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Der Heilsbringer der Schwimm-Nation

Florian Wellbrock gehört zu den Aufsteigern des Jahres. Dabei hat er früh seine Schwester am Beckenrand verloren.

Von Daniel Klein
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Selbstbewusst präsentiert sich Florian Wellbrock beim Fotoshooting in der Magdeburger Elbeschwimmhalle.
Selbstbewusst präsentiert sich Florian Wellbrock beim Fotoshooting in der Magdeburger Elbeschwimmhalle. © Robert Michael

Das Rennen schaut er sich immer mal wieder an, vor allem, wenn die Motivation im Keller ist. Ein halbes Jahr nach seinem großen Auftritt, seiner Goldmedaille bei der Europameisterschaft in Glasgow, bekommt Florian Wellbrock weiterhin Gänsehaut, wenn er sieht, wie er über 1 500 Meter Freistil einen Konkurrenten nach dem anderen abhängt und nach 14:36,15 Minuten in einer neuen Weltjahresbestzeit anschlägt. Das mit der Gänsehaut wird wohl auch nach der 100. Wiederholung so bleiben, vermutet er.

Dass es das Rennen seines Lebens war, hofft er nicht, schließlich ist er erst 21, da beginnt eine Schwimmkarriere. Aber es war zumindest das Rennen, mit dem sein Name auch abseits des Beckenrandes bekannt wurde. Zwar gab es noch viele weitere Medaillen für die deutsche Mannschaft bei der Premiere der European Championships in Schottland, aber Wellbrocks Sieg war ein besonderer.

Vielleicht lag es daran, dass die deutschen Schwimmer seit Jahren notorisch erfolglos sind und nun plötzlich einer auftauchte, der nicht nur die Briten, Italiener und Russen schlagen, sondern vielleicht sogar mit den Amerikanern und Chinesen mithalten kann. Da wird man ganz schnell zum Heilsbringer erhoben, so jedenfalls klangen die Schlagzeilen im Sommer. „Galaktisch“ stand in den Überschriften, oder: „Wie vom anderen Stern.“

Gelesen hat er sie fast alle, sagt Wellbrock. Seine Mutter versorgt ihn per Mail, er selbst ist viel in den sozialen Netzwerken unterwegs. Die Gefahr, bei so viel Lobhudelei abheben zu können, sieht er – für sich aber keine Gefahr. „Ich kann das schon ins Verhältnis setzen“, sagt er. „Ich bin ja keinen Weltrekord geschwommen, nur einen deutschen.“ Auch seine Trainingsgruppe sei da hilfreich. Es ist derzeit vielleicht die stärkste in ganz Deutschland mit der WM-Zweiten Franziska Hentke, Vize-Europameisterin Sarah Köhler, seiner Freundin, und dem Freiwasser-Staffel-Weltmeister Rob Muffels. „Wir sind in der Gruppe so stark, dass wir uns gegenseitig zurück auf den Boden holen. Außerdem krieg ich von meinem Trainer direkt einen vor den Kopf, wenn er mitbekommt, dass ich den Erfolg ein bisschen raushängen lasse“, erzählt Wellbrock.

Der Moment nach dem EM-Sieg in Glasgow.
Der Moment nach dem EM-Sieg in Glasgow. © dpa Picture Alliance/Ian Rutherford

Die Gruppe trainiert in der Elbeschwimmhalle in Magdeburg, draußen ist es dunkel und kalt, drinnen schmückt ein Mosaik in typischem DDR-Stil die Wand. Trainer Bernd Berkhahn schreit die Zeiten zu. Er muss so laut sein, weil auf den Außenbahnen kleine Kinder auf dem Weg zum Seepferdchen sind. Zig 50-Meter-Bahnen mit jeweils kurzen Pausen bilden den Abschluss der Nachmittagseinheit. Eine Stunde geht das so, das Ziel ist, nicht langsamer zu werden. Berkhahn guckt zufrieden.

Ein halbes Jahr nach dem Gold von Glasgow erinnert nichts an den großen Erfolg, der Alltag ist weder galaktisch noch vom anderen Stern. Er ist ein Knochenjob. 5.40 Uhr klingelt der Wecker, um 6.30 Uhr springt Wellbrock das erste Mal ins Wasser. Nach der Vormittagseinheit geht es in die Berufsschule oder die Firma, er lernt Immobilienkaufmann, Mitte nächsten Jahres ist er fertig. Nach einer kurzen Pause folgt die zweite Einheit, kurz vor 19 Uhr ist Feierabend, nach knapp 13 Stunden.

