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Der Handelshof fällt

In Neugersdorf hat ein Hausbesitzer seine Pflichten vernachlässigt. Das Gebäude ist eine Ruine. Jetzt kommt der Bagger.

© www.foto-sampedro.de

Von Gabriela Lachnit

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Neugersdorf. Ende Februar wird vom ehemaligen Handelshof in der Hauptstraße in Neugersdorf, direkt gegenüber der Volksbank, nicht mehr viel zu sehen sein. In wenigen Tagen rücken die Abrissbagger an. Schon in dieser Woche sind Mitarbeiter der Firma Köhler & Sohn aus Friedersdorf (Gemeinde Markersdorf) dabei, die Gebäude zu entkernen. Das ist nicht ungefährlich, wie auch Michael Haase erfahren musste. Der Inhaber eines Neugersdorfer Ingenieurbüros hatte sich vor Kurzem einmal mit dem Bauleiter der Firma, Thomas Hoffmann, in das Gebäude gewagt, um Fotos zu machen. Haase hatte sich nicht vorstellen können, dass der bauliche Zustand des ehemaligen Handelshofes so schlecht ist. Mehrere Decken im Gebäude sind herunter gebrochen, der kleine Turm scheint akut einsturzgefährdet zu sein, er neigt sich gegen das Dach. Ein Teil der Innenkuppel ist abgestürzt. Ob die Treppen ein Begehen aushalten, ist ungewiss. Michael Haase wollte eigentlich Teile für die Ebersbach-Neugersdorfer Bauteile-Börse bergen. „Es war fast nichts Verwertbares da. Und wenn – wie zum Beispiel das Buntglasfenster – dann kann man das nicht bergen. Das wäre viel zu gefährlich“, sagt der Bauingenieur. Holzbalken seien alle mit Schwamm und Pilzen befallen, das wolle keiner im Haus haben, so der Baufachmann. So bleibt der Abrissfirma diesmal in der Spreequellstadt nichts zu bergen. „Beim Abriss des Kretschams in Ebersbach haben die richtig Fingerspitzengefühl bewiesen“, erinnert sich Haase.

Fotos aus dem Inneren

Der Abriss des Komplexes soll in der nächsten Woche stattfinden. Etwa eine Woche wird das dauern. Thomas Hoffmann denkt, dass am nächsten Montag die Abrissbagger starten können. Wahrscheinlich muss nur für den Abriss des Hauptgebäudes eine halbseitige Sperrung der Hauptstraße erfolgen. „Das geht nicht anders, denn dieses Gebäude steht sehr dicht an dieser Straße“, sagt der Bauleiter. Er denkt, dass die Sperrung nur wenige Tage anhält. Für Hausteile, die weiter weg vom Hauptgebäude stehen, seien Einschränkungen für den Verkehr auf der Hauptstraße nicht zu erwarten. Der Bauschutt wird von der Firma abgefahren und fachgerecht entsorgt. Bei den Arbeiten könne es zu Staub- und Lärmbelästigungen kommen, informiert Thomas Hoffmann. Die Abrissfirma hinterlässt eine ebene Fläche, Keller werden verfüllt. Was künftig mit dem rund 1400 Quadratmeter großen Areal passiert, ist ungewiss. Eigentümer ist jetzt das Land Baden-Württemberg, weil der eigentliche Besitzer Verbindlichkeiten nicht bedienen konnte, heißt es. Der Verkauf über einen Makler sei gescheitert, weil Gläubiger sich mit dem Eigentümer nicht einigen konnten, heißt es gerüchteweise weiter.

Julia Bjar von der Pressestelle des Landratsamtes Görlitz informiert zum Handelshof in Neugersdorf: „Leider verlangte der Zustand des Gebäudes nach Untersuchung der unteren Bauaufsichtsbehörde schnelles Handeln. Auch ein Prüfstatiker ist hinzugezogen worden“, erläutert die Sprecherin. Vom Gebäude geht unmittelbar Gefahr für die öffentliche Sicherheit in diesem Bereich der Hauptstraße aus. Um dem abzuhelfen, bleibt nur der Abbruch als Lösung des Problems, berichtet Frau Bjar. Ursache für den Zustand seien jahrelanger Leerstand und mangelnde Instandhaltung durch den Eigentümer des Gebäudes, sagt Frau Bjar.

Der Handelshof ist in den 1920er Jahren vom Neugersdorfer Baumeister J.W. Roth für den Kaufmann Edmund Richter umgebaut worden, der ein Geschäft für Damenkonfektion betrieb. Gunter Byhan, ein Neugersdorfer, berichtet, dass Baumeister Roth um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert führend gewesen sein soll, was Bauten in Stahlbeton betraf. Vor dem Umbau gab es unter der Adresse des Hauses seit 1898 Wohnungen. Das hat Gerhard Heinke vom Heimat- und Geschichtsverein Neugersdorf herausgefunden. Auch, dass später die Besitzer wechselten, ein Textilgeschäft blieb aber immer erhalten. Von 1963 stammt der erste schriftliche Nachweis, dass die Handelsorganisation HO ein Geschäft in dem Haus betrieb. Die Elektrocenter GmbH, die nach der Wende eingezogen war, meldete 1993 Insolvenz an. Das Haus stand mehr als 20 Jahre leer, es wurde nichts daran instandgehalten. Das Dach ging kaputt. Eindringendes Wasser konnte seine zerstörerische Kraft ungehindert entfalten, das Haus verfiel. Nun ist es für immer verloren.