinderhilfswerk sogar 20.000 Euro. Auch privat zeigt er, dass er es geschafft hat. Ein ehemaliger Privatangestellter berichtet von einem Lebensstil „am oberen Limit“.

Weigls größte Leidenschaft ist der Rennsport. 2008 versucht der Selfmademan aus Klingsmoos sogar, als Investor in die Formel 1 einzusteigen. „Weigl ist Rennfahrer, privat wie im Geschäft: voll in die Kurve und nicht bremsen“, sagt ein früherer Prokurist. „Das hat ihn nach vorn, aber auch zu Fall gebracht.“

Weigls Fall beginnt mit der Finanz- und der dann folgenden Wirtschaftskrise. Die Bundesregierung erfindet die Abwrackprämie, um der darbenden Autoindustrie unter die Arme zu greifen. Trotzdem gehen Firmen der Branche reihenweise pleite. Weigl kämpft verbissen. Er setzt ganz auf Sachsen und verlegt den Sitz seiner Firmenzentrale nach Glauchau. Allein für diesen Standort beantragt er Fördermittel in Höhe von 25,1 Millionen Euro.

Doch die Krise macht auch vor Sachsen nicht halt. Geschäftsführer und Werksleiter in der Weigl-Gruppe wechseln am laufenden Band. Der Unternehmer aus Pöttmes muss Leute entlassen, die Aluminiumguss-Produktion in Bautzen bleibt in der Testphase stecken.

Es seien sicher Fehler gemacht worden, sagt der ehemalige Weigl-Berater Rudi E. Der heute 69-Jährige hat sein Büro am Pöttmeser Marktplatz im „Viertelschlösschen“, einem Bürgerhaus mit einer Fassade aus bayerischer Barockwucht samt Muttergottes- und Jesusbild. Er sitzt vor einem Glas Wasser, leger gekleidet mit Jeans und Jackett. Das große weiße Regal an der Seitenwand ist fast leer, Weigl-Ermittler hatten im Sommer sein Büro durchsucht. Die wenigen verbliebenen Ordner tragen Aufschriften wie „Insolvenzrecht“ oder „Telefonüberwachung“. Erst seit September ist Rudi E. gegen Auflagen und nach Zahlung einer Kaution wieder auf freiem Fuß.

Rudi E. hat nach eigenen Angaben für seine Beratungstätigkeit „ein sechsstelliges Honorar“ von Weigl bekommen. Er berichtet über einen Konflikt mit einem großen Autozulieferkonzern, in dessen Folge Aufträge storniert worden seien. Ein ehemaliger Werksleiter erinnert sich ebenfalls daran: „Danach war der Name ‚Weigl‘ tot. Wenn der Chef da diplomatischer gewesen wäre, wer weiß, wie es dann gelaufen wär.“

2009 jedenfalls brechen die Umsätze der Weigl-Gruppe massiv ein. Der Geschäftsbericht enthält den Satz: „Im Gesamtbild lag teilweise eine Bestandsgefährdung vor.“ Die Augsburger Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Weigl da schon zahlungsunfähig war und spätestens zu diesem Zeitpunkt Insolvenz hätte anmelden müssen. Doch das geschieht nicht.

In mehreren Schritten wandelt Weigl seine Firmengruppe in einen inhabergeführten Betrieb um. Es ist möglich, dass er so die gesetzliche Vorgabe umgehen wollte, bei drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anzumelden. Der Nachteil dieser Rechtsform ist allerdings, dass man – wie im Fall des früheren Drogeriekönigs Anton Schlecker – mit seinem gesamten Vermögen haftet, sollte ein Gläubiger von sich aus aktiv werden. Genau das aber geschieht: Eine Strafanzeige gegen Weigl im Oktober 2011 bringt den Stein ins Rollen und löst die Ermittlungen aus. „Das sah erst sehr klein aus, hat sich dann aber zu einem größeren Fall entwickelt“, sagt der Augsburger Staatsanwalt Matthias Nickolai.

So groß, dass sich die Justiz nach fast zwei Jahre währenden Nachforschungen entschließt, Mitte Juli dieses Jahres Wohnungen, Büros und Hallen in 36 Orten zu durchsuchen, darunter auch in Bautzen, Glauchau, Reichenbach und Zittau. In dem beschlagnahmten Material stoßen sie auf allerlei Ungereimtheiten wie offenbar fingierte Wohnortwechsel, dubiose Grundstücksverkäufe und geheime Konten. Allein in Schweden sollen 17 Millionen Euro liegen, weitere Millionen im US-Bundesstaat Oregon sowie in Hongkong.

Alles Geld, von dem die Ermittler glauben, dass es Weigls Gläubigern zustehen könnte. Die hinterlassenen Spuren Weigls ähneln jedenfalls denen eines Totalcrashs. Der schwäbische Unternehmer sitzt seit viereinhalb Monaten in Untersuchungshaft in München-Stadelheim. Sein Sohn teilt das gleiche Schicksal, nur in Augsburg. Weigls Ex-Berater Rudi E. muss mit einer Anklage wegen Beihilfe zum Bankrott rechnen, ebenso Weigls ehemalige Frau. Zudem wird gegen zwei Rechtsanwälte aus Hamburg ermittelt.

Die Staatsanwaltschaft hat einen Schuldenstand von 50 Millionen Euro errechnet. Die frühere Firmenzentrale in Pöttmes steht vor der Zwangsversteigerung. In die Weigl-Halle in Bautzen ist ein neuer Mieter eingezogen, das Werk in Zittau ist verkauft. An die einst 13 Verwaltungs- und Vermögensfirmen in Glauchau erinnert nur noch ein Klingelschild, auf dem jemand versucht hat, den Namen „Weigl“ abzukratzen. Der Betrieb in Reichenbach ringt um seine Existenz. Und der Sprecher des sächsischen Wirtschaftsministeriums sagt, der Freistaat werde alle Fördermittel zurückverlangen, die zurückgefordert werden können. Sei allerdings die Bindungsfrist von fünf Jahren abgelaufen, dann gebe es nichts mehr zu holen. In Sachen Weigl sind die Fristen längst verstrichen.