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Der Kapitalismus ist auf Kante genäht

Der Geduldsfaden wird kürzer, denn die Suche nach einem Gleichgewicht dauert zu lange. Teil 19 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Karl-Josef Hildenbrand/dpa/SZ

Ich merke, wie mein Geduldsfaden deutlich kürzer wird. Am Morgen reagiere ich genervt beim Anruf meiner Mutter. Ich möchte ihre Gesundheit nicht gefährden, deshalb besuche ich sie zurzeit nicht. Aber gleichzeitig kann ich verstehen, dass sie allein zu Hause gern jemandem begegnen würde, um einfach mal zu schwatzen. Wir telefonieren jeden Tag, aber das ersetzt nicht die persönliche Begegnung. Wir verabreden uns für Ende der Woche.

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Die TU Dresden gehört im Bereich zukunftsträchtiger Technologiezweige zu den Spitzenreitern in Europa. Das soll jetzt der Lausitz helfen.

Ich lese nach dem Frühstück, dass sich Sachsens Ministerpräsident für eine Prämie einsetzen will, die den Autokauf ankurbelt. Wenig später entdecke ich in einem Text von Uwe Jean Heuser, Wirtschaftsjournalist der Wochenzeitung „Die Zeit“, den Satz: „Der bis ins Letzte ausgereizte Kapitalismus passt nicht zur neuen Gefahrensituation.“ Das System sei auf Kante genäht und brauche eine neue Balance. Ökonomen haben dafür ein Wort, das aus der Mode gekommen ist: Gleichgewicht. Als ein Beispiel für fehlende Balance empfinde ich die miese Bezahlung von Pflegekräften oder das zunehmend ökonomisierte Gesundheitssystem, das so auf Effizienz getrimmt ist, dass die Gesellschaft heruntergefahren werden musste, um es bei der Pandemie nicht zu überfordern.

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Ich kaufe in einem Obsthof Äpfel, die Tomaten sind gerade alle. Aber es stört mich nicht. Zurzeit sind Tomaten in Deutschland noch gar nicht zu ernten. Der Besitzer erzählt mir, was ihn für Sorgen plagen, denn es regnet schon wieder seit Tagen nicht. Die regionale Landwirtschaft zu fördern, fände er eine gute Strategie, so der Bauer. Und auch Strategien im Umgang mit der zunehmenden Trockenheit umzusetzen, seien dringend notwendig.

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Ich schreibe bis zum Mittag Mails, klinke mich in Videokonferenzen ein. Einer meiner SZ-Redaktionskollegen meint, dass die Digitalisierung in den vergangenen Wochen eine Art Versicherung gegen den Viren-Shutdown gewesen sei und immer noch ist. Allerdings gebe es in Sachsen zu viele Funklöcher. Die Anschlüsse für das Internet intensiv auszubauen, hält er für eine gute Idee. Daten seien das neue Öl. Ich lese ihm einen Satz von Uwe Jean Heuser vor: „Schon vor der Krise wäre es vorteilhaft gewesen, mehr Glasfaser durchs Land zu legen, die Kapitalversorgung für Start-ups zu verbessern oder den Weg für Big Data in der Gesundheitsversorgung zu ebnen. Jetzt allerdings wird die Sache dringlich wie auch die Gelegenheit günstig.“

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Von mehreren Gastwirten bekomme ich Mails mit der Bitte, einen Brief zu unterschreiben. Der Chef der Brückenschänke in Sebnitz schreibt zum Beispiel: „Könntet Ihr uns Gastronomen helfen durch die Teilnahme an der Petition zum vereinheitlichten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent für jeglichen Lebensmittelverkauf, also auch in Restaurants? Da könnten wir, wenn wir wieder dürfen, etwas aufholen und so die notwendige Investitionskraft und vor allem höhere Löhne für unser Dienstleistungsgewerbe ermöglichen.“ Ich unterstütze das.

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Unser Männerverein war kurz davor, den nun seit Wochen leer stehenden Bücherschrank neben der Apotheke endlich mit Büchern zu füllen. Aber dann kam wieder der Stopp von der Verwaltung, weil Bibliotheken doch nicht öffnen dürfen, also auch ein öffentlicher Bücherschrank im Wohngebiet nicht erwünscht sei. In der Dresdner Bibliothek im Kulturpalast können jetzt ausgeliehene Bücher an den Automaten immerhin zurückgebracht werden. Es bleibt für mich ein Rätsel, warum Büchereien nicht öffnen dürfen, aber Schlangen von Menschen vor Baumärkten stehen. Eine Mitarbeiterin der Bibliothek ruft mich an und meint, die Bildung und die Kultur anzukurbeln, sei verdammt wichtig.

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Ich fahre zum Mittag nach Pirna ins Tom-Pauls-Theater. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen zusammen, natürlich mit gebührendem Abstand, um sich mal wieder zu treffen, zu reden, gemeinsam zu essen. Es ist schön zu spüren, wie sich das Haus langsam belebt. Wir planen erste Proben, ohne zu wissen, wann der Spielbetrieb wieder starten kann. Ich denke, es wäre ein großartiges Zeichen, wenn viele der kleineren Bühnen endlich wieder Lesungen oder Stücke aufführen könnten. Es wäre schön, von einer Idee zu hören, wie Publikum wieder eingeladen werden könnte, ohne in Gefahr zu kommen, sich anzustecken. Das Virus ist nicht verschwunden, aber wir lernen, damit umzugehen.

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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