Neidisch auf die Fußball-Profis

Phasenweise sei er schon ein wenig neidisch auf die Fußballer, sagt er. Da ist das Preis-Leistungs-Verhältnis ein bisschen anders. „Aber mein großes Glück ist: Ich habe wirklich Spaß am Training, ich mache das nicht nur, um bei Wettkämpfen gut zu sein.“ Hinzu kommt sein Ehrgeiz, der ihn schon als Kind geprägt hat.

Auf die Sportschule in Bremen will er unbedingt, selbst wenn die schreckliche Erinnerungen wecken könnte. Auf die ging auch seine Schwester Franziska, die auf tragische Weise ums Leben kam. Als er neun Jahre ist, startet Franziska beim Weihnachtsschwimmen des TSV Osterholz. Nach ihrem Rennen über 200 Meter Lagen klagt sie über Kopfschmerzen, bricht zusammen und stirbt – mit 13. Die Todesursache bleibt ungeklärt, die Eltern verzichten auf eine Obduktion.

Auf seiner linken Brust hat sich Wellbrock eine Zeile aus einem Lied des Rappers Sido tätowieren lassen. „Genieß dein Leben ständig. Du bist länger tot als lebendig.“ Das trägt er ständig mit sich rum, seine Schwester aber sei „im Alltag nicht mehr so präsent. Ich weiß, das hört sich vielleicht blöd an. Aber wenn sie noch leben würde, wäre sie wahrscheinlich jetzt nicht hier in Magdeburg, sondern würde studieren oder arbeiten, auf jeden Fall ihren eigenen Weg gehen“, sagt er. Vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass er noch ein Kind war, jedenfalls habe er das damals „ganz gut weggesteckt. Ich konnte meine Eltern sogar ein bisschen auffangen.“

Und er bekniet sie, auf die Sportschule wechseln zu dürfen. „Ich wollte da unbedingt hin, es gab ja nur die eine.“ Mit 16 wollte er dann unbedingt nach Magdeburg umziehen. „Ich hatte in Bremen keine Konkurrenz mehr, bin immer allein vornweggeschwommen und konnte nicht die Umfänge trainieren. Ich musste das einfach machen, weil ich da schon wusste, dass ich später mal zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen möchte. Der Wille zum Erfolg ist bei mir ein Grundbedürfnis“, erzählt er.

Mit diesem Willen hat er es schon weit gebracht, auch wenn seine Olympia-Premiere 2016 in Rio mit Platz 32 danebenging. Eine lehrreiche Niederlage sei das gewesen, sagt er. Womöglich war sie ein Baustein für das EM-Gold. Seit Glasgow gibt er häufiger Interviews, vor allem jetzt, in der Zeit der Jahresrückblicke. „Mir macht das Spaß, es gibt doch schlimmere Dinge, als über den eigenen Erfolg zu reden“, findet er.

Auch seine Beziehung ist dann immer wieder ein Thema. Ein Pärchen, das aus einer Sportart kommt, löst offenbar eine gewisse Faszination aus. Das bekamen schon Paul Biedermann und Britta Steffen zu spüren, die als Schwimm-Traumpaar tituliert wurden. „Wir werden manchmal mit ihnen verglichen, aber ich glaube, die beiden waren in anderen Dimensionen unterwegs. Deshalb muss ich da immer ein bisschen schmunzeln“, erzählt Wellbrock. Zwischen ihm und der aus Hanau stammenden Sarah Köhler funkt es im März 2017, inzwischen trainiert die 24-Jährige auch in Magdeburg.

Sponsoren fragen noch nicht so nach, wenn, dann seien es kleinere Firmen, die wenig geben wollen, aber viel Gegenleistung fordern. „Und das lasse ich natürlich nicht mit mir machen“, erklärt Magdeburgs Sportler des Jahres. Seit einigen Wochen kümmert sich nun ein Management um die Vermarktung von Deutschlands derzeit bestem Schwimmer.

Weihnachten feiert er mit Freundin bei seiner Familie. Am 23. kommt er von einem Wettkampf aus St. Petersburg zurück, Heiligabend geht es nach Bremen und am 25. schon wieder zurück, um kein Training zu verpassen. Unterm Baum wird sicher noch mal über Glasgow und das EM-Gold gesprochen. Und über die Schwester. „Da fehlt sie natürlich“, sagt Florian Wellbrock.