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Feuilleton

Der Judenretter aus Sachsen

Oskar Schindler kennt dank des Spielberg-Films die halbe Welt, Alfred Roßner hingegen kaum jemand. Das will eine Romanbiografie ändern.

Alfred Roßner (r.) um 1941 mit seinem Buchhalter Josef Sapir und der Angestellten Laja Jachimowicz.
Alfred Roßner (r.) um 1941 mit seinem Buchhalter Josef Sapir und der Angestellten Laja Jachimowicz. © Archiv Miska

Was macht einen Helden aus? Im militärischen Sinne soldatische Tugenden wie Mut, Tapferkeit und die Bereitschaft, sein Leben für andere hinzugeben. Doch es gibt Schicksale, die zeigen, dass man mitten im Krieg auch auf anderem Weg zum Helden werden konnte. Menschen wie den Sachsen Alfred Roßner. Der hat anderen das Leben gerettet, sein eigenes dabei aufs Spiel gesetzt und schließlich verloren – während er im Dienst der SS stand. 

Für sie leitete er als Treuhänder einen Textilbetrieb im schlesischen Bendzin, einer Stadt bei Kattowitz. Angenommen hatte Roßner den Posten auf Bitten des Besitzers Adolf-Arje Ferleger, ein Falkensteiner Jugendfreund und Jude, wie die meisten Angestellten der Fabrik. Wenige von ihnen haben den Holocaust überlebt. Viele von den wenigen dank Alfred Roßner.

Der gebürtige Oelsnitzer gehört zu jenen Deutschen, die von der jüdischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt werden. Doch anders als der durch Spielbergs Film „Schindlers Liste“ weltberühmte Oskar Schindler, zu dessen Biografie es viele Parallelen gibt, ist Roßner selbst in Deutschland nahezu unbekannt. Das will die Journalistin Hannah Mischka nicht auf sich beruhen lassen. „Der stille Handel“ heißt ihr Buch. Es ist eine Romanbiografie; für ein Sachbuch fanden sich weder genug Quellen, noch hatte Miska Lust darauf. „Ich will den Lesern den Menschen nahebringen, nicht dessen Lebenslauf“, sagt die Wahl-Bayerin.

Ein Held in den Diensten der SS

Auch die Umstände ihres „Kennenlernens“ passen zum Unbekanntheitsgrad von Alfred Roßner: Hannah Miska stieß auf ihn in Melbourne, wo sie sich ehrenamtlich am Holocaust-Center engagiert hat. „Dort haben noch einige Überlebende gearbeitet, die damals nach Australien geflohen oder ausgewandert sind. Eine davon war Kitia Altmann.“ Die war im Krieg Angestellte der Fabrik von Ferleger und hat Roßner sehr gut gekannt. „Immer wieder hat sie von ihrem Lebensretter erzählt“, sagt Miska. „Und sie wollte unbedingt wissen, ob er an einem guten Ort bestattet ist.“

Das herauszufinden, war noch eine der leichteren Recherchen für die Journalistin. „Außer Kitia habe ich niemanden mehr ausfindig machen können, der noch mit Alfred Roßner bekannt war. Aber durch die mühselige Suche in Archiven fügte sich doch ein Mosaiksteinchen zum anderen.“ Mehrere waren Kinder von Überlebenden der Textilfabrik. Die hatte Ferleger übernommen, nachdem er wie viele Juden 1938 nach Polen vertrieben worden war. Seine Familie vergrößerte Bendzins jüdische Gemeinde, die damals über 20.000 Mitglieder hatte; 40 Prozent der Einwohnerschaft. Ein Jahr später begann der Terror.

Alfred Roßner in Bendzin (heute Bedzin) mit Haushälterin Jadzia. F
Alfred Roßner in Bendzin (heute Bedzin) mit Haushälterin Jadzia. F © Ester Nir/Archiv Miska

Die SS übernahm den Textilbetrieb, behielt die jüdische Belegschaft, ließ die Produktion auf Uniformteile umstellen und suchte einen „Treuhänder“. Adolf-Arje Ferleger kürzte die Suche ab: Wenn ihm schon die Fabrik genommen und ein „Arier“ vor die Nase gesetzt würde, dann bitte sein Freund und ehemaliger Buchhalter Alfred Roßner. Der sagte zu, wurde vom Kriegsdienst freigestellt, hoffte auch auf neuen Kontakt zu seiner großen Liebe Lena, ebenfalls Jüdin, inzwischen abgeschoben nach Lodz – und die SS stellte ihn ein.

Fraglos war das für den Sachsen ein Karrieresprung. Und so geschickt er als Geschäftsmann war, so hartnäckig setzte er sich für seine Mitarbeiter ein, schützte sie vor Sanktionen, besorgte ihnen vorübergehende Sicherheiten durch „Sonderausweise“ und, je stärker zunächst Umsiedelungen in Gettos und dann Abtransporte in die Konzentrationslager die Juden bedrohte, organisierte er Möglichkeiten zur Flucht.

„Alles, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, weist darauf hin, dass Roßner bei seinen Angestellten enorm beliebt war und geschätzt wurde“, sagt Hannah Miska. „Nicht nur, weil er ihnen half; er war wohl auch ein sehr freundlicher, humorvoller und kluger Mensch.“ Als Angehöriger der lokalen Nomenklatura musste er intensiven Umgang pflegen mit den NS-Größen in Bendzin.

 Seine Verhandlungen mit SS und Gestapo bekamen immer mehr die Züge eines gefährlichen Pokerspiels, je enger es für die Juden wurde. Das machte die Lage von Alfred Roßner, der kein NSDAP-Mitglied war, zunehmend unsicher. Seine „Judenfreundschaft“ war bald ein offenes Geheimnis, seine Gegner nahmen ihn immer enger ins Visier. Bis die Gestapo ihm Unterschlagung vorwarf, ihn ins Gefängnis steckte, misshandelte, und Alfred Roßner am 18. Dezember 1943 starb.

Warum wurde er zum Helden?

Die klaffenden Lücken in seiner Biografie füllt Hannah Miska mit der Fantasie der Belletristin. Zwar geraten die Anfänge der Romanbiografie etwas stockend. Doch sobald die Geschichte Polen erreicht, gewinnen ihre Worte an Lebendigkeit, die Dramaturgie an Spannung, entwickelt sich ein regelrechter Sog in dieses ungewöhnliche Leben. 

Auffällig ist, dass die Emotionalität der Erzählung selbst da eher behutsam dosiert bleibt, wo das Erzählte hoch emotional wird. „Die Geschichte Roßners ist an sich schon bewegend genug“, sagt Miska. „Da muss die Sprache nicht auch noch künstlich etwas draufsetzen.“ Dennoch klingt ein Gefühl der Autorin sehr deutlich durch die Zeilen: Bewunderung.

Warum schritt Alfred Roßner zur Tat, wo fast alle anderen wegsahen oder mitmachten? Warum wurde er zum Helden? Hannah Miska erklärt es sich so: „Er wuchs in einem eher linken Milieu auf, mit den Idealen des Humanismus, und er hatte viele jüdische Freunde. Außerdem konnte und wollte er das, was er in Polen erfuhr, wohl einfach nicht ertragen.“

Ein Grund mehr, seinen Namen und sein Schicksal aus der Stille zu holen. Durch das Buch von Hanna Mischka. Und durch den Namen der Grundschule seines Ruheortes Falkenhein, die bald den Namen Alfred Roßner tragen soll.


Hannah Miska: Der Stille Handel. Alfred Roßner – Lebensretter im Schatten der SS. Mitteldeutscher Verlag, 272 S., 16 Euro