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Der König ditscht in Zuschendorf

Das Landschloss in Pirna bereitet die Kamelienschau vor. Und erinnert an 100 Jahre Königliche Hofgärtnerei in Pillnitz.

© Thomas Morgenroth

Von Thomas Morgenroth

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Mit geübten Händen richtet Volker Berthold dem König das schüttere Haupthaar. Der Architekt zieht vorn und hinten, guckt kritisch von der Seite, lässt schließlich mit einem „besser geht es nicht“ von Friedrich August III. ab, dem letzten Monarchen der Sachsen. Der schnurrbärtige Regent sitzt derweil ungerührt an einem runden Tisch und trinkt mit seinen Kindern Kaffee aus Meissener Porzellan mit Zwiebelmuster. Ohne seine Frau: Prinzessin Luise ist mit dem Sprachlehrer der Kinder in die Schweiz geflüchtet.

Nun ist der König Alleinerziehender, und das nutzt der Herrscher zur Pflege des von ihm geliebten sächsischen Dialekts und der damit verbundenen Bräuche weidlich aus. Auf die Frage seiner Jungen und Mädchen, ob sie „die Bäbe ditschen“ dürften, nickt er nicht nur zustimmend, sondern macht es auch gleich selbst. Bestaunt von den Kindern und dem Personal.

Es ist eine anrührende Szene, eine wahre noch dazu, die in diesen Tagen im Blauen Salon des Landschlosses Zuschendorf in Lebensgröße Gestalt annimmt. Mit echtem Porzellan, alten Kaufhauspuppen und einem Rührkuchen aus Beton. Als Vorlage für dieses Arrangement dient Volker Berthold, 79, eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Jahre 1910, die bei einem Kaffeekränzchen im Schloss Pillnitz aufgenommen wurde. Der Ort ist entscheidend, dass die amüsante Ditscherei als Inszenierung nun Teil der nächsten Kamelienausstellung und Azaleenschau im Landschloss wird.

In Pillnitz nämlich weihte Friedrich August III. 1915 die „Neue Königliche Hofgärtnerei“ ein, ein Meilenstein in der Kultivierung vor allem von Zierpflanzen. Mit 42 Glashäusern auf einem Hektar Fläche, die zu den modernsten der damaligen Zeit gehörten und die noch heute klimatisch unerreicht sind. Das jedenfalls meint Matthias Riedel, der Leiter der Botanischen Sammlungen der TU Dresden in Zuschendorf. Er muss es wissen, hat er doch zwei der historischen Gewächshäuser gerettet, als die Gärtnerei in Pillnitz ab 1996 grundlegend erneuert wurde. Eines der Häuser wurde im Zuschendorfer Gutspark originalgetreu wieder aufgebaut, ein anderes in Teilen, als Anlehngewächshaus an der Parkmauer. Beide wurden mit Kamelien bepflanzt. „Die Pflanzen darin strotzen vor Gesundheit“, freut sich Matthias Riedel.

Schon Jahre zuvor bewahrte er über einhundert originale Bauzeichnungen aus den Jahren 1911 bis 1915 für den Neubau der Hofgärtnerei vor der Vernichtung. In den Wendewirren hatte die Bauabteilung der VEG Saatzucht Zierpflanzen Dresden, zu der sowohl Pillnitz als auch das 1988 erworbene Zuschendorf gehörten, ihre Baracke aufgegeben und die gerollten Pläne in einer Ecke zur Entsorgung aufgestapelt. Auf der Suche nach alten Plänen für Zuschendorf entdeckte Riedel die historischen Unterlagen und stellte sie sicher.

Nun, fünfundzwanzig Jahre später, erblicken mindestens achtzig dieser Pläne, einige sogar von Hofgartendirektor Friedrich Bouchè (1850-1933) signierte, in Zuschendorf wieder das Licht der Öffentlichkeit. Präsentiert in eigens dafür angefertigten Rahmen. Nicht nur Aufrisse der Gewächs- und Palmenhäuser sind darunter, auch technische Zeichnungen, die ahnen lassen, wie fortschrittlich die Gärtnerei gewesen ist. So wurde zum Beispiel das 23,5 Kilometer lange Rohrnetz der Warmwasserheizung mit Pumpen im Rücklauf betrieben, eine wegweisende Neuerung in der damaligen Zeit, in der bis dahin nur Schwerkraftheizungen üblich waren.

Die Besucher erleben im Festsaal außerdem die Einweihung der Hofgärtnerei in Pillnitz in einem aufwendigen Schaubild. Dafür restauriert Riedels Mitarbeiter Jens Hähnel derzeit ein Stück Pillnitzer Gewächshaus, das auf dem Dachboden des Landschlosses die Zeiten überdauerte. Alles daran ist original, selbst das Holz, amerikanische Pitch Pine, das so witterungsbeständig ist, dass es selbst nach 100 Jahren keine Anzeichen von Altersschwäche zeigt.

So alt ist der Hofgartendirektor nicht geworden, er feiert als eine ihm ähnliche Puppe seine Auferstehung. Näher dran am Original ist der König, der eigens für die Zeremonie angefertigt wird. Den Kopf modelliert Mitarbeiter Robert Marutz, die schlicht gehaltene Uniform, auf Fotos überliefert, schneidert Simone Hermsen in Pirna. „Das wird der echte König“, sagt Berthold und streichelt dabei dem ditschenden Monarchen zärtlich übers Haupt, dem „unechten“, dem schrulligen Familienvater. Wen wird das Volk wohl mehr lieben?

Zuschendorf 2015: 28.2. bis 6.4., Kamelien; 18.4. bis 3.5., Azaleen; 25.7. bis 9.8., Hortensien; 1.5. bis 18.10., Bonsai; 28.11. bis 13.12., Weihnachten im Landschloss.

www.kamelienschloss.de

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