merken
PLUS

Der knorrige Riese

Romantik bringen die alten Bäume in den Schlosspark Rammenau. Das ist leider nicht ganz ungefährlich.

© Steffen Unger

Constanze Knappe

Rammenau. Die alte Buche muss weg. Was bei Naturschützern die Nackenhaare aufstellen lässt, stimmt auch Ines Eschler traurig. „Die Blutbuche wurde schon von Johann Centurius von Hoffmannsegg zwischen 1826 und 1830 gepflanzt. Und das als großer Baum. Deshalb ist die Buche mindestens 250 Jahre alt“, erklärt die Leiterin des Barockschlosses Rammenau. Es handelt sich demnach um einen der ältesten Bäume des Schlossparks. 700 an der Zahl befinden sich auf dem eingezäunten Grundstück. Rechnet man noch die öffentlich zugänglichen Dammwiesen und die anderen Außenflächen hinzu sogar mehr als 1 000. Viele davon sind über 200 Jahre alt. Die knorrigen Riesen sorgen zu jeder Jahreszeit für das, was man sich in einem Schlosspark wünscht – Romantik.

Anzeige
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus
Bio-Angebote von Vorwerk Podemus

Dresdens Biohof steht seit fast 30 Jahren für Bio aus der Region. In den Märkten ist eine besondere Kooperation zu entdecken: Die Käsefreundschaft zu vier kleinen Bio-Dorfsennereien in Graubünden.

Pilzbefall nachgewiesen

Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite. Wegen ihres Alters sind etliche Bäume nicht mehr so ganz gesund. Es sei zu befürchten, dass nach einem Sturm Äste herabfallen und womöglich Besucher verletzen, sagt Ines Eschler. Bei umfangreichen Pflegearbeiten wurde im vorigen Jahr das Totholz im gesamten Park entfernt und die Bäume genau in Augenschein genommen. Für 15 von ihnen machte sich das Gutachten eines Experten notwendig. Wie im Fall der Blutbuche, in deren Wurzelbereich Pilzbefall nachgewiesen wurde. Der Baum neigt sich. Niemand kann genau sagen, wie standsicher er überhaupt noch ist. Deshalb soll dieser Baum demnächst aus Sicherheitsgründen gefällt und die Wurzeln großräumig herausgeschnitten werden.

Schon eher aus dem Park verschwunden ist ein imposanter Tulpenbaum aus der Zeit der ersten Pflanzungen von 1826. Der sehr große Baum wurde 2009 durch einen Blitzschlag getroffen. Derart heftig, dass Äste des Baums in einem Umkreis von 50 Metern zu liegen kamen. Der Blitz traf durch den Baum hindurch auch noch die unterirdischen Elektroleitungen, die durch den Park bis hin zum Schloss verliefen. Und das mit so einer gewaltigen Energie, dass durch den Einschlag im Schloss selbst Relais aus den Wänden gerissen wurden. Es hätte zu einem Brand kommen können. Bei der Behebung des Schadens wurde die elektrische Anlage gleich so umgebaut, dass derlei Gefahr nicht mehr droht. Der zerstörte Tulpenbaum wurde abgesägt, hat aber inzwischen drei neue Triebe von vier bis fünf Meter Höhe. Aus einem davon, so erklärt Ines Eschler, soll wieder ein richtiger Baum werden. Da ist Geduld gefragt. Zum ersten Mal wieder blühen wird die Rarität nämlich erst in 15 bis 20 Jahren.

Botanische Raritäten

Ursprünglich war der Schlosspark in Rammenau als streng barocke Anlage angelegt. Ob die Entwürfe dafür jemals vollständig realisiert wurden, ist nicht so ganz klar. Als sicher gilt, dass Johann Centurius von Hoffmannsegg den Garten ab 1820 zu einem Landschaftspark im englischen Stil umbaute und dabei zwei Teiche, künstliche Ruinen, Hügel und Grotten anlegen ließ. In seiner Dresdner Gärtnerei verfügte er über 2 000 Pflanzenarten, von denen er etliche nach Rammenau brachte und zudem 15- bis 30-jährige Bäume aus umliegenden Wäldern in den Schlosspark umsetzen ließ. Einige botanische Raritäten sind ihm zu verdanken wie besagter Tulpenbaum, Haselbaum, rotblühende Kastanien, die sehr alten Rhododendren rechts und links neben der Schlosstreppe, die blauen Hortensien und manch anderes mehr.

Zwischen 1825 und 1835 wurde der Garten durch Carl Gottlieb Hartmann neu angelegt. Zwei bis zehn Leute gingen ihm dabei zur Hand, für einen wöchentlichen Lohn. „Seine Frau und die beiden Söhne mussten ebenfalls mit anpacken. Hartmann bezog ein jährliches Gehalt von 24 Talern, bekam freie Kost und ein Deputat an Holz und Leinsamen“, so Ines Eschler. Der von ihm angelegte Kräutergarten existiert immer noch, für die einst beiderseits des Schlosses befindlichen Gewächshäuser wurde aber kein Nachweis gefunden.

Parkkonzept nötig

Von 1963 an war der Rat des Kreises Bischofswerda Träger der Schlossanlage. Gartenarchitektin Christa Bretschneider erarbeitete 1968 unter Einfluss des damaligen Museumsleiters Karl-Heinz Mommont einen Rekonstruktionsplan für den Park. In der Folge wurde offenbar vieles gepflanzt, was ursprünglich nicht ins Schloss gehörte. Das trug dazu bei, dass von den einstmals von Hoffmannsegg erdachten Sichtachsen nicht mehr viel übrig ist.

Manch Ältere werden sich noch an das Pfauengehege mit den weißen Pfauen erinnern, die bis 2012 durch Rammenauer gepflegt wurden. Dass es im Schlosspark mal ein Hälterbecken für Forellen gab, aus welchem die Schlossgastronomie versorgt und Fische frei verkauft wurden, erscheint heute ebenso erstaunlich wie der Gästegarten mit Liegewiese für 100 Besucher am Gartenrestaurant. Die dazugehörigen Toilettenhäuschen wurden 2013 wegen Baufälligkeit abgerissen. In einer „Denkmalpflegerischen Rahmenzielstellung“ aus dem Jahr 2005 werden zusätzliche Einbauten wie etwa das Entenhäuschen kritisch bewertet, auch sollen überflüssige Pflanzen entfernt werden. Um den Schlosspark nach historischem Vorbild umzugestalten und die alten Sichtachsen wiederherzustellen, braucht es ein Parkkonzept. Das aber kann noch Jahre dauern.

Ungeachtet dessen soll die Blutbuche nach ihrer Fällung durch neues Grün ersetzt werden. Welche Baumart genau, das ist noch nicht entschieden. Da der Pilz nur alte geschwächte Bäume angreift, sei nach den Worten des Gutachters kein Schaden für das neue Grün zu befürchten. Für den Ersatzbaum wird ein Pate gesucht. Schon andere Bäume im Schlosspark haben einen solchen. Doch war es früher nicht erlaubt, Schilder aufzustellen, so Ines Eschler. Inzwischen ist dies aber möglich.