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Der Künstleranatom aus Potschappel

Gottfried Bammes schuf ein weltweit einmaliges Werk. Am Sonntag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Gottfried Bammes 1995 in seinem Atelier in Freital-Potschappel.
Gottfried Bammes 1995 in seinem Atelier in Freital-Potschappel. © Thomas Morgenroth

Von Anke Stenzel 

Freitals Ehrenbürger, der Maler und Künstleranatom Gottfried Bammes, wäre am 26. April 100 Jahre alt geworden. 1920 in Potschappel geboren, blieb er mit seiner Ehefrau Gertraud diesem Stadtteil zeitlebens treu. Vielen Freitalern werden seine Wandbilder in Schulen und Kindergärten oder am Stadtkulturhaus erinnerlich sein. Einige davon, wie in der Waldblick-Schule oder in der Schule in Kleinnaundorf, existieren heute noch. Eine Reihe von Ausstellungen – allein vier in den Städtischen Sammlungen Freital – machte der Öffentlichkeit sein pädagogisches und künstlerisches Wirken bekannt.

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Gottfried Bammes gilt als Nestor der Künstleranatomie. Mit zahlreichen Publikationen und mehr als zwanzig Fachbüchern schuf er das umfangreichste und fundierteste Standardwerk zur Künstleranatomie von Mensch und Tier, das ist weltweit einmalig. „Die Gestalt des Menschen“, 1964 beim Verlag der Kunst Dresden erschienen, wurde zu seinem bekanntesten Grundlagenwerk und sein Name zum Synonym. „Wer den Bammes zur Hand nimmt, spürt unweigerlich, hier wurde eine Brücke geschlagen zwischen Wissenschaft und künstlerischem Schaffensprozess“, sagte einmal der Berliner Künstler Christoph Wetzel.

Die Sachzeichnungen seiner Lehrbücher besitzen neben ihrem künstlerisch- ästhetischen Wert auch einen wissenschaftlich-informativen Gehalt und werden daher ebenso von vielen Nichtkünstlern geschätzt. 1975 erhielt „Die Gestalt des Tieres“, erschienen im E.A. Seemannverlag Leipzig, eine Ehrenanerkennung bei der Auswahl der schönsten Bücher des Jahres.

Nach dem Besuch der Lessingschule in Freital legte Gottfried Bammes 1939 an der Oberschule in Dresden-Plauen sein Abitur ab. In dieser Zeit erfuhr er besondere künstlerische Förderung durch seine Kunsterzieher Alfred Hirt und Alfred Hofmann. Nach Absolvierung des Reichsarbeitsdienstes begann er 1940 in Dresden ein Studium für Kunsterziehung. Dieses wurde noch im selben Jahr durch seine Einberufung zum Kriegsdienst unterbrochen.

Flucht aus Gefangenschaft

Bammes musste zu seinem Glück keine Fronterfahrung machen. Er war überwiegend in Norwegen und Holland stationiert und geriet im März 1945 in Goslar in kanadische Gefangenschaft. Aus dem Ort seiner Internierung bei Bremen gelang ihm die Flucht und er kam auf abenteuerlichem Weg im Juni 1945 in Freital an. Wenige Tage später wurde seine erste Tochter geboren. 1944 hatte er seine Verlobte Gertraud Tippner geheiratet, deren Ehe insgesamt fünf Kinder entstammen.

Gottfried Bammes malt Anfang der 1970er -Jahre am Wandbild der Ernst-Thälmann-Oberschule in Freital-Döhlen.
Gottfried Bammes malt Anfang der 1970er -Jahre am Wandbild der Ernst-Thälmann-Oberschule in Freital-Döhlen. © Archiv Anke Stenzel

Nach Kriegsende half er bei der Enttrümmerung der Kunstakademie Dresden und bildete sich als Maler zunächst autodidaktisch aus. Er gehörte in den schweren Jahren des Neubeginns zu den ersten Künstlern, die in das Eisenhammerwerk Dölzschen und die Gussstahlwerke Döhlen – das spätere Edelstahlwerk – gingen. „Ich entschloss mich, in jenes Klima einzutauchen, wo das Leben wieder zu pulsieren begann“, wie er selbst einmal sagte.

