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Der Klettermaxe von Langburkersdorf

Michael Mütze ist studierter Theologe.Statt auf der Kanzel einer Kirche zu stehen, baumelt er lieber am Turm. Die SZ hat im Oberlausitzer Hochkirch dabei zugesehen.

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Von Jörg Stock

Nanu? Wie kam das Loch hier rein? Durch eine Kaiserlich-österreichische Kanonenkugel? Bestimmt nicht. Seit dem Siebenjährigen Krieg hat man hier mehrfach repariert. Außerdem ist die Öffnung eckig. Sie ist etwa so groß, wie eine Streichholzschachtel. Ich rutsche näher heran, auf einem dicken Balken voller Staub und Fliegenmumien. Genau vor der Öffnung baumelt draußen ein Mann an mehreren Seilen. Mit ihm führe ich mein erstes Interview durch einen Kirchturm hindurch.

Der Mann heißt Michael Mütze. Er ist 50, Chef des Alpintechnischen Höhendienstes in Langburkersdorf bei Neustadt, und gehört zu den versiertesten Industriekletterern der Region. Heute hängt er mal nicht an einem Schornstein, nicht an einem Mobilfunkmast oder Kühlturm und auch nicht in einem rußigen Kraftwerkskessel. Heute hängt er am Kirchturm von Hochkirch und hämmert wie wild auf das Blech der Turmhaube ein.

Hochkirch – das darf man wörtlich nehmen. Der 1750 vollendete Kirchturm ragt gewiss sechzig Meter aus der Landschaft. Kirche und Gottesacker gingen durch den sogenannten Überfall von Hochkirch in die Militärgeschichte ein. 1758 überrumpelten hier die Österreicher des Nachts die lagernden Preußen. Auf dem Kirchhof focht ein preußisches Bataillon bis zu seiner Vernichtung. Etliche Geschosse in der Kirchfassade und eine zersiebte Eingangstüre sind Zeugen.

Michael Mütze hat dafür kein Auge. Er kümmert sich um moderne Blessuren. Wind und Wetter haben sich an der kupfernen Turmzwiebel abgearbeitet. Die Blechhaut ist dünn geworden, und rissig. Wird ein Blech derart lose, dass der Wind es greifen kann, würde womöglich ein großes Stück Verkleidung mit einem Male aufgekrempelt.

Mütze soll das verhindern. Dafür hat er, ein kleiner, drahtiger Mann, mit seinem Kollegen Gundolf Krause, einem großen, stämmigen Mann, den ganzen Vormittag Material und Werkzeug den Turm hinauf geschleppt: Seile, Gurte, Bleche, Klebstoffwürste, Akkuschrauber. Die Leute, die um die Grabsteine häckeln, wundern sich. Eine Frau fragt vorsichtshalber: „Macht ihr was Gefährliches?“

Nein, Industriekletterei ist nicht gefährlich, sagt Michael Mütze. Er findet, dass Gerüstbauer mit einem weit größeren Absturzrisiko leben. Mütze vertraut ganz seinen Seilen. Sie können Tonnenlasten tragen und gehen täglich durch seine prüfenden Hände. Findet er dabei einen „Treffer“, also eine Schadstelle, wird das Seil durchgeschnitten.

Von der Glockenstube aus geht es nur noch senkrecht empor, auf einer minimalistischen Metallstiege. Knapp zwängt man sich durch den letzten Zwischenboden. Mancher Turm ist nur mit Ausatmen zu erklimmen, bemerkt der Kletterprofi. Dann sind wir oben und stecken die Nasen in den scharfen Wind, während unten, im Lande Liliput, sich kein Ästchen regt.

Michael Mütze knüpft seine Seile mit undurchschaubarer Fingerfertigkeit. Er sichert sich doppelt. Außerdem braucht er Arbeitsleinen zum Ablassen der Geräte. Eine Seilbahn für Abfall führt bis hinab in den Kirchhof. Die vielen angeschlagenen Leinen bilden bald eine Art Spinnennetz zwischen den Pfeilern der Turmlaterne. Mütze stellt eine kleine Klappleiter an das Geländer, steigt darauf, und weg ist er. Nur das Scharren seiner schweren Arbeitsschuhe auf dem Blech kündet noch von seiner Gegenwart.

Früher wollte Herr Mütze nicht auf Kirchtürme steigen, sondern auf Kirchkanzeln. Er wollte Pfarrer werden, wie sein Vater. Das Theologiestudium hat Michael Mütze zu DDR-Zeiten durchgezogen. In den Semesterferien aber reparierte er schon Kirchendächer. Viele Kirchbauten kämpften mit dem Verfall. Und nicht jeder Dachdecker traute sich in die entlegenen Regionen eines Kirchendachs. Mütze klettert seit 1979 im Elbsandstein. Fähigkeit und Notwendigkeit machten ihn zum Turmkraxler.

Die Große Show mit Christo

Die Technosportler, so hießen die Seilarbeiter in der DDR, hantierten mit improvisierten Mitteln. Heute sträuben sich bei Mütze die Haare, wenn er daran denkt. Nach der Wende sollte diese Art zu arbeiten verboten werden. Verpackungskünstler Christo und sein verhüllter Reichstag haben vielleicht ein wenig dazu beigetragen, dass die Klettermaxe heute anerkannte Spezialisten sind. Mütze war im Sommer 1995 einer der Reichstagseinpacker. Das war Wahnsinn, sagt er. „Performance pur!“

Am Hochkircher Kirchturm geht es nicht um Show. Es geht um Not-Reparatur. Durch mein Loch höre ich den Kletterer grummeln. Hier ist nichts mehr mit fachgerechtem Falzen, sagt er. Das Blech ist gar zu alt. Mütze setzt eine Spritzpistole an. Was des Meisters Hand nicht ziert, wird mit Silikon verschmiert, witzelt er bei sich. Der Akkuschrauber schnurrt. Aber plötzlich ist die Batterie alle. „Neuen Akkuuu!“, höre ich ihn rufen. Diese Hängepartie wird noch etwas dauern.