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Es ist der große Wurf 

Die Sanierung des Fachwerkhauses im Biesnitzer Niederhof hat begonnen. Ein großer Gewinn beim MDR hilft da sehr.

Von Ingo Kramer
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Freuen sich auf die Sanierung des Fachwerkhauses im Niederhof Biesnitz : Bewohnerin und Vereinsmitglied Kristina Seifert und Zora, eine der zwei Hofkatzen
Freuen sich auf die Sanierung des Fachwerkhauses im Niederhof Biesnitz : Bewohnerin und Vereinsmitglied Kristina Seifert und Zora, eine der zwei Hofkatzen © Pawel Sosnowski

Langweilig wird es Zora nie auf dem Niederhof in Biesnitz. „Sie und die andere Hofkatze fangen hier draußen jede Menge Mäuse“, sagt Kristina Seifert, eine von bisher 19 zweibeinigen Bewohnern des Hofes, der am niedrigsten Punkt der Kastanienallee zwischen einer sanierten Villa und dem Zugang zu einer Gartenkolonie zu finden ist. Neulich konnte Zora noch viel mehr erleben: Jede Menge Helfer, die das Dach des Fachwerkhauses abdeckten und dabei eine Menschenkette vom Dach bis hinab in den Hof bildeten, wo die alten Ziegel für den Weiterverkauf aufgestapelt wurden.

Damit hat die Sanierung des seit den 1990er Jahren leer stehenden Fachwerkhauses nun endlich begonnen. Es ist das letzte noch unsanierte Gebäude auf dem Niederhof, der ursprünglich mal ein Vierseitenhof war. Um 1710 entstand das Ensemble, das heute denkmalgeschützt ist. Drei Seiten stehen noch. Die Vierte, das Wiegehaus, gibt es nicht mehr. 2007 kaufte der Verein „Miteinander Füreinander Jung und Alt Görlitz“ die restlichen drei Seiten. Die Linke enthält Lager, Werkstätten, Garagen und eine Töpfereiwerkstatt. Das Mittelgebäude ist zweigeteilt. Auf der einen Seite ist der Waldorf-Kindergarten, auf der anderen Seite sind bereits vier Wohnungen eingerichtet. Hier leben drei Familien und ein älteres Ehepaar. Das ist das Ziel des Mehrgenerationen-Vereins: Auf dem Niederhof sollen Jung und Alt zusammenkommen.

So ist es nun auch für den dritten Flügel gedacht, das Fachwerkhaus. Zum einen sind im Parterre Gemeinschaftsräume geplant, in denen auch öffentliche Veranstaltungen stattfinden können. Drumherum sollen sechs barrierearme Wohnungen entstehen, zwei unten und vier oben. Die Baugenehmigung ist längst da. Rund 30 Mitglieder hat der Verein, sie haben sich für das Mehrgenerationen-Projekt zusammengeschlossen. Jetzt stecken sie etwa 1,4 Millionen Euro in die Sanierung des Fachwerkhauses. Die Finanzierung ist gesichert. Das Geld kommt aus mehreren Töpfen, beispielsweise hatte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer im Frühling einen Bescheid über 70 000 Euro aus der Landesdenkmalförderung übergeben.

Den großen Wurf erzielte der Verein aber im Laufe des Jahres in der MDR-Sendung „Mach dich ran – Spezial 2018“. Glatte 100 000 Euro hat das vierköpfige Team des Niederhofes dort gewonnen. „Das Geld kommt von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, wir müssen es auf jeden Fall in denkmalgeschützte Gebäudeteile stecken“, sagt Kristina Seifert. Drei Varianten gibt es: den dunklen Laubengang an der Hausfassade, die Blockstube im Parterre oder das Fachwerk im gesamten Gebäude. Alle drei erfüllen die Anforderungen.