In den Werkhallen zwischen Lärm, Staub und Hitze schuf er eindringliche und expressive Porträts. Seine Darstellungen der damaligen Technik sind nicht nur zeitgeschichtlich interessant, sondern auch von hoher künstlerischer Qualität mit subtiler Farbigkeit. 1949 und 1950 gründete und leitete er in diesen Betrieben die ersten sogenannten „Laienzirkel“ der DDR überhaupt, da ihm die künstlerische Anleitung interessierter Arbeiter am Herzen lag.

Anfang der 1950er-Jahre studierte Bammes an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) Dresden bei den Professoren Fritz Dähn und Rudolf Bergander und schloss mit Diplom ab. Noch 1953 wurde er zum Hochschullehrer und sieben Jahre später zum Professor für Künstleranatomie berufen. Zentrales Anliegen seines kunstanatomischen Unterrichts war es, nicht nur auf die Oberfläche der menschlichen oder tierischen Gestalt zu blicken, sondern über das Verstehen von Skelett- und Muskelfunktionen zu einer vorstellungsgestärkten bildnerischen Aussage zu finden. Legendär waren seine meterlangen virtuosen Wandtafelzeichnungen, mit denen er in den jeweiligen Stoffbereich einführte.

Zahlreiche Gastvorlesungen führten ihn unter anderem nach Bulgarien, in die Sowjetunion, nach Großbritannien und in die Schweiz. An der Schule für Gestaltung in Zürich schätzte man das Können und die didaktische Klarheit des Unterrichts von Gottfried Bammes besonders hoch. Bis 1985 unterrichtete er die Studierenden der HfbK Dresden mit Begeisterung, aber auch mit Unduldsamkeit bei Desinteresse oder mangelnder Pünktlichkeit.

Wandtafelzeichnung von Gottfried Bammes aus dem Anatomieunterricht, 1980.
Wandtafelzeichnung von Gottfried Bammes aus dem Anatomieunterricht, 1980. © Gottfried Bammes

Obwohl sein Name vorrangig mit jenem Lebenswerk verknüpft ist, ist festzuhalten, dass in seiner freien Zeit immens viele Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle und Ölgemälde der unterschiedlichsten Sujets entstanden. In seinem Spätwerk beschäftigte sich Bammes mit Sinn- und Daseinsfragen und drückte die sprachlichen Bilder der Bibel in eigenen Symbolen und Gleichnissen aus. Im letzten Jahr vor seinem Tod inspirierten ihn vor allem die mythologischen Lieder der „Edda“.

Ausstellung im Einnehmerhaus

Am 14. Mai 2007 verstarb Gottfried Bammes in Dresden. Heute befindet sich der weitaus größte Teil seines schriftlichen und künstlerischen Nachlasses sowie seine Lehrmodelle im Archiv und der Anatomischen Sammlung der HfbK Dresden, wo er für Lehre und Forschung erschlossen wird. Aber auch in den Städtischen Sammlungen Freital auf Schloss Burgk, dem Kupferstichkabinett und in der Städtischen Galerie Dresden werden spezifische Schwerpunkte seiner Arbeiten aufbewahrt. Aus Anlass des 100. Geburtstages von Gottfried Bammes soll in diesem Jahr eine Ausstellung an sein Schaffen erinnern. Ausgerichtet wird diese vom Kunstverein Freital im Einnehmerhaus in Potschappel, seinem Heimatort. Die Eröffnung ist für den 30. August geplant – so Corona will.

Anke Stenzel ist die jüngste Tochter von Gottfried Bammes und seit 1995 als selbstständige Diplomrestauratorin erfolgreich tätig. Sie hat auch schon Wandbilder ihres Vaters restauriert, wie das in der Waldblick-Schule im Freitaler Stadtteil Niederhäslich.

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