merken
PLUS Sport

Der Höhepunkt beim Dresdner Bergsichten-Festival

Stefan Glowacz ist Extremkletterer und war in Grönland unterwegs. Davon erzählt er jetzt in Dresden.

Er mag es extrem. Stefan Glowacz über sein Grönland-Abenteuer: „Ich habe mich immer weiter von der Lieblichkeit entfernt.“
Er mag es extrem. Stefan Glowacz über sein Grönland-Abenteuer: „Ich habe mich immer weiter von der Lieblichkeit entfernt.“ © Moritz Attenberger

Höhenbergsteigen ist nicht sein Ding. Das weiß Stefan Glowacz seit einem Besteigungsversuch am 7.134 Meter hohen Gauri Sankar in Nepal. Damit hat er zu spät angefangen, erzählt der Profikletterer im Gespräch mit sächsische.de. An hohen Bergen muss er zu viel nachdenken. „Dort gerätst du in Situationen, in denen man bereit sein muss, riskante Dinge zu machen, das Leben aufs Spiel zu setzen“, sagt der gebürtige Bayer. „Wer in eine hohe Wand einsteigt, muss sich bewusst sein, was er tut. Ich bin damit nicht groß geworden und fange jetzt nicht damit an, weil ich weiß: Das ist nicht meine Welt.“

Aber sonst lässt der 54-Jährige kaum ein Abenteuer aus. Eines der berühmtesten Bergsteiger-Fotos zeigt ihn im Werner-Herzog-Film „Schrei aus Stein“ von 1991, wie er ungesichert mit nur einer Hand an einem Felsdach hängt. „Selbst als ich Solo geklettert bin, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich ein zu hohes Risiko eingehe“, sagt Glowacz, schränkt aber ein, es fühle sich im Rückblick nun etwas anders an. „Aber ich hatte das Gefühl, das Risiko tödlich abzustürzen, minimieren zu können, weil ich vorausschauend geklettert bin und meinte, alles im Griff zu haben.“

Anzeige
Entdeckungsreise im Mini-Kosmos
Entdeckungsreise im Mini-Kosmos

Der Physiker Tobias Meng ist fasziniert von Elektronen. Die können Unglaubliches und helfen, neue Materialien zu finden.

Glowacz sammelte Erfolge im Sportklettern, gewann dreimal die Rock-Masters in Arco und den olympischen Demonstrations-Kletter-Wettbewerb 1992 in Albertville. Als WM-Zweiter beendete er 1993 seine Kletterwand-Karriere, suchte Herausforderungen in der Natur, machte sich einen Namen als Freikletterer und Erstbegeher schwierigster Routen in aller Welt. Dabei kämpfte sich der Profikletterer auch durch ewiges Eis oder Urwald zu den Gipfeln.

Die Dimensionen der Natur

Sein Sehnsuchtsziel war die Polarregion, die Durchquerung Grönlands. „Es hat mich bei jedem Flug nach Amerika fasziniert, wenn ich aus dem Fenster schaute“, sagt er schwärmerisch. „Diese Weite und Unendlichkeit. Das bin ich angegangen, wie alles andere, was ich mir erträumt hatte. Jetzt zieht es mich eher in nahe Regionen, die ich auch mit dem Rad oder auf kürzeren Wegen erreichen kann. In den Alpen, in den Dolomiten gibt es Gebiete, die relativ unerschlossen und einsam sind.“

Glowacz sucht nicht nach Zielen, „sie müssen auf mich zukommen wie Eingebungen“. Dabei sind ihm die zwei Seelen bewusst, die ihn antreiben: die des Abenteurers und die des Leistungskletterers. „Beide Komponenten möchte ich am liebsten miteinander verbinden. Das ist herausfordernd und spannend.“ Dies gelang ihm bei den beiden jüngsten Grönland-Expeditionen. „Die Anreise war mir wichtig mit dem Segelschiff. Wir wollten so nachhaltig wie möglich unterwegs sein. Von der Haustür aus ¬ bei der ersten Expedition mit Elektro-Fahrzeugen, bei der zweiten mit dem Zug“, beschreibt er seine Öko-Pläne.

