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Der kleine Dicke fährt allen davon

Harald Czudaj wollte ein Großer werden. Nachteile steckte er mit viel Willen und Köpfchen weg. Das brachte Olympiagold und eine Karriere als Unternehmer.

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Von Jochen Mayer

Steuermänner brauchen ein Ziel, einen Plan und gute Nerven. Das ist im Bobgeschäft genauso wie an allen anderen Steuerknüppeln, Lenkrädern, Schiffsrudern. Harald Czudaj ahnte mal genau, dass er an Boblenkseilen gut aufgehoben ist. Deshalb setzte der Ex-Kanute Himmel und Hölle in Bewegung für einen Eignungstest. Auf eigene Kosten hätte er eine Pilotenausbildung gemacht. Czudaj zog es mit aller Macht zum Bob. Sein Antrieb: „Ich wollte etwas werden im Sport, war in der Schule aber der kleine Dicke und unsportlich. Beim Crosslauf freute ich mich schon, wenn ich nicht Letzter wurde. Ich wusste, dass ich viel für meinen Traum tun muss.“ Der feste Glaube daran gipfelte im Viererbob-Olympiagold 1994 in Lillehammer.

Sternstunde: Olympiasieg in Lillehammer für Harald Czudaj und die Anschieber Karsten Brannasch, Olaf Hampel und Alexander Szelig (v.l.). Auch heute lächelt der Pilot wie Schwejk. Fotos: dpa, SZ/Jörg Schubert
Sternstunde: Olympiasieg in Lillehammer für Harald Czudaj und die Anschieber Karsten Brannasch, Olaf Hampel und Alexander Szelig (v.l.). Auch heute lächelt der Pilot wie Schwejk. Fotos: dpa, SZ/Jörg Schubert © picture-alliance / dpa/dpaweb

Was vor 20 Jahren im Millimeterfinish mit sechs Hundertstelsekunden Vorsprung glorreich gipfelte, findet nun seine Fortsetzung. Harald Czudaj meistert mit Ziel, Plan, Nervenstärke sein Leben als Familienvater mit drei Söhnen und als Unternehmer. Als einer der Geschäftsführer von multifunktionalen Sportanlagen in Riesa und Coswig, gibt er 30 Festangestellten und noch mal so vielen Pauschalkräften Arbeit. Die Fitness-, Freizeit-, Gesundheits- und Trendsportangebote kommen an: 1 500 nutzen sie in Coswig, 1 200 in Riesa.

Heute staunt Harald Czudaj über den Mut, dass er 1995 zusammen mit seinem Trainer Gerd Leopold in Riesa einen Fitnesskomplex aus dem Boden stampfte. „Ich war verrückt, mich auf so ein Projekt einzulassen“, sagt der 50-Jährige jetzt. „Mit dem Wissen von heute würde ich mir das nicht noch mal wagen. Wir waren megamutig, erhielten einen Kredit von fünf Millionen D-Mark. Den bekommt man heute nicht mehr mit so einem Konzept.“

Die Entscheidung war überlegt. Sein Sportlehrer-Diplom hatte nach der Wende wenig Wert. Dazu kamen Erfahrungen mit dem Arbeitsamt, mit ABM, Versicherungs-Verkauf und Autohaus: „Nach dem Olympiasieg wusste ich: Mit meinem Leben muss sich was ändern. Lillehammer-Gold sollte mir Rückenwind geben für eine echte Zukunft – was mit Sport sollte es sein.“

Mit Elan und Arbeitswut stürzten sich Czudaj und Leopold mit ihren Familien und Freunden in das Projekt. Sie machten viel selbst – sauber, Werbung, Kundenpflege, Kurse. „Ich stand in der Küche, trieb nebenbei Leistungssport“, staunt Czudaj über diese Anfänge. Der Pilot wollte wie beim Bobfahren im neuen Gewerbe alles verstehen, egal ob es Reinigung, Sauna, Heizung oder Elektroinstallation war. „Nur so kann ich bei Problemen handeln.“ Der Tüftler sucht keine Lösung auf dem Tablett, sondern analysiert, was zu verbessern geht: „Beim zweiten Anlauf in Coswig wollten wir weniger Fehler machen als in Riesa.“

