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Der Kuchen wird immer kleiner

Handwerk hat keinengoldenen Boden mehr. Diese Feststellung ist in der Tischlerinnung weit verbreitet.

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Von Wolf Dieter Liebschner

Wenn Obermeister Klaus Hagn eine Sitzung der Tischlerinnung eröffnet, dann geht es zünftig zu: Drei Schläge mit einem hölzernen Hammer auf ein naturbelassenes Stück Holz gebieten Ruhe in der Runde. Als nächstes ertönt der Ruf: „Öffnet die Lade!“ Denn der Deckel der Innungslade muss geöffnet sein. „Sonst ist die Versammlung nicht arbeits- und beschlussfähig“, sagt der Chef der Tischlerinnung Meissen. Die Innungslade enthält die wichtigsten Dokumente des Gremiums, die weit in die Geschichte zurückweisen. Die Lade selbst ist eher jüngeren Datums. Sie wurde 1996 zum 400. Jubiläum der Innung angefertigt. „Es hat auch eine uralte Lade gegeben“, erzählt Hagn. „Doch deren Spuren haben sich verloren. Sie soll im 30-jährigen Krieg verbrannt sein, wird erzählt. “

„Handwerk hat heute keinen goldenen Boden mehr“, sagt Hagn. Auf öffentliche Aufträge könne man nicht mehr bauen. Wenn etwas investiert werde, griffen die Kommunen auf das Billigste zurück. „Bleibt noch der private Bereich. Aber die Masse der Fenster und Türen ist nach der Wende erneuert worden. Und jetzt sind die Leute vorsichtig geworden, halten ihr Geld zusammen.“

„Der Kuchen wird immer kleiner.“ So lautet Hagns Fazit. Auch die Innung selbst ist kleiner geworden. „1990, nach der Wiedergründung der Innung, zählten wir 52 Betriebe mit insgesamt 110 Beschäftigten. Heute gibt es nur noch 27 Betriebe mit etwas über 50 Mitarbeitern.“ Der Organisationsgrad liegt damit bei etwa 35 Prozent. Etwas größer ist mit 49 Mitgliedsbetrieben die Tischlerinnung im Kreis Riesa-Großenhain.

„Insolvenzen und Austritte“, nennt Innungs-Geschäftsführer Karl Starke als Hauptgründe für den seit 1997/98 anhaltenden Schrumpfungsprozess. „Die Politik hat die falschen Rahmenbedingungen gesetzt“, sagt er. „Auch ohne Innungsmitgliedschaft lässt es sich ganz gut leben.“ Die Nichtmitglieder profitieren beispielsweise von der Prüfungsabnahme für Lehrlinge, die ausschließlich von Innungen durchgeführt werden, oder auch von den durch die Innungen festgelegten Tarifen. Zudem haben die Innungen durch Abführungen an Landes- und Bundesverband sowie die Kreishandwerkerschaft zusätzliche finanzielle Belastungen zu tragen. Laut Starke könne man dadurch lediglich noch jeden vierten eingenommenen Euro auch tatsächlich für die Innungsarbeit verwenden. Nicht zuletzt die Meißner setzen sich nun dafür ein, dass auch Nichtmitglieder sich an den Finanzen beteiligen müssen.

Weniger Arbeit bedeutet auch weniger Ausbildung. In Meißen und Riesa-Großenhain werden insgesamt gerade mal 16 Lehrlinge beschäftigt. „Zu mehr sind die Betriebe finanziell gar nicht in der Lage“, sagt Hagn. „Und es gibt auch einen moralischen Aspekt: Ein Meister bildet vor allem für den eigenen Betrieb aus. Aber wie soll er das heute noch machen, wenn er mangels Aufträgen schon Gesellen entlassen muss?“