© Thomas Ulrich

„Es folgte die Durchquerung Grönlands, dann eine Big-Wall-Erstbesteigung. Wir wussten, dass es dafür nur ein enges Zeitfenster gab.“ Das war beim ersten Anlauf zu klein. Deshalb kehrten sie in diesem Jahr noch mal dorthin zurück, weil „der Berg so schön, die Aufgabe zu interessant war, sodass wir uns gesagt haben: Wir beenden, was wir angefangen haben.“

Im ewigen Eis spürte Glowacz die Dimensionen der Natur. „Ich habe mich immer weiter von der Lieblichkeit entfernt“, beschreibt er seine Gefühle, als sie die grüne Geborgenheit vertrauter Landschaften verlassen hatten. Sie stiegen in eine menschenfeindliche Region auf. „Du spürst zunehmend Einsamkeit, Ausgesetztheit“, benennt Glowacz den Stimmungswandel. „Das hat etwas Faszinierendes. Du stehst auf der Eisfläche, drehst dich um 360 Grad, und alles sieht in jeder Richtung gleich aus – bis zum Horizont ist nur Weite. Aber einen Monat lang da unterwegs zu sein, wird mit der Zeit zur brutalen Schinderei.“

Erstbegehung als neues Projekt

Wie abenteuerlich es im ewigen Eis war, wie es sich da anfühlte, präsentiert er am Wochenende zur Premiere seines neuen Vortrags „Faszination Grönland – Coast to Coast“ beim Bergsichten-Filmfestival in Dresden. Sachsen hat für ihn schon wegen des Elbsandsteingebirges etwas Besonderes, das „Geburtsland des Freikletterns“, wie Glowacz sagt. „Das spürt man, wenn man dort nach den alten Regeln klettert – ein Pflichtziel für jeden Kletterer.“ Er war schon vor der Wende in der Sächsischen Schweiz unterwegs. Das faszinierte ihn, doch Glowacz gibt auch zu: „Nach einer Woche hatte es mir gereicht, mich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch extrem gefordert.“

Bei den Vorträgen möchte er sein Publikum in entlegene Regionen und auf seine Expeditionen mitnehmen, aber auch Anstöße geben: „Vielleicht kann ich den einen oder die andere inspirieren, aufzubrechen und nicht nur zu träumen, sondern Träume zu realisieren. Das habe ich meinen Kindern gepredigt: Lebt Eure Träume, weil wir in einem privilegierten Umfeld leben, in dem das auch möglich ist.“ Die inzwischen 23-jährigen Drillinge – zwei Söhne und eine Tochter – sind sportlich. Eine Kletterleidenschaft leben sie jedoch nicht.

Outdoor-Festivals wie die Bergsichten und Abenteuer-Vorträge passen in die Zeit. „Es gibt eine Sehnsucht danach“, vermutet Glowacz und meint, dass „da einer aus Fleisch und Blut steht, live über seine Abenteuer berichtet. Ansonsten wird unser Leben ja immer digitaler, synthetischer. Du kannst dir über alle möglichen Kanäle alles zugänglich machen. Andererseits gibt es die Sehnsucht nach Authentizität.“ Ähnliches erlebt er bei sich zu Hause in Garmisch, wenn Glowacz sieht, wie junge Bergsteiger und Familien in die Berge ziehen. Es passt für ihn zum Trend, sich beim Bergsteigen zu spüren, die Natur im wahrsten Sinn des Wortes begreifen zu können.

Weiterführende Artikel

Erst die Kündigung im Büro, dann drei Siebentausender

Erst die Kündigung im Büro, dann drei Siebentausender

„PMX21“ lautet der Name der sächsischen Pamir-Expedition, die im Mai starten soll. Das Projekt hat seinen Preis – Auftakt der Serie „Wenn Abenteuer auf Corona trifft“.

Ein großes Ziel hat er noch – eine Erstbegehung im Wettersteingebirge. Vor 15 Jahren begann das Projekt. Glowacz hatte eine Route eingerichtet, war sie immer mal angegangen. „Doch es gelang mir noch nie, sie Rotpunkt zu klettern“, erzählt er. Im nächsten Jahr will Glowacz sie schaffen. „Das ist in einem Schwierigkeitsbereich, wo ich mich 100 Prozent auf die Route konzentrieren muss. Da kommt der Ehrgeiz noch mal durch, der mich früher angetrieben hat. Das Gen ist immer noch da.“ An Themen für neue Vorträge mangelt es auch künftig nicht.

Stefan Glowacz „Faszination Grönland – Coast to Coast“

  • Premiere Multivisionsvortrag bei den Bergsichten im Dresdner Hörsaalkomplex, Sa. (16.11.), 20.30 Uhr, sowie So. (17.11.), 16.45 Uhr. Karten an der Tageskasse.

Mehr zum Thema Sport