„Wir hätten nie gedacht, dass wir dort den zweiten Platz schaffen“, sagt Kristina Seifert. Zunächst gewannen die Görlitzer den Sachsen-Ausscheid gegen ein Team aus der Nähe von Zittau und hatten damit schon mal 70 000 Euro sicher. Sie mussten Team-Aufgaben lösen, etwa aus Buchstaben Wörter bauen oder so viele Luftballons mit Helium aufblasen und an einem Korb befestigen, bis dieser abhebt. Die drei Ländergewinner aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen traten dann im Halbfinale gegeneinander an, mussten dabei auf Tempo etwas aufbauen. Der Langsamste schied aus, erhielt aber trotzdem 70 000 Euro. Die anderen beiden trafen im Finale erneut aufeinander. Dort winkten dem Gewinner 200 000 Euro, dem Zweiten aber auch 100 000 Euro. Hier mussten sich die Görlitzer dem Kloster Ilsenburg im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt geschlagen geben. „Aber mit dem zweiten Platz sind wir total glücklich“, sagt Kristina Seifert. Ende Oktober war das Finale im MDR zu erleben.

Die 36-Jährige stammt ursprünglich aus Zittau und lebt seit 2007 in Görlitz – zunächst in der Biesnitzer Straße, seit Mai 2012 auf dem Niederhof. Sie arbeitet als freiberufliche Hebamme und Stillberaterin – und hat selbst fünf Söhne und eine Tochter im Alter zwischen elf Monaten und 17 Jahren. „Die drei Jüngsten wurden hier auf dem Niederhof geboren“, berichtet sie. Besonders der zwölfjährige Bennet genießt das Hofleben sehr und hilft auch schon viel mit, war beispielsweise Teil der Menschenkette beim Dachziegelabbau. „Das hat mir total Spaß gemacht“, erzählt er.

Auch ins Fachwerkhaus werden – nach jetzigem Stand im Frühling 2020 – zwei junge Familien mit Kindern einziehen, dazu ältere Leute, Ehepaare und Alleinstehende. „Fünf der sechs Mieter stehen fest, der sechste zu 90 Prozent“, sagt Kristina Seifert. Die meisten Leute werden vom Hörensagen, aber auch über Fernsehen und Internet auf den Niederhof aufmerksam. „Denen gefällt unser alternatives Lebenskonzept mit Gartenbau zur Selbstversorgung, Müllvermeidung, eigener Töpferwerkstatt und und und“, sagt Kristina Seifert, die im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Dazu gehören auch Veranstaltungen. Erst am 19. Dezember hat im Niederhof wieder ein kleines öffentliches Konzert stattgefunden. Vor allem viele Biesnitzer waren da, gegen Spende konnten sie auch auf dem Niederhof essen, was die Vereinsmitglieder frisch zubereitet hatten.

Auch die Töpferwerkstatt ist öffentlich – und zwar jeden zweiten Freitag von 16 bis 18 Uhr. Betrieben wird sie von Peter Wiener. Der 86-Jährige wohnt selbst auf dem Niederhof. Er töpfert an der Scheibe, verkauft auch Geschirr. Sein Brennofen arbeitet mit Strom von der Photovoltaikanlage, die auf dem Dach des Werkstattgebäudes montiert ist und den gesamten Strom für den Niederhof liefert. Im anderen Gebäude verdoppelt der Waldorfkindergarten jetzt seine Größe von zwei auf vier Gruppen. Zusätzlich zum Parterre will er künftig auch den ersten Stock nutzen, den früheren Heuboden, der nun auch Fenster erhält. „Die Genehmigung von der Stadt ist schon da“, sagt Kristina Seifert.

Auch beim Fachwerkhaus sind die Pläne schon recht konkret. Über den Winter bleibt die Plane auf dem Dach, drinnen läuft die Entkernung. Ab dem Frühling wird dann der Dachstuhl ausgebessert, das Dach neu eingedeckt. Im Gegensatz zu den ursprünglichen Plänen erhält es keine Gauben, sondern bleibt ein Kaltdach – so, wie es immer war. „Auch sonst wollen wir so viel wie möglich bewahren“, sagt Kristina Seifert. Das betrifft nicht nur die drei Bestandteile, die mit dem Geld vom MDR finanziert werden könnten, sondern beispielsweise auch den historischen Zugang zum vorderen Gebäudeteil mit der Blockstube. Nur die Nutzung wird sich freilich ändern, der teilweise eingestürzte Pferdestall etwa wird künftig zum Wohnraum. Und Hofkatze Zora wird vermutlich auch künftig noch viel zu tun haben. Mäuse gibt es jedenfalls noch genug rund um den Hof.