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Der Kirchenraum wird zur Spielfläche

Kleinwachau. Das Ensemble Mutawor vereint Musik, Tanz und Wort auf ganz eigene, ungewöhnliche Weise.

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Von Bernd Goldammer

In der ersten Reihe stehen Rollstühle und in manchen Gesichtern lässt sich lesen. Die Welt ihrer Gefühle ist anders. Das Ensemble Mutawor tritt am Freitagabend in der kleinen Kirche des Kleinwachauer Epilepsiezentrums nicht zum ersten Mal auf. Der Name steht nicht für orientalische Sinnlichkeit aus tausend und einer Nacht. Er spricht von künstlerischer Dreieinigkeit: Musik, Tanz und Wort sind in ihm vereint. Dazu kommen Spielfreude und Lust am Experiment.

So, wie die Programmteile zueinander gesetzt sind, erlebt der Zuschauer dies als anspruchsvolles Bedingungsgefüge: Geschichten in Gedichtform, von Ringelnatz, Arp und Kästner, leben in der besonderen Spielweise von Michael Rock-stroh auf. Dazu kommen eigene Texte und Improvisationen. Orgel (Linde Mothes), Klarinette und Saxofon( Alexander Spirling) bilden dabei nicht nur den Hintergrund, sie sind eher Treibstoff für eine ungewöhnliche Inszenierung. Das erschließt sich nicht gleich. Dazu braucht es Spannung. Die entsteht durch den Ausdruckstanz, eingebracht von Ingrid Schütze. Die Wechsel sind kurz, der gesamte Kirchenraum wird zur Spielfläche. So entspinnt sich die Geschichte vom Säemanns Garn. In ihr sind Impressionen und Gedichte vom Sehen, von der See, vom Losfahren, von Abenteuern, vom Umherirren, Emporgehoben und Herabgestürzt werden und zu guter Letzt vom Ankommen. Mal kommt die Musik von hinten, dann plötzlich steht ein Mann mit Koffer vor dem Altar. Geschichten vom Reisen werden angedeutet, ihre Bilder von aufbäumenden, peitschenden Wellen, windstiller Hitze auf offenem Meer entstehen mehr und mehr im Kopf des Zuschauers.

Während dieses Wellenganges kreist der Blick des Beobachters im Saal. Ist das alles nicht etwas zu kompliziert? Wird das Gezeigte die hier versammelten Menschen erreichen? Ein alter Mann im Rollstuhl wirkt müde. Doch der Schein trügt! Der Tanz der Wellen, den Ingrid Schütze darstellt, spricht ihn an. Seine Blicke kreisen um die wirbelnden Füße der Tänzerin. Plötzlich ist er hellwach. Sein Kopf geht mit den Bewegungen, seine Augen beginnen zu sprechen. Hinter ihm ist die Klarinette zu hören. Plötzlich ist sie ganz dicht neben ihm. Den Kopf zu drehen, bereitet dem alten Mann sichtbare Anstrengung. Doch sein Interesse ist stärker...

Flugzeugträger stiftet Pointe

Anderen Besuchern zaubert die Geschichte vom Funkspruch ein Lächeln auf das Gesicht. Ein amerikanischer Flugzeugträger kreuzt im Meer, alles, was ihm in den Weg kommt soll ausweichen. Doch was ist mit dem Leuchtturm vor der Küste? Eine Fehlinterpretation des Radars gemixt mit Großmachtgehabe werden zur glanzvollen Pointe einer ulkigen Geschichte.

Orgelmusik von J.S. Bach setzt die Fahrt der Sinne fort. Wenig später erzählt Kuddeldaddeldu die Geschichte vom Rotkäppchen, frei nach Ringelnatz. Ein bizarrer Stoff, denn hier frisst die Großmutter fast alle die im Märchen der Gebrüder Grimm vorkommen. Als das Programm zu Ende ist brandet Beifall auf. Das war zu erwarten. Auch der alte Mann im Rollstuhl klatscht begeistert und seine Augen leuchten.