merken

Der Konservierer

Ein Mann schmeißt seinen gut bezahlten Job, zieht nach Sachsen und startet neu: Heute leitet Hans-Joachim Stephan das DDR-Museum in Radebeul.

© Norbert Millauer

Von Anna Hoben

Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

Es geht abwärts, und wenn man unbedingt will, kann man es symbolisch verstehen, klar. „Abwärts, wie mit der DDR“, sagt Hans-Joachim Stephan, es klingt, als würde er den Satz öfter sagen, vielleicht weil die Leute ihn irgendwie erwarten, und er grinst. So beginnt der Rundgang im Museum „Zeitreise“ in Radebeul also im vierten Stock, Thema Staat und Institution, von da aus setzt er sich nach unten fort: Wohnen und Leben, Arbeit, Fahrzeuge und Mobilität. Dann, unten, die Frage: Wo geht’s nur raus hier? Wieder grinst Stephan und sagt: „Man will ungern wieder raus, ich weiß schon.“ Vor dem Ausgang kommt man noch am Museumsshop vorbei, hier kann man Brausepulver kaufen oder ein T-Shirt, auf dem steht: „DDR 1949 – 1989: Ich war dabei.“

Hans-Joachim Stephan, 58 Jahre, Igelhaarschnitt, ruhige Stimme, war nicht dabei. Geboren in Dortmund, ging er 1975 zum Studium der Lebensmitteltechnologie nach Bayern. Später landete er im öffentlichen Dienst. Wenn er von seinem Leben erzählt, überspringt er an dieser Stelle 20 Jahre. Er engagierte sich in der Politik, versuchte vergeblich, in seinem 10 000-Seelen-Ort parteiloser Bürgermeister zu werden. Beruflich sah er keine Entwicklungschancen mehr, als Bauamtsleiter war er am Ende der Karriereleiter angekommen.

Heute spricht er über die Zeit als seine „Midlife-Krise“. 1998 fragte er sich: Willst du für den Rest deines Lebens Verwaltung machen – oder dich in etwas ganz Neues stürzen? Er entschied sich für das Zweite, wechselte in die Privatwirtschaft, machte Konfliktmanagement bei Bauprojekten. Dann der Umzug nach Sachsen. Hans-Joachim Stephan, der sich immer für Lokomotiven begeistert hatte, kaufte den alten Bahnhof im Moritzburger Ortsteil Friedewald. Er hatte sich das so vorgestellt: eine Erlebnisgastronomie, die er „Lok-in“ genannt hätte, dazu Kabarett. Doch auch dieses Projekt ließ sich nicht umsetzen.

Mit 48 war ich zu alt für den öffentlichen Dienst“, sagt Stephan heute. „Ich hätte höchstens eine Schwangerschaftsvertretung bekommen.“ Er dachte an den kleinen Jungen, der er einmal gewesen war, der jedes Mal, wenn er bei seinem Onkel in München war, gebettelt hatte: Können wir ins Deutsche Museum gehen?

Und so fasste der Technik-Fan und Autokenner einen neuen Plan: ein Automobilmuseum in der Neustädter Markthalle in Dresden. Er hatte sich ein großes Netzwerk aufgebaut und DDR-Fahrzeuge gesammelt. Dieses Mal ging es gründlich schief, noch heute hat er Schulden von damals. Dritter Versuch, eine Erweiterung der Museums-Idee. Diesmal klappte es – 2006 eröffnete er das DDR-Museum „Zeitreise“. Inzwischen kommen jährlich 60 000 Besucher. Das
andere Deutschland hatte Stephan schon immer interessiert. Er hatte Freunde gehabt in Neustadt an der Saale, in den 70er- und 80er-Jahren hatte er manchmal mit dem Auto an der Grenze gestanden und sich die Stimmen im Radio angehört. „Ich wollte hören: Wie redet dieses andere Land?“ Im Januar nach dem Mauerfall fuhr er hinein, „durch ein Loch im Zaun zwischen Hof und Pirk“. Eine Mammut-Tour, drei Tage, nach Zittau, dann Richtung Thüringen. Er schaute sich Dampfloks an und alte Fabriken.

Ein Vormittag in der Woche: Aus den Stuben im DDR-Museum leuchtet es. Vor Kurzem haben die Mitarbeiter den Weihnachtsschmuck aufgestellt, auch mehrere Christbäume. Eine Mitarbeiterin nestelt an einem Nachttisch herum. „Hier wird auch Staub gewischt“, sagt Stephan, „wie zu Hause.“ Ein bisschen wie früher zu Hause – so soll auch sein Museum sein.

„Wenn es um die DDR geht, wird heute alles nur aus dem Blickwinkel des Unrechtsstaates betrachtet“, sagt der 58-Jährige. Er will in dem ehemaligen Gebäude des VEB Kraftanlagenbau eine andere Perspektive vermitteln: die alltägliche. Wenn er die Debatten hört, dass manche DDR-Symbole verbieten wollen, oder dass der Historiker Hubertus Knabe die Treffen von Trabi-Fans als „Schlag ins Gesicht der Opfer“ bezeichnet, findet er das absurd.

In seinem Museum gibt es Plattenspieler und Fernseher, Möbel und Uniformen, Einzelstücke, die andere gern hätten. Ein Zimmer zeigt die komplette Einrichtung eines Mannes, der als Heimatvertriebener in der DDR lebte. Alles ohne politische Wertung. Bei den meisten Besuchern kommt die Mischung an, das bestätigt das Gästebuch. Stephan sagt: „Ich freue mich, wenn die Leute sagen: Ja, so war’s. Das war mein Leben.“ Sein Museum konserviert den Alltag eines vergangenen Landes.

Er habe noch Unmengen an Ideen, sagt er. Aber immer ist da das Finanzierungsproblem. Bis auf einige Ein-Euro-Jobber, die ihm die Stadt Radebeul zur Verfügung stellt, bekommt er keine Unterstützung, kein Fördergeld. Er hat mit Firmen verhandelt, aber die schmücken sich nicht gern damit, dass sie ein DDR-Museum sponsern. Doch trotz der Schwierigkeiten hat die Unabhängigkeit für ihn einen Vorteil: „Ich muss nie ein Blatt vor den Mund nehmen.“