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Der Körpersprachler

Nach Jahrzehnten in der ganzen Welt kehrt Pantomime Matthias Krahnert in seine alte Heimat zurück.

© Andreas Weihs

Von Nadja Laske

Er kennt die Kunst wie die Tasche seiner zart gestreiften Weste. Die Kunst der Komik. Oder besser: diese „undefinierbare Disziplin“, wie sie Matthias Krahnert nennt. Der Mime beherrscht sie mit großer Geste oder Purismus, je nach Text und Timing, Gast und Gelegenheit, Rolle und Regel seines Genres. „Manchmal genügt dies“, sagt er und zieht die rechte Augenbraue in Richtung Donnerwetter. Da verstummt jeder Schwatz bei Tisch und verschwindet mit leisem Glucksen im Bauch. Sollte dort noch Platz sein.

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Matthias Krahnert hat die Anfänge der Dinnershow mitgestaltet. Als unter dem Namen „Panem et Circenses“ ein neues Unterhaltungsformat die Liaison von Kunst und Kalorien zu feiern begann, war er dabei. Das ist 27 Jahre her. Von da an stand der gebürtige Dresdner auf unzähligen Bühnen, in Arenen und Zelten, als anarchischer Clown oder auch mit politischem Theater unter dem Deckmantel der Clownerie.

Seine ersten Schritte am Ort lernte der heute 59-Jährige in Ralf Herzogs Pantomimenstudio. „Meine Mutter hatte davon in der Zeitung gelesen und schickte mich hin“, erzählt er. Mit seinen zwölf Jahren war er mit Abstand der Jüngste im Kurs der Körpersprachler. Als nicht ganz 20-Jähriger inszenierte Matthias Krahnert ein erstes eigenes Soloprogramm. Es war Zeit für ihn, seinem Lehrberuf als Koch nach etlichen Jahren in der Restaurantküche Karl-Heinz Bellmanns „Linie 6“ Ade zu sagen.

Im Theater atmete er die Luft, die er zum Leben brauchte und verdiente eben dafür sein Geld zunächst als Bühnentechniker und Theatermeister am Theater Junge Generation. So lange, bis ihn eine geniale Idee endgültig diesseits des Theatervorhanges katapultierte. Unter anderen zusammen mit den Pantomimen und Schauspielern Rainer König und Alf Mahlo gründete er die Pantomimegruppe Salto Vitale und trat mit ihr im sozialistischen Ausland und noch vor der Wende auch im westlichen Europa auf. „Als die Mauer fiel, kamen wir gerade aus Frankreich und wunderten uns, warum uns so viele Trabis entgegen kamen“, erinnert sich Matthias Krahnert.

Die Chance zu nutzen und „drüben“ zu bleiben, das wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Dafür ging es ihm zu gut. Außerdem munkelte man im Freundeskreis, die Ära der Genossen neige sich dem Ende zu. Nun kam das Drüben rüber, und für die Dresdner Pantomime-Truppe öffneten sich die Grenzen sogar bis übers große Wasser. Insgesamt acht Jahre lang reiste sie umher, dann entschied sich Rainer König für die Heimat, und auch Alf Mahlo trennte sich von Salto Vitale. Für Matthias Krahnert begann seine Zeit als Clown im Dienst der ersten deutschen Dinnershow Pan et Circenses, später bei der berühmten Nachfolge-Companie Pomp, Duck & Circumstance.

Für alle großen Shows arbeitete er, stand mit den Künstlern des kanadischen Cirque du Soleil für eine Filmproduktion vor der Kamera, wurde von Promi-Koch Alfons Schuhbeck für dessen Palazzo-Show in München engagiert und von Eckart Witzigmanns Bajazzo ebenfalls. Ein ganzes Jahr auf Gastspiel am Broadway in New York zu sein, auch das gehört in seine Vita. Und wenn es so scheint, als habe Matthias Krahnert kein Rampenlicht ausgelassen und rund ums Jahr gespielt, tut sich immer noch eine weitere Rolle, eine zusätzliche Produktion, eine nicht zu unterschlagende Inszenierung in seiner Biografie auf.

Außerdem Facetten, die mit Unterhaltungskunst nichts zu tun haben. Rund um die Jahrtausendwende fühlten sich Krahnert und seine Frau, die zehn Jahre lang ein Berliner Restaurant betrieben hatte, reif für die Insel und für ein zweites Kind. Das Paar beschloss, auf die nordwestlichste der Kanarischen Inseln, La Palma, umzusiedeln. „Wir hatten eine Finca angeboten bekommen und suchten dort die Ruhe, die wir nach allem Trubel vermissten.“ Drei Jahre blieben sie, gewöhnten sich an einen neuen Lebensrhythmus, lebten vom Obst verlassener Plantagen und genossen die ersten Lebensjahre ihres Sohnes. Inzwischen ist er 16 Jahre und halb so alt wie sein Bruder.

Aussteiger bleiben wollte die Familie nicht. Nach drei Jahren kehrte sie nach Deutschland und Matthias Krahnert in seine Rollen zurück. Niederlande, Österreich, Schweiz, Argentinien – auf den Bühnen der Welt zu Hause, verwurzelt in Berlin, im Herzen ein Dresdner, so fasst der Schauspieler seine Heimatgefühle zusammen. Nun kommt er für ein Gastspiel zurück an die Elbe. Ab 30. November gibt er in der weihnachtlichen Dinnershow „Palaishotel – The Grand Opening“ den Maître d’hôtel.

Die Geschichte: Ehemals erstes Haus am Platze, soll das Fünf-Sterne-Hotel mit einer fulminanten Eröffnungsfeier zurück in den Fokus der feinen Gesellschaft kehren. Doch alles geht schief, und die Belegschaft retten nach allen Regeln der Unterhaltungskunst den Abend. Der Maître hat reichlich damit zu tun, das Publikum zu liebkosen, zu belustigen und schließlich satt und glücklich nach Hause zu schicken.

Ob als Kellner, Portier, Leibdiener oder Hausmeister – das Publikum erlebt Matthias Krahnert skurril, wortwitzig, charmant und für jede Eventualität gewappnet. Vor seiner gestreiften Weste hängt etwas, das ein Aschebecher sein könnte. Ist es aber nicht. Der klemmt an seinem Gürtel. „Clown kann man nicht lernen“, sagt Matthias Krahnert, „höchstens Techniken.“ Seine Gesten, Bewegungen und Utensilien haben sich zu einem Ganzen verbunden. Das Ganze ist der Gag.

„Palaishotel“, 30. November bis 7. Januar, auch Silvester; Tickets ab 58,50 Euro an allen Vorverkaufskassen und unter 0351 4219990