Mit viel Kopf-Vorarbeit war das Riesaer „Olympia“-Zentrum gewachsen. Es entstand aus Gast-Sicht. „Ich muss mich in ihn versetzen: Er kommt rein – und dann? Wo geht er hin? Was könnte er brauchen? Stimmt der Service?“, lauten die Grundfragen. „Danach haben wir unser Konzept gestrickt und die Anlage gebaut. Da ist nichts von der Stange, das sind alles unsere Überlegungen. Ich verkaufe auch kein Bier, das mir nicht schmeckt.“ Die Ähnlichkeiten zum Bobfahren sind erstaunlich. Auch da denkt der Pilot voraus. Er schließt die Augen und die Bahn entsteht vor dem inneren Auge mit einer idealen Fahrlinie.

Harald Czudaj schaut wach in die Welt: „Mir hat mal einer gesagt, man kann mit den Augen mausen. Das habe ich schon als Sportler so gehalten. Ich sah mir genau an, was die anderen machen. Und ich suche an Stellen nach Reserven, an die andere nicht denken. Das kompensiert all meine Nachteile.“ Er verlor darüber wenig Worte. Das verlieh dem ewigen Tüftler Schwejk'sche Züge. „Das halte ich heute noch so“, sagt er verschmitzt lächelnd.

Und er war immer ein Teamplayer: „Ich hatte neben Gerd Leopold tolle Trainer mit Wilfried Scholz oder Gerd Grimme. Und hinter den Olympiasieg-Anschiebern standen mit Axel Jang oder Tino Bonk – um nur einige zu nennen – starke Athleten. Auch jetzt funktioniert unser Unternehmen nur, wenn alle miteinander den Erfolg wollen.“

In den „Olympia“-Sportzentren erinnert viel an die Eiskanal-Karriere: Poster, Fotos, Bobs. Czudaj hat den Kontakt zur Szene nie verloren. Noch heute steuert er bei Seniorenrennen, als Spurbob oder zu Testfahrten durch die Eislabyrinthe. Und er sorgt sich um seine Sportart – besonders um Robert Göthner. „Der Junge war talentiert, schon mal besser als Weltmeister Francesco Friedrich“, weiß Czudaj. „Sein schlimmer Sturz in Altenberg hat mich geschockt.“ Robert Göthner musste mit Lähmungen das Leben neu ordnen, konnte das Sportstudium nicht beenden, wechselte zur Mathematik. Czudaj imponiert, mit welchem Lebensmut der verhinderte Pilot sein Schicksal meistert. Vergangenes Jahr startete Göthner mit der Behindertensport-Kanuauswahl zur WM.

Eine Mahnung zur Vernunft

Wohin Sachsens Bobsport geht, ist Czudaj nicht gleichgültig. Zur Vierer-Entscheidung in Sotschi lädt der Olympiasieger am 23. Februar nach Riesa ein. Seine Lillehammer-Anschieber kommen auch vorbei. Damit Sachsen weiter Weltspitze bietet, soll in Altenberg investiert werden. Die Frage ist, mit welchem Konzept. Die Stadt will das alte Trainingsobjekt am Eiskanal rekonstruieren, alle restlichen Entscheider setzen auf Neubau in Altenberg.

Harald Czudaj mahnt zu Vernunft: „Ich wünsche mir eine sachliche Debatte über alle Vor- und Nachteile. Sollte der Neubau in Altenberg kommen, muss gesichert sein, dass das Miteinander verschiedener Sportarten funktioniert, dass Anwohner nicht belästigt werden, dass bis ins Detail gedacht wird – bis zu Parkplätzen.“ Und er hofft, dass das Alte nicht weggeschoben wird: „Diese Kosten kann man wieder investieren – für neue Projekte. Zum Beispiel in einen Familien- und Spielpark, der sich auch bei Schlechtwetter nutzen lässt.“ Harald Czudaj ist schon wieder gedanklich einen Schritt weiter. Das macht wohl einen echten Olympiasieger auch im Alltag aus.