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Der Handwerker von heute kommt erst morgen

Baubetriebe in Sachsen lassen ihre Kunden zunehmend warten – das ist jetzt normal, sagt ein führender Dachdecker.

© Jens Trenkler

Von Georg Moeritz

Dresden. Das Internet tut so, als ob man alles sofort bekommen kann. Auf Handwerker aber muss der Kunde auch mal warten, sagt Jörg Dittrich. Der Dachdecker mit Doktortitel ist Präsident der Handwerkskammer Dresden und spürt seit Jahren eine steigende Stimmung unter den 23 000 Mitgliedsbetrieben im Bezirk. So gute Aussichten wie jetzt hatten Sachsens Handwerker noch nie, das sagen sie selbst in der jüngsten Umfrage. Ihre Aufträge reichen im Durchschnitt 8,8 Wochen weit – also können sie es sich zunehmend leisten, Kunden zu vertrösten. Doch dabei geht es nicht gleich um Monate: Es gebe „keine gravierenden Engpässe“, sagte Dittrich gestern.

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„Normalität“ sei endlich im sächsischen Handwerk angekommen, urteilt der Dachdecker. Vorbei ist die Zeit, in der die Baubranche ihre Belegschaft halbierte. Jetzt sind die Bau- und Ausbaubetriebe „die Lokomotive der konjunkturellen Entwicklung“. Eine klare Verbesserung für die Handwerker: Sie müssen nicht mehr so viel in die alten Länder pendeln.

Arbeit: Neue Stellen geschaffen, Winter wird einige streichen

In den vergangenen Monaten haben die Handwerker im Bezirk Dresden etwa 2.600 Beschäftigte neu eingestellt. So mancher Angestellte nutzt die gute Lage auch, um „seinen Marktwert zu testen und zu wechseln“, sagt Kammer-Hauptgeschäftsführer Andreas Brzezinski. Allerdings zeigt die repräsentative Umfrage mit 614 beteiligten Betrieben, dass die Arbeitsplätze auch auf kurze Sicht nicht alle sicher sind: Etwa jeder zehnte Handwerksbetrieb wird voraussichtlich in den kommenden Monaten Stellen streichen, sechs Prozent erwarten Zuwachs. Zum Winter hin wird die Baubranche einen Teil der Mitarbeiter erfahrungsgemäß in die Arbeitslosigkeit schicken, obwohl es Saisonkurzarbeitergeld gibt. Auch ein Teil der sächsischen Autowerkstätten erwägt Entlassungen.

Stimmung: Rekordwerte beim Geschäftsklima

Während die Baubetriebe von Schul-Renovierungen und vom privaten Wunsch nach Betongold profitieren, haben viele Autohäuser zu kämpfen: Sie verkaufen weniger Neuwagen. Doch seit der vorigen Umfrage hat sich ihre Lage etwas gebessert – auch im Gebiet der Chemnitzer Handwerkskammer, die gestern wie die Dresdner Bestwerte meldete. Von den befragten Handwerkern im Bezirk Dresden stufen 56 Prozent ihre Lage als gut ein, 34 als befriedigend, zehn Prozent als schlecht. Der Geschäftsklima-Index der Handwerker ist in Dresden wie in Chemnitz auf einem Rekordstand.

Zukunft: Geld für Straßen und fürs schnelle Internet

Handwerkspräsident Dittrich will den Eindruck vermeiden, dass die Meister und Gesellen nun „den Himmel auf Erden“ hätten. Viele klagen über steigende Materialpreise, zugleich sind Niedriglöhne etwa im Friseurhandwerk noch verbreitet. Vor allem sorgt sich Dittrich, ob die gute Konjunktur gut genutzt wird: „Die meisten Fehler macht man, wenn es einem gut geht.“ Dittrich verlangt vom Staat, aber auch von Betrieben neue Investitionen. Wenn Sachsen in zehn Jahren immer noch gut dastehen wolle, müsse jetzt Geld für Straßen und Schienen ausgegeben werden – und für Breitband-Verbindungen. Handwerker im Kreis Görlitz haben mancherorts keinen Handy-Empfang, noch schlechter sieht es mit dem Internet aus: Laut Dittrich können die Unternehmer in vielen Gegenden weder Steuererklärungen per Modem verschicken noch elektronische Aufträge annehmen: Die Handwerker müssen wenigstens „im Internet zu finden sein“.